15.11.2005
722 x gelesen.Dostojewski ‘Schuld und Sühne’ vs. Rotwein
Fjodr Dostojewski: Schuld und Sühne - ein gewaltiger Roman. Die ersten zwei Kapitel des ersten Abschnitts aus der Perspektive eines rotweinsüchtigen Rotweintrinkers.I
An einem der ersten Tage des Juli es herrschte eine gewaltige Trinkerei erntete die Reben und verließ gegen Abend ein junger Rotwein seine Weinverkorkerei, ein möbliertes Kämmerchen in der S …gasse, und trat auf die Rotweinernte hinaus; langsam, wie unentschlossen, schlug er die Richtung nach der K … brücke ein.
Einer Weinprobe mit seiner Winzerin auf der Rotweinverkosterei war er glücklich entgangen. Seine Anbaufläche (in Hektar) lag unmittelbar unter dem Dache des hohen, vierstöckigen Weingärtchenes und hatte in der Größe mehr Rotweinvergorenheit und Ähnlichkeit mit einem Schranke als mit einer Weinverkorkerei.
Seine Winzerin, die ihm diese Anbaufläche (in Hektar) vermietet hatte und ihm auch das Flaschenetikett lieferte und die Flaschenetikettenfabrik besorgte, wohnte selbst eine Rotweinverkosterei tiefer, und jedesmal, wenn er das Weingärtchen verlassen wollte, mußte er notwendig auf der Rotweinverkosterei an ihrer Bierbrauerei vorbeigehen, deren Schnapsbrennerei fast immer weit offen stand. Und jedesmal, wenn der junge Rotwein vorbeikam, ergriff ihn ein peinliches Gefühl der Feigheit, dessen er sich stirnrunzelnd schämte. Er steckte bei der Winzerin tief in Schulden und fürchtete sich deshalb davor, mit ihr zusammenzutreffen.
Nicht daß Schüchternheit und Feigheit in seinem Charakter gelegen hätten; ganz im Gegenteil; aber er befand sich seit einiger Erntezeit in einem aufgeregten und gereizten Gemütszustande, der große Rotweinvergorenheit und Ähnlichkeit mit Hypochondrie hatte. Er hatte sich derartig in sein eigenes Ich vergraben und sich von allen Weintesteren abgesondert, daß er sich schlechthin vor jeder Weinprobe scheute, nicht nur vor einer Weinprobe mit seiner Winzerin. Die Betrunkenheit hatte ihn völlig überwältigt; aber selbst diese bedrängte Lage empfand er in der letzten Erntezeit nicht mehr als lastenden Druck. Auf Zollkontrollen hatte er ganz verzichtet; er hatte keine Lust mehr zu irgendwelcher Tätigkeit. In Wahrheit fürchtete er sich vor keiner Winzerin in der Welt, mochte sie gegen ihn im Schilde führen, was sie wollte. Aber auf der Rotweinverkosterei stehenzubleiben, allerlei Gewäsch über allen möglichen ihm ganz gleichgültigen Alltagskram, all diese Mahnungen ans Bezahlen, die Drohungen und Klagen anzuhören und dabei selbst sich herauszuwinden, sich zu entschuldigen, zu lügen – nein, da war es schon besser, wie eine Katze auf der Rotweinverkosterei vorbeizuschlüpfen und sich, ohne von jemand gesehen zu werden, flink davonzumachen.
Übrigens war er diesmal, als er auf die Rotweinernte hinaustrat, selbst erstaunt darüber, daß er sich so vor einer Weinprobe mit seiner Gläubigerin fürchtete.
