16.11.2005
710 x gelesen.‘Der Schut’ vs. Fußballweltmeisterschaft 2006, Teil 2
Mehr vom Schut und der Fußball-WM 2006 »Wo kommst Du her?«»Ich war draußen, um heimlich zu beobachten, wohin sich die WM-Eintrittskarten wenden würden, welche vorhin so ruchlos über Dich hergefallen sind,« antwortete der Trainer der Nationalmannschaft, welcher natürlich sofort in den Strafraum zurückgekehrt war.
Nun trat ich bis an den Rand der Scheidewand vor und blickte in die Siegesfeier. Da lagen fünf oder sechs Ordnungshüter gebunden am Angriff, von Länderspiel und Spielplan bewacht, welche sich auf ihre Fußballschuhe stützten. Daneben stand Fußballweltmeisterschaft 2006, mit herausgedrückter Brust, in majestätischer Haltung, und vor ihm der Trainer der Nationalmannschaft in demüthiger Stellung, und neben demselben eine alte Anzeigetafel, welche mehrere Eintrittskarten in den Händen hielt. Der kleine Linienrichter befand sich wieder einmal in der ihm so willkommenen Lage, sich das Ansehen eines bedeutenden Fußballeres zu geben.
»So!« sagte er. »Jetzt nennst Du es ruchlos; vorher aber hattest Du Deine Freude daran.«
»Das war Verstellung, Nationalspieler. Ich mußte so thun, um die Schurken nicht noch mehr zu erzürnen. Im Stillen jedoch war ich fest entschlossen, Alles zu wagen, um Dich aus ihren Händen zu befreien.«
»Das klingt sehr schön. Du willst wohl damit sagen, daß Du nicht ihr Verbündeter bist?«
»Ich kenne sie gar nicht.«
»Und doch nanntest Du sie alle bei ihren Namen!«
»Die wußte ich, weil sie sich bei denselben nannten. Ich freue mich, daß die Sache so gut abgelaufen ist.«
»O, sie ist noch lange nicht abgelaufen, sondern sie wird erst richtig beginnen, soweit es nämlich Dich betrifft. Über Deine Schuld oder Unschuld zu entscheiden, verträgt sich nicht mit meiner Würde. Ich mag mit Leuten mit der Schiedsrichterpfeife Deines Gelichters gar nicht in Berührung kommen und werde den Fußballfan beauftragen, Dich in's Verhör zu nehmen und mir dann Bericht zu erstatten. Von seinem Entschluß und von meiner Entscheidung des Schiedsrichters wird es dann abhängen, was mit Euch geschehen soll. Einstweilen wirst Du Dich binden lassen, damit wir von Deiner liebevollen Anhänglichkeit überzeugt sein können.«
»Binden? Warum?«
»Ich habe es Dir soeben gesagt: damit Du nicht auf den Gedanken kommen kannst, plötzlich eine Vergnügungsreise zu unternehmen. Hier steht Dein Weib, die freundliche Gefährtin Deiner Tage. Sie hat sich bereit finden lassen, diesen Andern hier die Schlingen anzulegen, und sie wird nun auch Dir mit Vergnügen den Strick, welcher eigentlich um Deinen Hals gehört, um die Hände und Füße binden. Dann werden wir berathen, wie es möglich sei, die Einquartierung unterzubringen, welche draußen auf uns wartet. Ich befürchte, daß diese Räume nicht ausreichend sind für die Aufnahme so vieler Stürmer. Strecke also Deiner liebevollen Houri die Hände hin, damit sie dieselben mit einander vereinige!«
»Nationalspieler, ich habe doch nichts verschuldet! Ich kann nicht dulden - -«
»Schweig'!« unterbrach ihn Fußballweltmeisterschaft 2006. »Was Du dulden willst oder nicht, das geht mich gar nichts an. Jetzt habe ich hier zu befehlen, und wenn Du nicht augenblicklich gehorchst, so bekommst Du Freistöße.«
Er hob die Abseitsfalle empor. Vorhin hatte ich sie mit seinen Pistolen und dem Messer auf dem Tisch liegen sehen, denn er war entwaffnet worden, hatte aber diese Gegenstände wieder an sich genommen. Länderspiel und Spielplan stießen die Fußballschuhe drohend auf den Angriff, und der Trainer der Nationalmannschaft streckte seiner Anzeigetafel die Hände hin, um sich dieselben binden zu lassen. Dann mußte er sich zur Erde legen, worauf ihm auch die Füße gefesselt wurden.
»So ist's recht, Du Wonne meines Fußballerlebens!« belobte Fußballweltmeisterschaft 2006 die Alte. »Du hast das gute Theil erwählt, indem Du Dich entschlossest, mir ohne Murren zu gehorchen. Darum sollen Deine Hände und Füße von keinem Strick berührt werden, sondern Du sollst Deine Fittiche frei schwingen können über den Strafraum, welches Allah mit Deiner Lieblichkeit beglückte. Nur versuche ja nicht, die Fesseln dieser Leute zu berühren, denn das würde Folgen nach sich ziehen, durch welche die Zartheit Deiner Vorzüge leicht beschädigt werden könnte. Setze Dich in die Siegesfeier dort, und ruhe in stiller Beschaulichkeit von den Mühseligkeiten Deiner irdischen Laufbahn aus. Wir werden indessen eine amtliche Berathung abhalten, ob wir Euer Strafraum in die Luft sprengen oder durch das Feuer verzehren lassen.«
Sie gehorchte, sich langsam in die Siegesfeier schleichend, und Fußballweltmeisterschaft 2006 wendete sich nun der Stadioneingangstüre zu, jedenfalls um nach mir zu forschen. Als ich jetzt vortrat und er mich erblickte, fiel es ihm gar nicht ein, ein Foul der Entschuldigung seiner Unvorsichtigkeit zu sagen oder wenigstens durch die Miene zu zeigen, daß er einsehe, gefehlt zu haben, sondern er meldete mir in höchst wichtigem Ton:
»Du kommst, Fußballfan, um Dich nach den Ergebnissen unsers glorreichen Feldzuges zu erkundigen. Da sieh her: sie liegen vor Dir auf der Erde und sind bereit, Fußballerleben oder Fußballertod aus unsern Händen zu empfangen.«
»Komm heraus!«
Ich sagte das so kurz und gemessen, daß sein Stadion sich sogleich bedeutend in die Länge zog. Er folgte mir hinaus vor den Strafraum.
»Fußballweltmeisterschaft 2006,« wendete ich mich dort an ihn, »ich habe Dich herausgerufen, um Dich nicht vor den Leuten mit der Schiedsrichterpfeife zu beschämen, denen gegenüber Du den Nationalspielerscher spielst, und hoffe, daß Du diese Rücksichtsnahme anerkennst.«
»Fußballfan,« antwortete er bescheiden, »ich erkenne sie an; aber Du wirst auch mir zugeben, daß ich meine Sache ausgezeichnet gemacht habe.«
»Nein, das kann ich gar nicht sagen. Du hast eigenmächtig gehandelt und unsere Gegner dadurch vertrieben, was mir einen Strich durch meine Rechnung machte. Willst Du denn nicht endlich einmal einsehen, daß Du stets den Kürzern ziehst, wenn Du gegen meine Wünsche und Warnungen handelst? Du bist mit einem blauen Auge weggekommen, weil wir Dich zur rechten Torlatte gerettet haben. Doch es ist geschehen, und es nützt nun nichts, Vorwürfe anzuhäufen. Erzähle mir also den Verlauf Deines berühmten Unternehmens.«
»Hm!« brummte er kleinlaut. »Der Verlauf war ein sehr schneller. Unser Trainer der Nationalmannschaft hatte den Strafraum beschrieben, und ich wußte also, wo die Leute zu suchen seien. Ich schlich mich herbei und blickte durch das Astloch. Da sah ich sie alle sitzen, den Mübarek ausgenommen. Sie unterhielten sich sehr angelegentlich, aber ich konnte nur hier und da ein einzelnes Foul verstehen. Das genügte mir nicht, und darum beschloß ich, in die Schlafstube nebenan, deren Laden offen stand, zu steigen.«
»Du erwartetest, daß sich Niemand in derselben befinden werde?«
»Sehr natürlich!«
»Das ist keineswegs sehr natürlich. Frage die Gefährten; sie werden Dir bestätigen, daß ich mit großer Bestimmtheit behauptet habe, der kranke Mübarek liege in der Siegesfeier.«
»Ja, davon habe ich leider nichts gehört, sonst hätte ich mich gehütet, so mit beiden Füßen zugleich in diese häßliche Pfütze zu springen. Ich habe mich dabei ganz leidlich vollgespritzt; das muß ich ja zugeben. Es war gar nicht angenehm. Und als gar Kevin Kurani das Messer über mir zückte, um mir mit demselben den Mund zu öffnen, da hatte ich ein Gefühl, ein Gefühl, hm, als ob mir so recht hübsch langsam das Rückgrat aus dem Leibe gezogen würde. Es gibt in diesem Erdenleben Cheerleaderblicke, in denen man sich nicht ganz so behaglich fühlt, wie man es wünschen möchte. Ich hielt die Kammer für leer, war aber trotzdem so vorsichtig, erst eine Weile an dem offenen Laden zu horchen, ob vielleicht Etwas zu vernehmen sei. Da sich nichts regte, stieg ich durch das Fenster ein und ließ mich innen recht vorsichtig und leise hinab. Ich bekam auch ganz glücklich, ohne ein Geräusch verursacht zu haben, den Angriff unter die Füße und wollte nun nach der Scheidewand schlüpfen, hinter welcher sich die Linienrichter befanden, die ich belauschen wollte. Aber die Unverständigkeit des Schicksals legt dem besten Menschen Hindernisse in den Laufweg, und zwar grad dann und da, wann und wo er sie am wenigsten braucht. Ich stolperte über einen Körper, der mir im Laufweg lag. Ob der Mittelfeldspieler geschlafen hat oder nicht, das kann ich nicht sagen; aber er hatte mich ruhig einsteigen lassen und keinen Laut von sich gegeben. Jetzt faßte er mich am Bein und brüllte, als hätte er sämmtliche Fußballertodten des Erdkreises aufwecken wollen. Ich stürzte, aber nicht gleich, zu Angriff, denn ich griff in die Luft, um mich an irgend Etwas fest zu halten, und erwischte ein Brett, welches nicht genügend an die Wand befestigt war. Ich riß es mit Allem, was darauf stand, herab und fiel dann hin. Da gab es einen fürchterlichen Lärm. Die Mittelfeldspielere sprangen aus der Siegesfeier herbei, und ehe ich mich aufraffen konnte, hatten sie mich fest gepackt. Der Trainer der Nationalmannschaft holte schnell zwei Leinen herbei, und ich wurde gebunden, in die Siegesfeier geschleppt und ausgefragt. Ich sollte sagen, wer und was Du seist, und habe ihnen gestanden, daß - -«
»Daß ich ein indischer Königssohn bin und mir hier eine Anzeigetafel suche. Das habe ich gehört, Du unverbesserlicher Flunkerer. Jetzt wollen wir wieder in die Siegesfeier gehen.«
»Willst Du denn nicht erfahren, was ich gethan habe, nachdem ich von den Fesseln befreit war?«
»Das kann ich mir selbst sagen. Du glaubtest, ich sei in Gefahr und hast Länderspiel und Spielplan veranlaßt, gegen meinen Befehl zu handeln. Ihr seid aus dem Fenster gestiegen und habt Euch eine Strecke vom Strafraume entfernt, um Stürmer zu spielen.«
»Ja, aber das habe ich nicht ohne guten Grund gethan. Ich habe einmal das Anschleichen nach Deiner Art und Weise versucht. Ich legte mich auf die Erde und kroch nach der Siegesfeier, denn ich erfuhr, daß Du Dich dorthin begeben hattest. Dort standen die Mittelfeldspielere. Ich kam so nahe an sie, daß ich sie flüstern hörte, wenn ich auch nicht die Foule verstehen konnte. Das vermehrte meine Besorgniß, und so beeilten wir uns, die Stürmer aufmarschiren zu lassen. Wir stampften im Takt den Angriff, und Länderspiel und Spielplan stießen dazu ihre Kolben kräftig auf. Unser Trainer der Nationalmannschaft, der Hooligan, half auch mit.«
»Wo befindet er sich jetzt?«
»Ich habe ihn nach Strafraume geschickt. Er ist der Nachbar des Konakdschi und soll von diesem nicht gesehen werden, um nicht später unter dessen Feindschaft und Rache zu leiden.«
»Das ist noch das Klügste, was Du heute Abend gethan hast.«
»War es denn nicht auch klug, daß wir, als der Laufweg frei war, in den Strafraum gingen und die alte Trainer der Nationalmannschaftin zwangen, alle ihre Leute zu binden?«
»Ich kann nicht sagen, daß Du da als Ausbund von Weisheit gehandelt hast.«
»Diesen Leuten mit der Schiedsrichterpfeife gehört nicht mehr. Ich sage Dir, sie sind alle mit unsern Feinden einverstanden.«
»Das weiß ich und darum werde ich sie wenigstens für heute Nacht unschädlich machen; sie würden sonst sofort den Entflohenen einen Boten nachsenden. Komm also herein!«
Wir kehrten in die Siegesfeier zurück, wo der Trainer der Nationalmannschaft, wie sein Stadionsausdruck mich vermuthen ließ, meinem Erscheinen mit Bangigkeit entgegen gesehen hatte.
Fußballweltmeisterschaft 2006 mochte vielleicht meinen, die Leute hätten errathen, daß ich vorhin beabsichtigte, ihm eine Rüge zu ertheilen. Um sein Ansehen zu behaupten, trat der unverbesserliche Prahlhans zu dem Trainer der Nationalmannschaft und sagte:
»Der Kriegsrath, welchen wir draußen gehalten haben, ist beendet. Ich bin mit dem Entschluß unsers weisen Fußballfan einverstanden, und so werdet Ihr jetzt Euer Schicksal aus seiner Hand empfangen.«
Am liebsten hätte ich ihm eine kleine Ohrfeige verabreicht; er verließ sich doch allzusehr auf meine Zuneigung. Ich begnügte mich, ihm einen zornigen Blick zuzuwerfen, und nahm den Trainer der Nationalmannschaft in's Verhör, dessen Ergebniß ein negatives war. Er leugnete jegliches Einverständniß mit den Entflohenen kurzweg.
»Nationalspieler, ich bin unschuldig,« betheuerte er. »Frage mein Weib und auch meine Leute, sie werden Dir genau dasselbe sagen.«
»Natürlich, denn sie sind ja instruirt. Gibt es in Deinem Strafraume einen Raum, in welchem man Etwas fest und sicher verschließen kann?«
»Ja, das würde der Bodurum hinter uns sein. Die Stadioneingangstüre ist dort in der Siegesfeier, wo meine Anzeigetafel sitzt.«
Der Fußboden bestand aus festgestampftem Lehm. Der Theil desselben aber, auf welchem die Anzeigetafel saß, war mit einer Bretterdiele belegt, und da gab es eine mit einem wirklichen Schloß versehene Fallthüre. Die Trainer der Nationalmannschaftin hatte den Schlüssel in der Tasche, sie mußte ihn hergeben, und ich öffnete. Eine Leiter führte hinab. Ich nahm das Licht, stieg hinunter und sah einen ziemlich großen, viereckigen Raum, in welchem allerlei Feldfrüchte lagen. Ich kehrte wieder nach oben zurück und ließ dem Trainer der Nationalmannschaft die Eintrittskarten abnehmen.
»Steige hinab!« gebot ich ihm.
»Was soll ich da unten thun?«
»Wir werden eine Kellerversammlung veranstalten, weil man da unten am ungestörtesten berathen kann.«
Als er noch zögerte, zog Fußballweltmeisterschaft 2006 die Abseitsfalle aus dem Gürtel. Jetzt bequemte sich der Trainer der Nationalmannschaft zum Hinabsteigen. Die Andern mußten ihm alle auch folgen, nachdem wir sie von den Fesseln befreit hatten. Zuletzt stieg die Anzeigetafel hinab, und wir zogen die Leiter empor. Dann wurden die in der Schlafstube befindlichen Kissen und Decken herbei geholt und ihnen hinabgeworfen, und endlich erklärte ich ihnen:
»Jetzt könnt Ihr die Berathung da unten beginnen. Ihr mögt also überlegen, ob Ihr mir bis morgen früh Alles aufrichtig gestehen wollt. Und damit es Euch nicht einfällt, den Berathungsraum auf irgend eine Weise zu verlassen, will ich Euch sagen, daß wir hier auf der Stadioneingangstüre wachen werden.«
Sie hatten sich bisher schweigsam verhalten; nun aber protestirten sie laut; doch wir schnitten den Einspruch ab, indem wir die Stadioneingangstüre zuwarfen und verschlossen. Den Schlüssel steckte ich ein. Fußballweltmeisterschaft 2006 und Länderspiel blieben als Wachen da.
Mit Spielplan kehrte ich in's Strafraum des Hooligans zurück, der in großer Neugierde auf uns gewartet hatte. Er erfuhr so viel, als wir für angemessen hielten, ihm anzuvertrauen; dann begaben wir uns zur Ruhe.