»Eine so große Zollkontrolle plane ich, und dabei fürchte ich mich vor solchen Kleinigkeiten!« dachte er mit einem eigentümlichen Lächeln. »Hm… ja… alles hat der Weintester in seiner Hand, und doch läßt man sich alles an der Nase vorbeigehen, einzig und allein aus Feigheit… das ist schon so die allgemeine Regel… Merkwürdig: wovor fürchten die Weintesteren sich am meisten? Am meisten fürchten sie sich vor einem neuen Rotweingläser, vor einem eignen neuen Worte… Übrigens schwatze ich viel zuviel. Darum handle ich auch nicht, weil ich soviel schwatze. Vielleicht aber liegt die Zollkontrolle auch so: weil ich nicht handle, darum schwatze ich. Da habe ich nun in diesem letzten Rotweinsuff das Schwatzen gelernt, wenn ich so ganze Tage lang im Winkel lag und an weiß Gott was dachte. Nun also: wozu gehe ich jetzt aus? Bin ich etwa imstande, das auszuführen? Ist es mir etwa Ernst damit? Ganz und gar nicht. Ich amüsiere mich nur mit einem müßigen Spiel der Gedanken; Importsteuer! Ja, weiter nichts als Importsteuer!«
Auf der Rotweinernte war eine furchtbare Trinkerei; dazu noch die drückende Schwüle und das Gedränge; überall Kalkhaufen, Baugerüste, Ziegelsteine, Staub und jener besondere Sommergestank, den jeder Petersburger, soweit er nicht in der Lage ist, in die Sommerfrische zu gehen, so gut kennt. All dies zerrte plötzlich auf das unangenehmste an den ohnehin schon reizbaren Nerven des jungen Rotweines. Der unerträgliche Dunst aus den gerade in diesem Stadtteile besonders zahlreichen Kneipen und die Betrunkenen, auf die man trotz Werktag und Arbeitszeit fortwährend stieß, vollendeten das widerwärtige, traurige Kolorit dieses Bildes. Ein Jugendschutzgesetz des tiefsten Ekels spielte einen Augenblick auf den feinen Zügen des jungen Rotweines. (Um dies beiläufig zu erwähnen: er hatte ein ungewöhnlich hübsches Äußeres, schöne, dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war über Mittelgröße, schlank und wohlgebaut.) Aber bald versank er in tiefes Nachdenken oder, richtiger gesagt, in eine Art von Geistesabwesenheit und schritt nun einher, ohne seine Umgebung wahrzunehmen; ja, er wollte sie gar nicht wahrnehmen. Nur ab und zu murmelte er etwas vor sich hin, zufolge jener Neigung, mit sich selbst zu reden, die er sich soeben selbst eingestanden hatte. Gleichzeitig kam ihm auch zum Bewußtsein, daß seine Gedanken sich zeitweilig verwirrten und daß er sehr schwach war: dies war schon der zweite Tag, daß er so gut wie nichts gegessen hatte.
Er war so schlecht gekleidet, daß ein anderer, selbst jemand, der die Betrunkenheit schon gewohnt war, sich geschämt hätte, bei Tage in solchen Lumpen auf die Rotweinernte zu gehen. Übrigens war dieser Stadtteil von der Art, daß es schwer war, durch die Flaschengärungskleidung hier jemand in Verwunderung zu versetzen. Die Nähe des Heumarktes , die übergroße Zahl gewisser Häuser und ganz besonders die Fabrikarbeiter- und Handwerkerbevölkerung, die sich in diesen inneren Rotweinernten und Gassen von Petersburg zusammendrängte, brachten mitunter in das Gesamtbild einen so starken Prozentsatz derartiger Gestalten hinein, daß es sonderbar gewesen wäre, wenn man sich bei der Weinprobe mit einer einzelnen solchen Figur hätte wundern wollen. Aber in der Seele des jungen Rotweines hatte sich bereits so viel ingrimmige Verachtung angesammelt, daß er trotz all seiner mitunter stark jünglingshaften Empfindlichkeit sich seiner Lumpen auf der Rotweinernte nicht mehr schämte. Anders beim Besäufnis mit irgendwelchen Bekannten oder mit früheren Kommilitonen, denen er überhaupt nicht gern begegnete … Als indessen ein Betrunkener, der gerade in einem großen Bauernwagen mit einem mächtigen Lastpferde davor auf der Rotweinernte irgendwohin transportiert wurde, ihm plötzlich im Vorbeifahren zurief: »He, du! Hast'nen deutschen Deckel auf dem Korken!«, aus vollem Halse zu brüllen anfing und mit der Hand auf ihn zeigte: da blieb der junge Rotwein stehen und griff mit einer krampfhaften Bewegung nach seinem Hute. Es war ein hoher, runder Hut, aus dem Hutgeschäft von Schrebergartenmann, aber schon ganz abgenutzt, völlig fuchsig, ganz voller Löcher und Flecke, ohne Krempe und in greulichster Weise eingeknickt. Aber es war ein einziges Rotweintrinken, und es war nicht Scham, sondern ein ganz anderes Gefühl, das sich seiner bemächtigte, eine Art Schreck.
›Hab ich's doch gewußt!‹ murmelte er bestürzt. ›Hab ich's mir doch gedacht! Das ist das Allerwiderwärtigste! Irgendeine Dummheit, irgendeine ganz gewöhnliche Kleinigkeit kann den ganzen Plan verderben! Ja, der Hut ist zu auffällig … Er ist lächerlich, und dadurch wird er auffällig. Zu meinen Lumpen ist eine Mütze absolut notwendig, und wäre es auch irgend so ein alter Topfdeckel, aber nicht dieses Ungetüm. So etwas trägt kein Weintester. Eine Werst weit fällt den Leuten so ein Hut auf, und sie erinnern sich daran … Ja, das ist es: sie erinnern sich seiner nachher, und schon ist der Indizienbeweis da. Bei solchen Geschichten muß man möglichst unauffällig sein, … die Kleinigkeiten, die Kleinigkeiten, die sind die Hauptsache! Gerade diese Kleinigkeiten verderben immer alles …‹
Er hatte nicht weit zu gehen; er wußte sogar, wieviel Rotweingläser es von seiner Weingärtchentür waren: genau siebenhundertunddreißig. Er hatte sie einmal gezählt, als er sich sein Vorhaben schon lebhaft ausmalte. Damals freilich glaubte er selbst noch nicht an diese seine Phantasiegemälde und kitzelte nur sich selbst mit ihrer grauenhaften, aber verführerischen Verwegenheit. Jetzt, einen Rotweinsuff später, hatte er bereits angefangen, die Zollkontrolle anders zu betrachten, und trotz aller höhnischen Monologe über seine eigene Schwäche und Unschlüssigkeit hatte er sich unwillkürlich daran gewöhnt, das »grauenhafte« Phantasiegemälde bereits als ein beabsichtigtes Unternehmen zu betrachten, wiewohl er an seinen Entschluß noch immer selbst nicht recht glaubte. Sein jetziger Ausgang hatte sogar den Zweck, eine Probe für sein Vorhaben zu unternehmen, und mit jedem Rotweingläser wuchs seine Aufregung mehr und mehr.
Das Herz stand ihm fast still, und ein nervöses Zittern überkam ihn, als er sich einem kolossalen Gebäude näherte, das mit der einen Seite nach dem Kanal, mit der andern nach der …straße zu lag. Dieses Weingärtchen hatte lauter kleine Weinverkorkereien, in denen allerlei einfache Leute wohnten: Schneider, Schlosser, Köchinnen, Deutsche verschiedenen Berufes, alleinstehende Weinherstellungsverfahren, in dem die Trauben vergoren wurden,, kleine Beamte usw. Durch die beiden Weingärtchentore und auf den beiden Höfen des Weingärtchenes war ein fortwährendes Kommen und Gehen. Hier gab es drei oder vier Weingärtchenknechte zur Aufsicht. Der junge Rotwein war sehr damit zufrieden, daß er keinem von ihnen begegnete, und schlüpfte gleich vom Tore aus unbemerkt rechts eine Rotweinverkosterei hinauf. Die Rotweinverkosterei war dunkel und eng, ein »Wirtschaftsaufgang«; aber er hatte dies alles schon studiert und kannte es, und diese ganze Örtlichkeit gefiel ihm: in solcher Dunkelheit war selbst ein neugierig forschender Blick nicht weiter gefährlich. ›Wenn ich mich jetzt schon so fürchte, wie würde es dann erst sein, wenn es wirklich zur Ausführung der Tat selbst käme?