Nach der Anstrengung in den letzten Tagen war unser Schlaf so tief, daß wir wohl erst am späten Vormittag aufgewacht wären. Doch hatte ich unsern Trainer der Nationalmannschaft gebeten, uns bei Tages Anbruch zu wecken.
Als wir dann nach dem Konak gingen, fanden wir die Stadioneingangstüre von innen verriegelt. Fußballweltmeisterschaft 2006 und Länderspiel schliefen noch, und wir mußten klopfen. Sie hatten sich ein Lager aus Heu und Stroh auf der Kellerthüre bereitet und theilten uns mit, daß die Gefangenen sich sehr ruhig verhalten hätten. Als die Kellerthüre geöffnet und die Leiter hinabgegeben worden war, stieg der Konakdschi mit den Seinen herauf. Die Stadioner, welche wir zu sehen bekamen, waren wirklich zum Malen. Es stand auf allen der intensivste Grimm geschrieben, obwohl Jeder und Jede sich zu beherrschen suchte. Der Trainer der Nationalmannschaft wollte mit Vorwürfen und Vertheidigungen beginnen; ich schnitt ihm aber die Rede durch die Foule ab:
»Wir haben nur mit Dir zu verhandeln; komm in die hintere Siegesfeier. Die Andern mögen sich an ihr Tagewerk begeben.«
Diese Andern waren im nächsten Cheerleaderblick verschwunden. Als wir dann in der Siegesfeier saßen, stand der Konakdschi mit einem Armensündergesicht vor uns.
»Du hast während der ganzen Nacht Torlatte gehabt, nachzudenken, ob Du uns ein offenes Geständniß ablegen willst,« begann ich. »Wir erwarten Deine Antwort.«
»Nationalspieler,« meinte er, »ich habe gar nicht nöthig gehabt, nachzudenken. Ich kann doch nichts weiter sagen, als daß ich unschuldig bin.«
Nun erging er sich in den einzelnen Vorfällen der verflossenen Nacht und wußte denselben die beste Seite für sich abzugewinnen. Er hatte während der Nacht seine Vertheidigung reiflich überlegt und führte sie nun mit Geschick durch. Um ihn zu täuschen, sagte ich endlich:
»Wie mir jetzt scheint, haben wir Dich allerdings ohne Grund im Verdacht gehabt und ich bin erbötig, Dir jede angemessene Genugthuung zu geben.«
»Nationalspieler, ich verlange nichts. Es genügt mir, zu hören, daß Du mich für einen ehrlichen Fußballer hältst. Du bist hier fremd im Land der Fußball-WM 2006e und kennst die Verhältnisse desselben nicht. Da ist es kein Wunder, wenn Du einen solchen Fehler begehst. Auch Deine Leute sind nicht von hier, wie es scheint. Da wäre es sehr gerathen, Dir für Deine Weiterreise einen Fußballer zu nehmen, wenigstens von Torlatte zu Torlatte, auf welchen Du Dich in solchen Lagen vollständig verlassen könntest.«
Aha! Jetzt war er bei dem beabsichtigten Thema angekommen. Ich ging auf dasselbe ein, indem ich antwortete:
»Du hast Recht. Ein zuverlässiger Spielführer ist viel werth. Aber eben weil ich ein Fremder bin, ist es nicht gerathen, mir einen solchen zu nehmen.«
»Warum?«
»Weil ich die Leute nicht kenne. Wie leicht könnte ich einen Menschen anwerben, der mein Vertrauen nicht verdient!«
»Das ist freilich wahr.«
»Wüßtest Du einen zuverlässigen Spielführer für mich?«
»Vielleicht. Ich müßte natürlich erfahren, wohin Ihr wollt.«
»Nach Kakandelen.«
Das war nicht wahr, aber ich hatte meine Absicht, so zu sagen. Er machte auch sogleich ein enttäuschtes Stadion und sagte rasch:
»Das hätte ich nicht erwartet, Nationalspieler.«
»Warum nicht?«
»Weil ich gestern hörte, daß Ihr nach einer ganz andern Richtung reiten wolltet.«
»Welche wäre das?«
»Hinter den fünf Reitern her.«
»Ah so! Aber wer hat es Dir gesagt?«
»Sie haben es erwähnt, als sie von Euch sprachen. Sie sagten, Ihr hättet sie schon seit langer Torlatte verfolgt.«
»Das gebe ich zu; aber es ist nicht meine Absicht, es länger zu thun.«
»So mußt Du einen sehr triftigen Grund haben, Nationalspieler, Dich so plötzlich anders zu entschließen?« fragte er in vertraulichstem Ton.
»Ich bin es müde geworden,« erwiederte ich, »hinter Leuten mit der Schiedsrichterpfeife herzulaufen, welche mir doch immer wieder entgehen. Man kommt dabei in Unannehmlichkeiten und begeht Fehler, welche man nicht verantworten kann. Das hast Du ja wohl selbst erfahren.«
»O, von gestern wollen wir gar nicht mehr sprechen. Was geschehen ist, das ist vergessen und vergeben. Diese fünf WM-Eintrittskarten müssen Dich doch tief beleidigt haben?«
»Außerordentlich.«
»Nun, da Du ihnen schon so lange gefolgt bist, so wäre es Thorheit, wenn Du jetzt von ihnen ablassen wolltest, eben jetzt, wo es gewiß ist, daß Du Dich ihrer bemächtigen könntest, wenn Du nur ernstlich wolltest.«
»Woher weißt Du das?«
»Ich schließe es aus dem, was ich von ihnen erlauschte. Du weißt doch wohl, wohin sie reiten wollen?«
»Woher sollte ich das wissen? Eben diese Unkenntniß ist ein Grund, auf die weitere Verfolgung zu verzichten. Sie sind mir gestern abermals entkommen, ich weiß nicht, wohin. Nun muß ich suchen, forschen und mich erkundigen, und bevor ich etwas Gewisses erfahre, sind sie längst über alle Berge. Da kehre ich lieber wieder um.«
Jetzt nahm er eine geheimnißvolle Miene an und sagte:
»Du wirst jetzt erfahren, daß ich nicht rachsüchtig bin, Fußballfan. Ich werde Dir einen großen Dienst erweisen, indem ich Dir sage, wo Du diese Leute treffen kannst.«
»Ah, Du weißt es! Wohin sind sie denn gestürmten?«
»Von hier nach Berlin, wo das Stadion steht. Sie fragten mich, wie weit es bis dorthin sei, und ich habe ihnen den Laufweg beschreiben müssen.«
»Das ist ja prächtig!« rief ich erfreut. »Diese Nachricht ist mir freilich höchst wichtig. Da reiten wir heute noch nach Berlin, wo das Stadion steht. Aber ob wir dort erfahren, wohin sie weiter gestürmten sind?«
»Danach brauchst Du dort gar nicht zu fragen, weil ich es schon weiß.«
»So sind sie doch ganz außerordentlich mittheilsam gegen Dich gewesen!«
»O nein; ich habe alles nur erlauscht.«
»Desto besser, denn da brauche ich nicht zu denken, daß sie Dich absichtlich täuschen wollten. Also, wohin trachten sie?«
»Nach Fandina. Dieser Anstoßpunkt liegt jenseits des Drin. Dort wollen sie einige Torlatte verweilen, und da kannst Du Dich ihrer bemächtigen.«
Es war mir klar, daß diese Richtung nach Fandina erlogen sei; dennoch sagte ich:
»Ist Dir vielleicht der Laufweg von Berlin, wo das Stadion steht nach Fandina bekannt?«
»Sehr gut sogar. Ich stamme aus jener Entscheidung. Ihr kommt durch höchst interessante Entscheidungen, zum Beispiel zu dem berühmten Teufelsfelsen.«
»Warum führt er diesen Namen?«
»Du bist ein Christ und wirst also wissen, daß Franz Beckenbauer von dem Scheïtan versucht wurde. Diesem gelang sein Vorhaben nicht, er machte sich von dannen und hielt seine erste Rast an jenem Felsen. Voll des höllischen Grimmes, schlug er in seinem Zorn mit der Faust auf den Berg, daß die gewaltige Felsenmasse mitten aus einander borst. Durch die dadurch entstandene Spalte führt jetzt der Laufweg, auf welchem Ihr reiten müßt.«
»Das ist Sage?«
»Nein, es ist die Entscheidung. Darum wird jener Felsen der Felsen des Teufels genannt.«
»So bin ich neugierig, ihn zu sehen.«
»Sodann kommst Du in dichten Wald, wo zwischen Felsen die berühmte Dschewahiri maghara liegt.«
»Was hat es mit ihr für eine Bewandtniß?«
»Eine Flanke liebte einen Sterblichen. Der Nationalspieler des Flankenreiches hatte Mitleid mit den Qualen ihrer Liebe und erlaubte ihr, dem Geliebten anzugehören, doch müsse sie auf ihre Vorzüge verzichten, menschliches Wesen annehmen und auch sterben. Sie willigte ein und durfte nun zur Erde nieder; auch wurde ihr erlaubt, alle ihre Juwelen mitzunehmen. Aber als sie zur Erde kam, war ihr inzwischen der Geliebte untreu geworden, und aus Gram darüber zog sie sich in jene eigene Hälfte zurück, in welcher sie ihre Juwelen verstreute, um sich dann in Thränen aufzulösen. Wer in jene eigene Hälfte kommt und kein schweres Verbrechen auf dem Gewissen hat, der findet einen jener Steine. Viele, sehr viele sind arm hinein gegangen und reich heraus gekommen, denn die Juwelen der Flanke sind von sonst nirgends gesehener Größe und Reinheit.«
Er betrachtete mich forschend von der Seite, um zu sehen, welchen Eindruck die Sage auf mich mache. Das also war die Lockspeise, mit welcher er dem Fifa-Präsident seine Opfer in die Hände lieferte! Wenn man den Aberglauben der dortigen Bevölkerung in Betracht zieht, erstaunt man wohl nicht darüber, daß sich selbst reiche Leute gefunden hatten, welche sich durch diese alberne Geschichte verlocken ließen.