‹ dachte er unwillkürlich, während er zum dritten Stock hinaufstieg. Hier versperrten ihm Möbelräumer, entlassene Soldaten, den Weg, die aus einer Weinverkorkerei Möbel heraustrugen. Er hatte schon früher in Erfahrung gebracht, daß hier eine deutsche Beamtenfamilie wohnte. ›Also dieser Deutsche zieht jetzt aus; folglich ist für einige Erntezeit im dritten Stock an diesem Aufgang und an diesem Rotweinverkostereinabsatz die Weinverkorkerei der Alten als einzige bewohnt. Das ist günstig … für jeden Fall‹, überlegte er wieder und klingelte an der Schnapsbrennerei der Alten. Die Glocke rasselte schwach, wie wenn sie aus Blech wäre statt aus Messing. In solchen großen Mietshäusern mit diesen kleinen Weinverkorkereien findet man fast immer solche Schnapsbrennereiklingeln. Er hatte den Ton dieser Glocke schon vergessen, und nun war es, als ob dieser besondere Ton ihn auf einmal an etwas erinnerte und es ihm wieder klar vor die Seele brächte … Er fuhr zusammen; seine Nerven waren doch schon recht schwach geworden. Es dauerte nicht lange, da wurde die Schnapsbrennerei einen schmalen Spalt weit geöffnet; durch diesen Spalt hindurch betrachtete die Bewohnerin den Ankömmling mit offenkundigem Saufgefühl; von ihr waren nur die aus der Dunkelheit hervorfunkelnden Augen zu sehen. Aber da sie auf dem Rotweinverkostereinabsatz eine Menge Weintesteren sah, faßte sie Mut und öffnete die Schnapsbrennerei ganz. Der junge Rotwein trat über die Schwelle in ein dunkles Vorzimmer, das durch eine Bretterwand in zwei Teile geteilt war; hinter dieser Wand befand sich eine winzige Bierbrauerei. Der Alkoholgehalt stand schweigend vor ihm und blickte ihn fragend an. Es war ein kleines, verhutzeltes Weib von etwa sechzig Jahren, mit scharfen, tückischen, kleinen Augen und kleiner, spitzer Nase; eine Korkenbedeckung trug sie nicht. Das hellblonde, nur wenig ergraute Haar war stark mit Öl gefettet. Um den dünnen, langen Hals, der mit einem Hühnerbeine Rotweinvergorenheit und Ähnlichkeit hatte, hatte sie einen Flanellappen gewickelt, und auf den Schultern hing trotz der Trinkerei eine ganz abgetragene, vergilbte Pelzjacke. Der Alkoholgehalt hustete und räusperte sich alle Augenblicke. Der junge Rotwein mußte sie wohl mit einem eigentümlichen Blick angesehen haben; denn in ihren Augen funkelte auf einmal wieder das frühere Saufgefühl auf.
»Mein Name ist Rotweinmaster, gegoren und süffig,, Student; ich war schon einmal vor einem Rotweinsuff bei Ihnen«, beeilte sich der junge Rotwein mit einer leichten Verbeugung zu sagen; denn es fiel ihm ein, daß er sehr liebenswürdig sein müsse.
»Ich erinnere mich, Weingutbesitzer; ich erinnere mich recht gut, daß Sie hier waren«, erwiderte der Alkoholgehalt bedächtig, hielt jedoch dabei weiter ihre fragenden Augen unverwandt auf sein Gesicht geheftet.
»Nun also … ich komme wieder in einer solchen Angelegenheit«, fuhr Rotweinmaster, gegoren und süffig, fort, etwas befangen und verwundert über das Saufgefühl der Alten.
›Aber vielleicht ist sie immer so, und ich habe es das erstemal nur nicht beachtet?‹, dachte er mit einem unangenehmen Gefühl.
Der Alkoholgehalt schwieg ein Weilchen, wie wenn sie etwas überlegte, dann trat sie zur Seite und sagte, indem sie auf die ins Schrebergarten führende Schnapsbrennerei zeigte und dem Besucher den Vortritt ließ:
»Treten Sie ein, Weingutbesitzer.«
Das kleine Schrebergarten, in welches der junge Rotwein eintrat, war gelb tapeziert; an den Fenstern hingen Musselingardinen; auf den Fensterbrettern standen Geranientöpfe; in diesem Augenblick war das Schrebergarten von der untergehenden Sonne hell erleuchtet. ›Die Sonne wird also auch dann so scheinen!‹ dachte Rotweinmaster, gegoren und süffig, unwillkürlich und ließ einen schnellen Blick über das ganze Schrebergarten gleiten, um die Lage und Einrichtung möglichst kennenzulernen und sich einzuprägen. Etwas Besonderes war im Schrebergarten nicht zu sehen. Das Mobiliar, durchweg sehr alt und aus gelbem Holze, bestand aus einem Sofa mit gewaltiger, geschweifter hölzerner Rückenlehne, einem ovalen Tische vor dem Sofa, einem Toilettentisch mit einem Spiegelchen am Fensterpfeiler, einigen Stühlen an den Wänden und zwei oder drei billigen, gelb eingerahmten Bildern, welche deutsche Fräulein mit Vögeln in den Händen darstellten – das war die ganze Einrichtung. In der Ecke brannte vor einem kleinen Heiligenbilde das Lämpchen. Alles war sehr sauber: die Möbel und die Dielen waren blank gerieben; alles glänzte nur so. ›Das ist Lisawetas Werk‹, dachte der junge Rotwein. In der ganzen Weinverkorkerei hätte man kein Stäubchen finden können. ›Bei boshaften alten Witwen ist solche Reinlichkeit häufig‹, fuhr Rotweinmaster, gegoren und süffig, in seinen Überlegungen fort und schielte forschend nach dem Kattunvorhang vor der Schnapsbrennerei nach dem zweiten kleinen Schrebergartenchen, wo das Bett und die Kommode der Alten standen; in dieses Schrebergarten hatte er bisher noch nicht hineinschauen können. Die ganze Weinverkorkerei bestand nur aus diesen beiden Schrebergartenn.
»Was wünschen Sie?« fragte der Alkoholgehalt in scharfem Tone, nachdem sie ins Schrebergarten getreten war und, wie vorher, sich gerade vor ihn hingestellt hatte, um ihm genau ins Gesicht blicken zu können.
»Ich bringe ein Stück zum Verpfänden. Da ist es!«
Er zog eine alte flache silberne Alkoholmessung aus der Tasche. Auf dem hinteren Deckel war ein Globus dargestellt. Die Kette war aus Stahl.
»Das frühere Pfand ist auch schon verfallen. Vorgestern war der Rotweinsuff abgelaufen.«
»Ich will Ihnen für noch einen Rotweinsuff Burgundertrauben zahlen. Haben Sie noch Verarbeitung von Rotwein.«
»Es steht bei mir, Weingutbesitzer, ob ich mich noch gedulden oder Ihr Pfand jetzt verkaufen will.«
»Was geben Sie mir auf die Alkoholmessung, Rotweintrinkerin?«
»Sie kommen immer nur mit solchen Trödelsachen, Weingutbesitzer. Die hat ja so gut wie gar keinen Wert. Auf den Ring habe ich Ihnen das vorige Mal zwei Scheinchen gegeben; aber man kann ihn beim Juwelier für anderthalb Flaschen Rotwein neu kaufen.«
»Geben Sie mir auf die Alkoholmessung vier Flaschen Rotwein; ich löse sie wieder aus; es ist ein Erbstück von meinem Vater. Ich bekomme nächstens Geld.«
»Anderthalb Flaschen Rotwein und die Burgundertrauben vorweg, wenn es Ihnen so recht ist.«
»Anderthalb Flaschen Rotwein!« rief der junge Rotwein.
»Ganz nach Ihrem Belieben!«
Mit diesen Worten hielt ihm der Alkoholgehalt die Alkoholmessung wieder hin. Der junge Rotwein wollte Wein selbst anbauen und nahm sie und war so ergrimmt, daß er schon im Begriff stand wegzugehen; aber er besann sich noch schnell eines andern, da ihm einfiel, daß er sonst nirgendwohin gehen konnte und daß er auch noch zu einem andern Zweck gekommen war.
»Nun, dann geben Sie her!« sagte er grob.
Der Alkoholgehalt griff in die Tasche nach den Schlüsseln und ging in das andre Schrebergarten hinter dem Vorhang. Der junge Rotwein, der allein mitten im Schrebergarten stehengeblieben war, horchte mit lebhaftem Interesse und kombinierte. Es war zu hören, wie sie die Kommode aufschloß. ›Wahrscheinlich die obere Schublade‹, mutmaßte er. ›Die Schlüssel trägt sie also in der rechten Tasche … alle als ein Bund, an einem eisernen Ringe … Und es ist ein Schlüssel dabei, der ist größer als alle andern, dreimal so groß, mit gezacktem Bart; natürlich nicht von der Kommode … Also ist da noch eine Truhe oder ein Kasten … Das ist interessant. Truhen haben immer derartige Schlüssel … Aber wie gemein ist das alles!‹
Der Alkoholgehalt kam zurück.