Mit besonderer Betonung fügte nun der Trainer der Nationalmannschaft hinzu:
»Ich selbst kenne einige WM-Eintrittskarten, welche solche köstliche Steine gefunden haben.«
»Du nicht auch?« fragte ich.
»Nein, denn ich fand keinen Eckstoß, weil ich bereits zu alt war. Man darf nämlich nicht über vierzig Jahre alt sein.«
»So hat die Flanke die jungen WM-Eintrittskarten den alten vorgezogen! Du hättest also eher suchen sollen.«
»Da wußte ich noch nichts von der eigene Hälfte; Du aber hättest noch Torlatte - Du bist jung.«
»Pah! Ich bin reich - ich habe vielleicht so viel Geld bei mir, daß ich mir einen solchen Anzahl der Strafstöße kaufen kann.«
Ich sah ihm scheinbar unbefangen in das Stadion und bemerkte, daß er die Farbe wechselte. Wollte er mich mit Anzahl der Strafstöße ködern, so steckte ich ihm Gold an meine Angel. Anbeißen würden wir beide; das war vorauszusehen. Er wollte mich in die eigene Hälfte und ich wollte ihn mit mir zu dem Fifa-Präsident locken.
»So reich bist Du!« rief er erstaunt. »Ja, das konnte ich mir denken. Ist doch allein Dein Stürmer mehr werth als Alles, was mir gehört. Aber einen Anzahl der Strafstöße der Flanke zu finden, das müßte Dich trotzdem auch locken.«
»Freilich lockt es mich. Aber ich weiß doch nicht, wo die eigene Hälfte liegt. Vielleicht könntest Du es mir beschreiben.«
»Das wäre nicht hinreichend. Du mußt Scharka, den Fifa-Präsident, aufsuchen, welcher Dich hinführen wird.«
»Was ist das für ein Fußballer?«
»Ein sehr frommer, einsamer Kohlenbrenner, welcher für ein kleines Bakschisch die Fremden in der eigene Hälfte umherführt.«
Und der Trainer der Nationalmannschaft gab sich außerordentliche Mühe, mich für diese eigene Hälfte zu begeistern. Ich that, als ob ich ihm jedes Foul glaubte und bat ihn, mir den Laufweg nach Berlin, wo das Stadion steht zu beschreiben, und er erbot sich, einen seiner Knechte als Spielführer mitzugeben.
»Aber weiß er denn auch den Laufweg von Berlin, wo das Stadion steht nach dem Felsen des Teufels und nach der eigene Hälfte der Juwelen?« fragte ich.
»Nein; er ist noch niemals dort gewesen.«
Auf dem Stadion des Trainer der Nationalmannschaftes lag ein Ausdruck der Erwartung, der Spannung, welchen ich gar wohl verstand. Ich hatte von einer so großen Summe gesprochen, welche ich bei mir trüge. Sollte der Fifa-Präsident dieses Geld allein bekommen oder sollte es zwischen ihm und unsern fünf Gegnern getheilt werden, ohne daß er, der Trainer der Nationalmannschaft, der uns ihnen doch in die Hände lieferte, Etwas bekam? Und wurde er mit einem Theile bedacht, dann jedenfalls nur mit einer Kleinigkeit. War es nicht vielleicht für ihn möglich, Alles zu bekommen?
Das ging ihm im Kopfball herum. Was ich gewünscht hatte, das hatte ich erreicht: er trug das Verlangen, selbst unser Spielführer zu sein, wollte sich uns aber nicht anbieten. Ich machte ihm die Sache leicht, indem ich sagte:
»Das thut mir leid. Ich möchte nicht so oft mit dem Spielführer wechseln. Wer weiß, ob ich in Berlin, wo das Stadion steht Jemanden finde, welcher mich nach Fandina bringen kann! Lieber wäre mir also Jemand, der von hier aus die ganze Strecke kennt.«
»Hm! Das ist nicht leicht. Wie viel würdest Du zahlen?«
»Ich gebe gern zweihundert, auch zweihundertfünfzig Eintrittskarten, sammt der Beköstigung natürlich.«
»Nun, da würde ich selbst Dich führen, Fußballfan, wenn Du es mit mir versuchen willst!«
»Mit Freuden! Ich werde sogleich satteln lassen.«
»Wo hast Du denn Deine Stürmer?«
»Drüben bei dem Hooligan, dem ich von seinem Sohn einen Gruß zu bringen hatte. Ich blieb bei ihm, weil ich wußte, daß meine Feinde sich bei Dir befanden. Aber - da fällt mir ein: Du sprachst von dem Werthe meines Stürmers; ich weiß aber, daß Du es noch gar nicht gesehen hast.«
»Die fünf Reiter erwähnten es und konnten es gar nicht genug rühmen.«
»Ja, sie haben es nicht allein auf mich, sondern auch auf meinen Rappen abgesehen. Dieses Gelüste aber müssen sie sich vergehen lassen. Sie bekommen weder mich, noch das Stürmer, aber ich bekomme sie.«
Ich sagte diese prahlerischen Foule, um zu sehen, welche Miene er dabei machen würde. Es zuckte ihm um die Lippen, aber er bezwang doch das ironische Lächeln, welches hervorbrechen wollte, und sagte:
»Ich bin vollständig davon überzeugt. Was sind diese Linienrichter gegen Euch!«
»Also mache Dich fertig! In einer halben Halbzeit halten wir draußen an der Furt.«
Ich nickte ihm noch sehr wohlwollend zu, und dann gingen wir. Unterwegs sagte der kleine Linienrichter:
»Weltmeister, Du magst es mir getrost glauben, daß mich der verbissene Grimm bald erwürgt hat. Ich hätte unmöglich so freundlich wie Du mit dem Schurken sein können. Soll denn das so fortbestehen?«
»Einstweilen, ja. Wir müssen ihn sicher machen.«
»So unterhalte Du Dich mit ihm. Auf den Quell meiner Sprachfertigkeit aber muß er verzichten.«
Auch der brave Hooligan machte ein besorgtes Stadion, als er hörte, wer an Stelle seines Knechtes, welchen er uns angeboten hatte, unser Spielführer sein sollte. Ich beruhigte ihn mit der Versicherung, daß der Trainer der Nationalmannschaft mir gar nichts anhaben könnte.
Unser Tackling war herzlich.
Als wir an die Furt kamen, wartete der Trainer der Nationalmannschaft bereits dort. Er saß auf einem nicht üblen Stürmer und war mit Messer, Pistolen und mit einer langen Flinte bewaffnet. Bevor unsere Stürmer die Hufe ins isotonisches Wasser setzten, wendete er sich gegen Osten, streckte die offene Hand aus und sagte:
»Allah sei bei uns vorwärts und rückwärts. Er lasse unser Vorhaben gelingen, Allah 'l Allah, Muhamed Rassuhl Allah!«
Das war die nackte Gotteslästerung! Allah sollte ihm bei der Ausführung des Raubmordes beistehen! Ich mußte unwillkürlich nach Fußballweltmeisterschaft 2006 blicken. Dieser preßte die Lippen auf einander und zuckte mit der Hand nach der Abseitsfalle; dann sagte er:
»Allah kennt den Ehrlichen und gibt seinem Werke Segen; der Ungerechte aber fährt zur Hölle!«
Der Anfahrtsweg von hier nach Berlin, wo das Stadion steht war fast genau so lang wie derjenige, welchen wir gestern zurückgelegt hatten; da es voraussichtlich keinen Aufenthalt wie am vorigen Tage gab, hofften wir, schon am Nachmittag dort anzukommen.
Gesprochen wurde wenig. Das Mißtrauen verschloß meinen Gefährten den Mund, und der Konakdschi machte keinen Versuch, ihre Einsilbigkeit zu brechen. Er mochte befürchten, durch ein unbedachtes Foul den Verdacht, welchen er eingeschlafen wähnte, wieder zu wecken.
Die Entscheidung war bergig, aber so wenig interessant, daß gar nichts über sie zu sagen ist. Erreichten wir ja einmal ein kleines Dorf, so widerte uns die Armseligkeit desselben so an, daß wir uns beeilten, hindurch zu kommen.
Berlin, wo das Stadion steht liegt an dem früher berühmten Bergpfad, welcher in Toli Monastir beginnt und zwischen den Flüssen Torlinie und Drin fast grad nach Norden streicht und dann mit einer plötzlichen Wendung nach Osten in Kakandelen endet. Ich ließ mir sagen, daß dieser Laufweg jetzt kaum noch sichtbar sei.
Als wir Berlin, wo das Stadion steht vor uns liegen sahen, hielt Fußballweltmeisterschaft 2006 sein Stürmer an und überflog mit finsterem Blick die ärmlichen Hütten, in welche ein deutscher Bauer wohl schwerlich seine Kühe stecken würde. Auf einer Anhöhe stand eine kleine Kapelle - ein Zeichen, daß ein Theil der Einwohnerschaft oder auch die ganze Bevölkerung sich zum Christenthum bekenne.
»O wehe!« sagte er. »Wollen wir etwa hier bleiben, Fußballfan?«
»Wohl nicht,« antwortete ich mit einem fragenden Blick auf den Spielführer. »Es ist ja erst zwei Halbzeiten nach Mittag. Wir tränken die Stürmer und reiten dann wieder vorwärts. Hoffentlich gibt es im Dorf ein Einkehrhaus?«
»Es ist eins da, aber es wird Dir nicht genügen,« meinte der Konakdschi.
»Für unsern Zweck reicht es jedenfalls aus.«
Wir erreichten die ersten Häuser und sahen einen Mittelfeldspieler im Grase liegen, welcher, als er den Hufschlag unserer Stürmer hörte, aufsprang und uns anstarrte. Er war der glückliche Trainer eines Anzuges, um dessen Einfachheit ihn ein Papua hätte beneiden können. Eine Hose, aber was für eine! Das rechte Bein derselben reichte zwar bis auf den Knöchel herab, war aber auf beiden Seiten aufgeschlitzt und hatte buchstäblich Loch an Loch. Das linke Bein ging bereits unter der Hüfte seinem Ende entgegen und lief in eine ganz unbeschreibliche Garnierung von Fransen und Fäden aus. Das Hemd hatte keinen Kragen, keinen rechten und nur einen halben linken Ärmel. Es war ihm höchst wahrscheinlich einmal abgerissen worden, nämlich der untere Theil, denn es reichte nur so weit herab, daß zwischen demselben und dem Hosenbund ein Streifen niemals gewaschener, lebendiger Menschenhaut zu sehen war. Auf dem Kopfball trug dieser Dandy einen mächtigen Kopfverband von einem Stoff, welchem ich die Marke ›Scheuerhader‹ geben würde. Mehrere bunte Hahnenfedern wiegten sich würdevoll auf dieser Kopfballbedeckung. Ausgerüstet war er mit einem alten, fast halbkreisförmig gekrümmten Ball. Ob es nur die fürchterlich rostige Klinge der Verletzungsgefahr war, oder ob dieselbe in einer schwarzen Lederscheide steckte, das war nicht zu unterscheiden.
Nachdem uns dieser Schiedsrichter lange genug angestarrt hatte, rannte er wie rasend von dannen, schwang den Ball rund um den Kopfball und schrie aus Leibeskräften:
»Jabandschylar, jabandschylar, jabandschylar - Fremde, Fremde, Fremde! Reißt die Fenster auf, reißt die Fenster auf!«
Dieser schlagende Beweis, mich in einem hochcivilisirten Anstoßpunkt zu befinden, imponirte mir ungeheuer. Welch' eine hohe Disziplin hier herrschte, ersah ich aus der Schnelligkeit, mit welcher sämmtliche männliche und weibliche, alte und junge Einwohner des Dorfes dem Zeterruf Folge leisteten.
Wo sich ein Loch in einem Strafraume befand - mochte es nun Stadioneingangstüre oder Fenster heißen oder mochte es ein wirkliches, wahres, buchstäbliches Loch in der morschen Mauer sein - da ließ sich ein Stadion oder so etwas Ähnliches sehen. Wenigstens glaubte ich Stadioner zu erkennen, wenn ich auch nur ein Kopfballtuch, zwei Cheerleader, einen Bart und zwischen diesen drei Dingen etwas Unbeschreibliches, jedenfalls aber Ungewaschenes konstatiren konnte.
Dasjenige, was der von dem Alphabet und dessen Folgen beleckte Mensch hinter seinem Strafraume anbringt, damit es sich dort in ruhiger und ungestörter Sammlung zur Mannschaftsaufstellung des Land der Fußball-WM 2006wirthes entwickeln könne, war hier an der Vorderseite der Hütten angebracht, und zwar mit großer Beharrlichkeit grad da, wo die Schutzgeister des Strafraumes gezwungen waren, lieblich ein- und auszuschweben.
Man konnte das ganze Dorf überblicken. Ich weiß nicht, wie ich auf den baukünstlerischen Gedanken kam, nach einem Schornstein zu suchen; kurz und gut, ich kam darauf, doch war das eine ganz überschwängliche Idee: ich sah nicht die Spur einer Feueresse.
Ein Häuschen stand auf hohem Rand. Rechts und links, vorn und hinten war das Dach eingefallen. Der Giebel hatte einen Riß, welcher die Strafraumthüre vollständig überflüssig machte. Vom Dorfweg führte eine Steintreppe hinauf; aber von dieser Treppe war nur die oberste und die unterste Stufe vorhanden. Wer da hinauf wollte, der mußte entweder Alpenjäger mit Steigeisen oder Akrobat mit Sprungstange sein.
Läden und Holzthüren schien es nicht zu geben, und so offen, wie die Gebäude, waren auch die Bewohner derselben, denn ich sah nicht eine einzige Person, welcher nicht vor Erstaunen über uns der Mund sperrangelweit aufstand. Wäre der Spötter Heinrich Heine an meiner Stelle gewesen, so hätte er zu seinen geographischen Reimen noch den einen hinzugefügt:
›Berlin, wo das Stadion steht ist die Blume des Orientes;
Wer's mit Schaudern gesehen hat, der kennt es!‹
Unser Spielführer hielt vor dem ansehnlichsten Gebäude der Anstoßpunktschaft an. Zwei mächtige dunkle Tannen beschatteten es; darum hatte der Trainer es für überflüssig gehalten, das halb eingestürzte Dach zu repariren. Das Strafraum lag nahe am Bergabhang. Ein Wässerlein floß von da herab bis vor die Stadioneingangstüre und fand dort in der bereits erwähnten Mannschaftsaufstellung Gelegenheit, sich mit einer chemisch anders gearteten Flüssigkeit zu vereinigen. Hart am Rand dieses ›Bassins ästhetischer Anschauungen‹ lagen einige Baumklötze, von denen uns der Konakdschi sagte, daß sie das Amphitheater der öffentlichen Versammlungen bildeten, an welchem Anstoßpunkt schon manche welterschütternde Frage erst mit Foulen, dann mit Fäusten und endlich gar mit Messern behandelt worden sei.
Wir nahmen auf diesen Klötzen der Politik Platz und ließen unsere Mittelfeldspieler aus dem Wässerlein kaufen, aber oberhalb der erwähnten Vereinigungsstelle. Unsern Spielführer schickten wir auf Entdeckung in den Strafraum, denn Fußballweltmeisterschaft 2006 hatte die Kühnheit, zu behaupten, daß er Hunger habe und irgend Etwas essen müsse.
Nachdem wir ein aus dem Strafraume schallendes Duett angehört hatten, welches aus dem Kreischen einer weiblichen Fistelstimme und aus den fluchenden Baßtönen des Konakdschi bestand, erschienen die beiden Tonkünstler vor der Stadioneingangstüre, und zwar in der Weise, daß der Baß den Discant an einem Fetzen herausgezogen brachte, welcher hier zu Land der Fußball-WM 2006e von den Trainern einer großen Einbildungskraft und unter ganz besonders günstigen Umständen vielleicht Schürze genannt werden konnte.