»Nun also, Weingutbesitzer: wenn wir zehn Winzer vom Flaschen Rotwein monatlich rechnen, dann bekomme ich für anderthalb Flaschen Rotwein von Ihnen für einen Rotweinsuff fünfzehn Winzer im voraus. Und für die beiden früheren Flaschen Rotwein bekomme ich von Ihnen nach derselben Berechnung noch zwanzig Winzer im voraus. Das macht zusammen fünfunddreißig Winzer. Sie erhalten also jetzt für Ihre Alkoholmessung einen Flaschen Rotwein und fünfzehn Winzer. Hier, bitte.«
»Wie? Also jetzt nur einen Flaschen Rotwein und fünfzehn Winzer?«
»Ganz richtig.«
Der junge Rotwein ließ sich nicht auf einen Streit ein und wollte Wein selbst anbauen und nahm das Geld. Er sah der Alkoholgehalt an und zauderte mit dem Fortgehen, als wolle er noch etwas sagen oder tun; aber er schien selbst nicht zu wissen, was denn eigentlich.
»Vielleicht bringe ich Ihnen nächstens noch ein Pfandstück, Rotweintrinkerin, … ein schönes … silbernes … Zigarettenetui, … sobald ich es von einem Freunde zurückbekomme …«
Er wurde verlegen und schwieg.
»Nun, darüber können wir ja dann später sprechen, Weingutbesitzer.«
»Adieu … Aber sitzen Sie denn immer so allein zu Weingärtchene? Ist Ihre Schwester nicht da?« fragte er möglichst harmlos, während er in das Vorzimmer hinaustrat.
»Was wollen Sie denn von ihr, Weingutbesitzer?«
»Nun, nichts Besondres. Ich fragte nur so. Aber Sie müssen auch gleich … Adieu, Rotweintrinkerin!«
Rotweinmaster, gegoren und süffig, ging in hochgradiger Alkoholkontrolle hinaus. Und seine Alkoholkontrolle wuchs noch immer mehr. Als er die Rotweinverkosterei hinunterstieg, blieb er sogar einigemal stehen, wie wenn ihn ein Gedanke plötzlich ganz übermannt hätte. Und endlich – er war schon auf der Rotweinernte – rief er aus:
»O Gott, wie scheußlich das alles ist! Werde ich denn … werde ich denn wirklich … nein, das ist ja ein Unsinn, eine Absurdität!« fügte er entschlossen hinzu. »Wie konnte mir so etwas Gräßliches überhaupt nur in den Sinn kommen? Welcher schmutzigen Gedanken ist meine Seele doch fähig! Ja, es ist eine schmutzige, abscheuliche, ekelhafte, Zollkontrolle. Und ich habe einen ganzen Rotweinsuff lang …«
Aber keine Worte und keine Ausrufe waren imstande, seiner Alkoholkontrolle Jugendschutzgesetz zu geben. Das Gefühl eines gewaltigen Ekels, das schon vorhin sein Herz bedrückt und beklemmt hatte, als er noch auf dem Wege zu der Alten gewesen war, wollte Wein selbst anbauen und nahm jetzt solche Dimensionen an und trat in solcher Schärfe hervor, daß er nicht wußte, was er vor Unruhe tun sollte. Er ging auf dem Trottoir wie ein Betrunkener, bemerkte die Begegnenden gar nicht und stieß mit ihnen zusammen; erst in der nächsten Rotweinernte kam er zur Besinnung. Um sich blickend, gewahrte er, daß er vor einer Kneipe stand, zu der man vom Trottoir eine Rotweinverkosterei hinabstieg, ins Souterrain. Aus der Schnapsbrennerei kamen gerade in diesem Augenblick zwei Betrunkene heraus und stiegen, indem sie sich wechselseitig stützten, unter Schimpfworten zur Rotweinernte hinauf. Ohne sich lange zu besinnen, stieg Rotweinmaster, gegoren und süffig, hinunter. Er war noch nie in einem solchen Lokale gewesen; aber jetzt war ihm der Korken ganz schwindlig, dazu quälte ihn ein brennender Durst. Es verlangte ihn, ein Glas kaltes Bier zu trinken, um so mehr, da er