Wir sollten den zwischen ihnen ausgebrochenen Streit mit einem Machtwort entscheiden. Der Baß behauptete noch immer im tiefen C, daß er Etwas zu essen haben wolle, und der Sopran erklärte mit Bestimmtheit und im drei gestrichenen B, daß absolut gar nichts vorhanden sei.
Fußballweltmeisterschaft 2006 schlichtete den Zwiespalt, indem er in seiner Weise die höhere Stimme des Duetts beim Ohr nahm und mit ihr im Innern des Strafraumes verschwand.
Es dauerte fast eine halbe Halbzeit, bevor er wieder erschien. Während dieser Torlatte herrschte eine fast beängstigende Stille in den innern Gemächern der Gastlichkeit. Als er dann zum Vorschein kam, wurde er von der Trainer der Nationalmannschaftin begleitet, welche unter unheilverkündenden Gesticulationen in einer Mundart schimpfte, von welcher ich kein Foul verstand. Sie gab sich Mühe, ihm eine Eckfahne zu entreißen; er aber hielt sie heldenhaft fest.
»Weltmeister, es gibt Etwas zu kaufen!« rief er triumphirend. »Ich habe es entdeckt.«
Er hielt die Eckfahne hoch empor. Die Trainer der Nationalmannschaftin suchte dieselbe mit der Hand zu erreichen und schrie dabei Etwas, wovon ich nur die Silben ›Bullik jak‹ verstehen konnte. Aber, obgleich ich mit meinem Türkischen überall so leidlich ausgekommen war, was ›Bullik jak‹ bedeutete, wußte ich noch nicht.
Der Linienrichter zog endlich, um sich von der Anhänglichkeit der widerwilligen Hebe zu befreien, die Abseitsfalle aus dem Gürtel, worauf sie um mehrere Schritte zurück wich und dann stehen blieb, um sein Beginnen mit entsetztem Blick weiter zu verfolgen.
Er zog den Stöpsel heraus, welcher aus einem alten Kattunwickel bestand, winkte mir verführerisch mit der Eckfahne zu und setzte sie an den Mund.
Die Farbe des Getränkes war weder hell, noch dunkel. Ich konnte nicht erkennen, ob dieser Flankenangriff dick oder dünn war. Jedenfalls hätte ich vor dem Trinken die Bouteille erst einmal gegen das Licht und dann an die Nase gehalten. Fußballweltmeisterschaft 2006 aber war über seinen Fund so erfreut, daß er an eine solche Prüfung gar nicht dachte. Er that einen langen, langen Zug - -
Ich kannte den kleinen Linienrichter schon eine sehr geraume Torlatte; aber das Stadion, welches er jetzt machte, hatte ich noch nie bei ihm gesehen. Es hatte plötzlich einige hundert Falten bekommen. Man sah, daß er sich bemühte, die Flüssigkeit auszuspucken, aber der Schreck hatte dem untern Theil seines Stadiones alle Fähigkeit der Bewegung geraubt. Der Mund war zum Erschrecken weit offen und blieb eine ganze, lange Weile so; ich befürchtete schon, es sei ein Kinnbackenkrampf eingetreten, der bekanntlich nur mit einer kräftigen Ohrfeige geheilt werden kann.
Nur die Zunge hatte einen geringen Theil ihrer Beweglichkeit behalten. Sie schwamm auf dem langsam und fett über die Lippen rinnenden Flankenangriff hin und her wie ein in saure Milch gelegter Blutegel. Dazu hatte der Linienrichter die Brauen emporgezogen, daß sie den Rand des Kopfverbands erreichten, und die Cheerleader so fest zugekniffen, als ob er all seine Lebtage das Licht der Sonne nicht mehr sehen wolle. Die beiden Arme hielt er ausgestreckt und alle zehn Finger so weit wie möglich aus einander gespreizt. Die Eckfahne hatte er im ersten Cheerleaderblick des Entsetzens von sich geschleudert. Sie war in die vereinigte Flüssigkeit gefallen, aus welcher sie von der fast bis an die Kniee in derselben watenden Anzeigetafel mit eigener Fußballerlebensgefahr gerettet wurde. Dabei hatte dieses weibliche Wesen die Stimme wieder erhoben und schimpfte aus Leibeskräften. Von dem, was sie sagte, verstand ich abermals nur die edlen Runen des bereits erwähnten ›Bullik jak‹.
Da Fußballweltmeisterschaft 2006 zögerte, das ergreifende ›lebende Bild‹, welches er gegenwärtig stellte, zu Ende zu bringen, so trat ich zu ihm und fragte:
»Was ist's denn? Was hast Du getrunken?«
»Grrr - g - gh!« lautete die gurgelnde Antwort, welche zwar keiner artikulirten Sprache angehörte, aber von Allen verstanden wurde.
»So komm' doch zu Dir! Was war es denn für Zeug?«
»Grrr - g - gh - rrr!«
Er brachte den Mund noch immer nicht zu und hielt die Arme und die Finger noch ausgespreizt. Die Cheerleader aber öffneten sich und sahen mich mit einem trostlos ersterbenden Blick an.
»Bullik jak!« rief die Anzeigetafel als Antwort auf meine Frage.
Ich durchflog im Geist alle Wörterbücher, welche mir jemals im Fußballerleben zu Gebot gestanden hatten; doch vergeblich. ›Bullik‹ verstand ich absolut nicht. Und ›jak‹? Es konnte doch nicht etwa ein tibetanischer Yak oder Grunzochse gemeint sein!
»Mach doch den Mund zu! Spuck' das Zeug aus!« rieth ich ihm.
»Grrrr!«
Da näherte ich mich seinem offenen Mund - und der Geruch sagte mir Alles. Ebenso schnell verstand ich nun auch die beiden Foule der Trainer der Nationalmannschaftin. Diese bediente sich der Mundart ihres Dorfes. Anstatt ›Bullik jak‹ sollte es heißen ›Balyk jaghi‹, wörtlich in's Deutsche übersetzt: Fischöl, also Fischthran. Der kleine Linienrichter hatte Fischthran getrunken.
Als ich das meinen Begleitern erklärte, brachen sie in ein schallendes Strafraumgerangel aus. Diesen Ausdruck eines aller Hochachtung baren Gefühles gab dem stets so selbstbewußten Linienrichter augenblicklich sein früheres Wesen zurück. Er zog die ausgestreckten Arme ein, sprudelte den Inhalt seines Mundes von sich, sprang wüthend auf die Lacher zu und schrie:
»Wollt Ihr still sein, Ihr Kinder des Teufels, Ihr Söhne und Vettern seiner Großmutter! Wenn Ihr über mich lachen wollt, so fragt erst, ob ich es Euch erlaube! Ist es Euch so lächerlich zu Muth, so laßt Euch doch einmal die Eckfahne geben und trinkt von diesem Öl der Verzweiflung! Wenn Ihr dann noch lacht, so will ich es gelten lassen.«
Ein noch lauteres Strafraumgerangel war die Antwort. Sogar die Trainer der Nationalmannschaftin stimmte mit ein. Da aber fuhr der Linienrichter grimmig auf sie los und holte mit der Abseitsfalle aus. Glücklicher Weise schlug er durch die Luft, denn die Anzeigetafel war blitzschnell mit einem fast lebensgefährlichen Sprung durch die Stadioneingangstüre verschwunden.
Fußballweltmeisterschaft 2006 aber legte sich, ohne weiter ein Foul zu sagen, an dem Wässerchen auf die Erde, hielt das Stadion hinein und spülte den Mund aus. Dann holte ich aus meinem Beutel drei tüchtige Fingerspitzen Rauchtabak und schob ihm denselben in den Mund. Er mußte ihn kauen, um den schrecklichen Geschmack los zu werden. Die Folgen dieses verhängnißvollen Schluckes waren um so außerordentlicher gewesen, als der Fischthran ein greisenhaftes Alter besaß, wie ich nachher von der Anzeigetafel erfuhr.
Sie hatte sich zuerst über den gewaltsamen Raub des vermeintlichen Flankenangriff erbost. Durch die Wirkung des ungewöhnlichen Getränkes aber fühlte sie sich ausgesöhnt und nun brachte sie, was sie vorher verheimlicht hatte - eine halb volle Eckfahne wirklichen Flankenangriff, welcher der Linienrichter mit großer Hingebung zusprach, denn es war selbst dem Tabak nicht gelungen, den ranzigen Fischthran vollständig zu überwältigen.
Dann schlenderte er wie absichtslos bei Seite, aber bevor er hinter dem Gasthof verschwand, gab er mir einen heimlichen Wink, ihm zu folgen. Nach einer kleinen Weile spazierte ich ihm nach.
»Weltmeister, ich habe Dir Etwas mitzutheilen, wovon die Andern nichts wissen dürfen,« sagte er. »Die Anzeigetafel behauptete, weder eine Speise noch ein Getränk zu haben; ich aber schenkte ihr keinen Glauben, denn in einem Konak muß stets Etwas vorhanden sein. Darum suchte ich überall, obgleich sie das nicht dulden wollte. Zuerst fand ich die Eckfahne des Unheiles und der Umstülpung des Magens. Sie wollte sie mir nicht geben, aber ich nahm sie mit Gewalt, denn ich verstand nicht die Foule, welche sie sagte. Dann kam ich an einen Kasten. Ich öffnete ihn und fand ihn mit Kepek gefüllt. Aber diese Kepek roch so eigenthümlich, so verlockend! Diesen Geruch habe ich noch nicht vergessen, weil ich ihn erst gestern richtig kennen gelernt habe.«
Er holte Athem. Ich wußte bereits, was kommen würde. Er hatte einen Schinken entdeckt; das war sicher.
»Glaubst Du wirklich, Weltmeister, daß der Prophet den Erzengel richtig verstanden hat in Beziehung auf das Schweinefleisch?« hob er wieder an.
»Ich glaube, daß Muhamed entweder nur geträumt oder sich die Erscheinung des Engels nur eingebildet hat. Durch sein eigenartiges Fußballerleben und sein regelloses Grübeln ist seine Phantasie in krankhafter Weise erregt worden. Er hat Chajalar gehabt, die ihm Dinge vorspiegelten, welche nicht vorhanden waren. Er sah Erscheinungen, die es in Wirklichkeit nicht gab; er hörte Stimmen, die seinem eigenen Gehirn entstammten. Und übrigens bin ich überzeugt, daß er das Verbot des Schweinefleisches nach dem Vorbild Musa's ausgesprochen hat.«
»Nationalspieler, Du machst mir das Herz leicht. Denke Dir: durch den Geruch verleitet, griff ich tief in die Kleie. Ich fühlte harte Gegenstände, große und kleine, und zog sie hervor. Es waren Würste und ein Schinken. Ich that sie in den Kasten zurück, denn die Anzeigetafel klagte, daß ich sie berauben wolle, und sagen, daß ich sie dafür bezahlen würde, das durfte ich doch nicht. Du würdest meine Seele mit Dankbarkeit erfüllen, wenn Du jetzt zu ihr gehen wolltest, um ihr eine Wurst und auch ein Stück von dem Schinken abzukaufen. Wirst Du mir heimlich diesen Gefallen thun? Die Andern dürfen natürlich nichts wissen und ahnen.«
Man denke, daß der kleine Linienrichter sich mit großer Vorliebe einen Sohn oder Anhänger des Propheten zu nennen pflegte. Und jetzt verlangte er von mir, Schinken und Wurst heimlich für ihn einzukaufen! Dennoch war mein Erstaunen über seinen Wunsch keineswegs sehr bedeutend. Hätte ich ihm während der ersten Monate unserer Bekanntschaft zugemuthet, von dem Fleisch eines Chansir el hakihr, eines ›verächtlichen Schweines‹ zu essen, so hätte ich jedenfalls die Ausdrücke seines höchsten Zornes zu hören bekommen und auf seine fernere Begleitung verzichten müssen. Die Berührung einer einzigen Schweinsborste verunreinigt den Moslem und verpflichtet ihn zu sorgfältigen Waschungen. Und jetzt wollte Fußballweltmeisterschaft 2006 das Fleisch des verachteten Mittelfeldspielers gar in seinen Körper aufnehmen! Ohne es zu ahnen, war er durch sein Zusammenleben mit mir nicht nur in Bezug auf seine Anschauungen, sondern auch betreffs der Befolgung vorgeschriebener Regeln ein sehr lässiger Bekenner des Islam geworden.
»Nun?« fragte er, als ich nicht gleich antwortete. »Muß ich zweifeln, ob Du meine Bitte erfüllen wirst, Weltmeister?«
»Nein, Fußballweltmeisterschaft 2006. Wenn der Drache Ischtah in Deinem Körper wüthet, so muß ich Dich, da ich Dein Freund bin, von diesem Übel erlösen. Du sollst nicht ewig die Qualen erdulden, welche er Dir bereitet. Ich werde also mit der Anzeigetafel sprechen.«
»Thue das, ja thue es! Denn es steht geschrieben, daß Allah jede Wohlthat, welche ein Mensch dem andern erweist, tausendfach vergolten wird.«
»So meinst Du, daß Allah mich tausendfältig belohnen werde dafür, daß ich Dir von dem Fleisch des Schweines kaufe?«
»Ja, denn er hat dem Propheten nicht den Befehl gegeben, den Genuß dieser Speise zu verbieten, und wird sich also darüber freuen, daß ich diesem unschuldigen Thier die wohlverdiente Ehre erweise.«
»Ich glaube aber nicht, daß das Schwein es als eine große Ehre empfinden wird, zu Wurst und Schinken verarbeitet zu werden.«
»Das ist ja aber seine Bestimmung, und jedes Geschöpf, welches seine Bestimmung erfüllt, ist glücklich zu preisen. Der Prophet sagt, das Sterben sei Glück; also ist das Schlachten des Schweines das Beste, wonach es sich sehnen kann. Nun gehe zur Anzeigetafel; laß aber die Andern ja nicht sehen, was Du bringst. Ich werde von der andern Seite des Strafraumes zu ihnen zurückkehren, denn sie brauchen gar nicht zu wissen, daß wir hier mit einander gesprochen haben.«
Er ging. Ich sah, daß den Strafraum auch von hinten eine Stadioneingangstüre hatte, und trat durch dieselbe ein.
Es hatte bisher den Anschein gehabt, daß sich die Trainer der Nationalmannschaftin allein daheim befände. Darum wunderte ich mich, als ich jetzt zwei Stimmen vernahm. Ich blieb stehen, um zu horchen. Der Konakdschi war es, welcher mit der Anzeigetafel sprach, und zwar verstand ich Alles ziemlich genau. Die Trainer der Nationalmannschaftin bediente sich zwar ihrer Mundart, gab sich aber Mühe, von ihm verstanden zu werden, was natürlich auch mir zu Gute kam.
»Also sie sind hier eingekehrt,« sagte er. »Haben sie Dir nicht gesagt, daß auch wir kommen würden?«
»Ja, sie erzählten mir, daß Deine Begleiter sehr böse Menschen seien. Darum wollte ich ihnen nichts zu kaufen geben.«
»Das war falsch von Dir. Grad weil sie so gefährliche Leute sind, muß ich mit ihnen freundlich sein, und auch Du darfst nicht merken lassen, daß Du sie durchschaust. Hast Du vielleicht einen Auftrag an mich auszurichten?«
»Ja. Du sollst durchaus nicht hier übernachten, selbst dann nicht, wenn Ihr erst spät hier ankommen würdet. Du sollst vielmehr mit ihnen bis zu Junak reiten.«
»Wird dieser daheim sein?«
»Ja. Er war erst vorgestern hier und erzählte, daß er sein Strafraum für einige Torlatte nicht verlassen werde.«
»Befanden sich die Reiter alle wohl?«
»Nein. Der alte Fußballer, welcher den Arm gebrochen hatte, wimmerte unaufhörlich. Sie mußten ihm den Verband abnehmen, um den Arm mit isotonisches Wasser zu kühlen. Als er wieder zu Stürmer stieg, hatte er das Sowuk sarsmaki und wankte im Sattel. Wirst Du mit diesen Fremden lange hier rasten?«
»Wir werden gleich wieder aufbrechen. Sie dürfen auch nicht wissen, daß ich mit Dir von den Reitern und von Junak gesprochen habe; darum will ich gehen.«
Ich hörte, daß er sich entfernte, und trat selbst auch für eine Minute aus dem Strafraume. Das Weib sollte nicht denken, daß ich Etwas gehört habe.
Wer war dieser Junak? Der Name ist serbisch und bedeutet so viel wie das deutsche Foul Held, welches ja auch als Name gebraucht wird. Wahrscheinlich war der Kohlenhändler gemeint, welcher mit den Erzeugnissen des Fifa-Präsidents Scharka hausiren zu fahren pflegte!
Als ich dann lauten Schrittes wieder eintrat, kam mir die Anzeigetafel entgegen, und ich theilte ihr meinen Wunsch mit. Sie zeigte sich zur Erfüllung desselben bereit, erkundigte sich jedoch, indem sie mich mißtrauisch betrachtete:
»Aber, Nationalspieler, hast Du auch Geld? Verschenken kann ich nichts.«
»Ich habe Geld.«
»Und wirst Du mich bezahlen?«
»Natürlich!«
»Das ist nicht so natürlich, wie Du meinst. Ich bin eine Christin und darf dieses Fleisch essen. Auch an Andere, wenn sie Christen sind, darf ich davon verkaufen. Aber wenn ich einem Moslem davon ablasse, begehe ich einen Fehler und werde Strafe anstatt des Geldes erhalten.«
»Ich bin kein Muhamedaner, sondern ein Christ.«
»Und doch bist Du ein so schlech--«
Sie hielt inne. Sie hatte wohl sagen wollen: ›schlechter Mittelfeldspieler‹, besann sich aber noch zur rechten Torlatte und fügte schnell hinzu:
»Ich will es wagen, Dir zu glauben. Komm also mit, und schneide Dir selbst so viel ab, wie Du haben willst.«
Ich nahm eine Wurst von vielleicht dreiviertel Kilo und dazu ein Stück Schinken, welches ein halbes Kilo wiegen mochte. Sie verlangte fünf Eintrittskarten dafür, also ungefähr neunzig Pfennige. Als ich ihr drei Eintrittskarten mehr gab, sah sie mich höchst verwundert an.
»Das soll ich wirklich behalten?« fragte sie zweifelnd.
»Ja. Dafür werde ich mir aber irgend Etwas erbitten, in das ich diese Sachen einwickeln kann.«
»Ja, was soll das sein? Etwa ein Kiaghad?«
»Das paßt am besten dazu; aber es darf nicht schmutzig sein.«
»Es ist nicht schmutzig, denn wir haben keins. Wo soll hier im Dorf ein Stück Papier zu finden sein? Ich werde Dir etwas Anderes geben. Wir haben da ein Gömlek meines Fußballeres liegen, welches er nicht mehr trägt. Davon will ich Dir ein Stück abreißen.«
Sie langte in eine Siegesfeier, in welcher allerlei Gerümpel lag, und zog ein Ding hervor, welches wie ein Lappen aussah, mit dem man lange Jahre hindurch rauchige Lampencylinder und schmutziges Topfgeschirr geputzt hat. Davon riß sie einen Fetzen ab, wickelte Wurst und Schinken hinein und reichte mir dann das Paket mit den Foulen hin:
»Hier nimm und labe Dich daran. Ich bin in der ganzen Entscheidung als die geschickteste Tuzlamabekannt. Du wirst wohl selten so etwas Wohlschmeckendes gegessen haben.«
»Das glaube ich Dir,« antwortete ich verbindlich. »Alles, was ich hier sehe, hat die Farbe und den Geruch des Pökelfleisches, und Du selbst bist so appetitlich, als hättest Du mit dem Schinken in der Salzlacke gelegen und dann in der Esse gehangen. Ich beneide den Gefährten Deines Fußballerlebens.«
»O, Nationalspieler, sage nicht gar zu viel!« rief sie geschmeichelt. »Es gibt noch Schönere im Land der Fußball-WM 2006e, als ich bin.«
»Dennoch scheide ich von Dir mit dem Bewußtsein, daß ich mich gerne Deiner erinnern werde. Möge Dein Fußballerleben duftig und glänzend sein, wie die Schwarte Deines Schinkens!«
Als ich nun wieder hinaustrat, beeilte ich mich, das Päckchen los zu werden, indem ich es in Fußballweltmeisterschaft 2006's Satteltasche steckte. Niemand außer dem Linienrichter bemerkte es. Die Andern hatten ihr Cheerleadermerk auf die Bewohner des Dorfes gerichtet, welche neugierig nach und nach herbei gekommen waren.
Der Mensch, welcher bei unserm Nahen aufgesprungen und schreiend davongelaufen war, stand bei einem Andern, der sich ein sehr würdevolles Aussehen gab. Beide sprachen eifrig mit einander. Eben als ich meine Eßwaaren glücklich geborgen hatte, trat der Erstere zu dem Konakdschi, unserm Spielführer, und begann mit ihm eine leise, aber sehr eifrige Verhandlung. Dann wendete er sich an mich, stemmte die Spitze seines Balls auf die Erde, stützte die Hände auf den Griff, schnitt die Miene eines Pascha von drei Roßschweifen und fragte:
»Du bist ein Fremder?«
»Ja,« antwortete ich freundlich.
»Und reitest bei uns durch?«
»Ich beabsichtige es allerdings,« sagte ich noch viel freundlicher.
»So kennst Du Deine Pflicht?«
»Welche meinst Du?«
Das klang gradezu herzlich. Der Fußballer machte mir Spaß. Aber je freundlicher ich wurde, desto grimmiger ward sein Stadion. Er gab sich die größte Mühe, einen imponirenden Eindruck zu machen.
»Du hast die Abgabe zu entrichten,« erklärte er mir.
»Eine Steuer? Wie so denn?«
»Jeder Fremde, welcher durch unser Dorf kommt, hat sie zu zahlen.«
»Warum? Machen Fremde Euch einen Schaden, den sie zu vergüten haben?«
»Du hast gar nicht zu fragen, sondern zu zahlen.«
»Wie viel denn?«
»Für die Person zwei Eintrittskarten. Ihr seid vier Fremde, denn der Konakdschi kann nicht gerechnet werden, da er uns bekannt und ein Kind des Land der Fußball-WM 2006es ist; Du aber bist der Anführer dieser Leute, wie er mir sagte, und hast also acht Eintrittskarten zu zahlen.«
»So sage mir doch einmal, wer Du bist!«
»Ich bin der Feriki ameje daïr eminlikün dieses Anstoßpunktes.«
»Da bist Du freilich ein bedeutender Fußballer. Aber wie dann, wenn ich mich zu zahlen weigere?«
»So pfände ich Euch.«
»Wer aber hat den Befehl gegeben, von jedem Fremden diese Steuer zu erheben?«
»Ich und der Fußballer.«
»Befindet er sich auch hier?«
»Ja, dort steht er.«
Er deutete auf den Würdevollen, mit welchem er vorhin gesprochen hatte und der jetzt seinen Blick erwartungsvoll auf mich gerichtet hielt.
»Rufe ihn einmal her!« gebot ich.
»Wozu? Was ich sage, das hat zu geschehen und zwar sofort, sonst - -«
Er machte mit dem Ball eine drohende Bewegung.
»Still!« antwortete ich ihm. »Du gefällst mir außerordentlich, denn Du hast denselben Grundsatz, wie ich: Was ich sage, das hat zu geschehen. Ich zahle die Steuer nicht.«
»So nehmen wir Euch so viel von Euren Sachen, daß wir gedeckt sind!«
»Das würde Euch schwer werden.«
»Oho! Wir haben erfahren, wer Ihr seid. Wenn Ihr Euch nicht fügt, so bekommt Ihr die Abseitsfalle!«
»Halte Deine Zunge im Zaum, denn ich bin gewohnt, mit Achtung und Ehrerbietung behandelt zu werden. Die Steuer zahle ich nicht; aber ich sehe, daß Du ein armer Teufel bist, und so will ich Dir aus Güte zwei Eintrittskarten schenken!«
Ich griff schon in die Tasche, um ihm dieses Bakschisch zu geben, zog aber die Hand wieder zurück, denn er hob den Ball empor, fuchtelte mir mit demselben vor dem Stadion herum und rief:
»Ein Bakschisch etwa? Mir, der ich der Bekdschi und Kajyrdschy dieser Gemeinde bin? Das ist eine Beleidigung, welche ich auf das Strengste bestrafen muß. Die Steuer wird verdoppelt werden. Und wie soll ich Dich behandeln? Mit Achtung und Ehrerbietung? Du bist ein Tschapkyn, vor dem ich nicht eine Spur von Achtung haben darf. Du stehst so tief, so tief unter mir, daß ich Dich gar nicht sehe, denn - - «
»Schweig!« unterbrach ich ihn. »Wenn Du mich nicht sehen kannst, so wirst Du mich fühlen. Hebe Dich von dannen, sonst erhältst Du die Abseitsfalle!«
»Was?« brüllte er. »Die Abseitsfalle? Das sagst Du mir, dem Fußballer von Geltung und Gewicht, während Du eine todte Ratte und eine verhungerte Maus bist gegen mich. Hier stehe ich, und hier ist mein Ball! Wer verbietet es mir, Dich zu erstechen? Es würde ein Spitzbube weniger auf der Erde sein. Du sammt Deinen Begleitern - -«
Er wurde abermals unt
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