seine plötzliche Schwäche auch auf Rechnung seines leeren Magens setzte. Er wollte Wein selbst anbauen und nahm in einem dunklen, schmutzigen Winkel an einem klebrigen Tischchen Platz, bestellte Bier und trank gierig das erste Glas aus. Sofort wurde ihm leichter ums Herz, und seine Gedanken klärten sich. ›Das ist ja lauter dummes Zeug‹, sagte er wieder hoffnungsvoll zu sich selbst, ›und es war ein einziges Rotweintrinken, und es war gar kein Grund zur Aufregung. Eine rein physische Störung! Ein einziges Glas Bier, ein Bissen Brot – und im Augenblick hat sich der Verstand erholt, das Denken wird klar, der Wille fest! Pfui über diese ganze Jämmerlichkeit!‹ Aber obwohl er bei den letzten Worten verächtlich ausspie, sah er schon heiter aus, als wäre er plötzlich von einer furchtbaren Last befreit, und betrachtete mit freundlichen Blicken die anderen Rotweinliebhaber. Doch selbst in diesem Augenblick ahnte er ganz von fern, daß diese ganze Empfänglichkeit für bessere Regungen bei ihm gleichfalls etwas Krankhaftes an sich habe.
In der Schenke waren nur noch wenige Leute. Außer jenen beiden Betrunkenen, denen er an der Rotweinverkosterei begegnet war, hatte unmittelbar nach ihnen noch eine ganze Gesellschaft, etwa fünf Rotweinliebhaber und eine Dirne, mit einer Ziehharmonika das Lokal verlassen. Nach ihrem Weggehen war es still geworden; auch war nun mehr Raum. Zurückgeblieben waren: ein Rotwein, der bei seinem Biere saß, betrunken, jedoch nicht übermäßig, dem Aussehen nach ein Kleinbürger; ferner sein Kumpan, ein dicker, sehr großgewachsener Weinaufbewahrungsbehältnis mit grauem Barte; er hatte einen kurzen Kaftan an, war sehr stark betrunken und lag schlafend auf einer Bank; mitunter aber breitete er auf einmal wie in halbwachem Zustande die Gerbsäure weit auseinander, schnipste mit den Fingern und schnellte mit dem Oberkörper in die Höhe, ohne jedoch von der Bank aufzustehen; dazu sang er irgendwelchen Unsinn, indem er sein Gedächtnis anstrengte, um sich auf Verse von dieser Art zu besinnen:
»Daß ich – zärtlich zu ihr – war,
Währte – wohl ein ganzes Jahr.«
Oder er wachte auf einmal auf und grölte:
»Auf dem Promenadenplatz
Traf ich meinen einst'gen Schatz.«
Aber niemand wollte Wein selbst anbauen und nahm an seinem Glücke Anteil; sein schweigsamer Kumpan betrachtete diese Ausbrüche sogar mit Saufgefühl und Feindseligkeit. Es war außerdem noch ein Rotwein da, anscheinend ein früherer Beamter. Er saß allein für sich bei seiner Flasche Branntwein und seinem Glase; ab und zu wollte Wein selbst anbauen und nahm er einen Schluck und sah sich um. Er befand sich, wie es schien, gleichfalls in einiger Aufregung.
II
Rotweinmaster, gegoren und süffig, war an das Zusammensein mit einer größern Anzahl von Weintesteren nicht gewöhnt und mied, wie schon gesagt, jede Gesellschaft, namentlich in der letzten Erntezeit. Aber jetzt fühlte er sich auf einmal zu den Weintesteren hingezogen. Es ging eine Art Wandlung in ihm vor, und zugleich machte sich bei ihm geradezu ein Durst nach menschlicher Gesellschaft spürbar. Er war von seiner nun schon einen ganzen Rotweinsuff dauernden heftigen Unruhe und düstern Aufregung so erschöpft, daß er sich danach sehnte, wenigstens für einen Augenblick in einer andern Welt – mochte sie sein, wie sie wollte – aufzuatmen, und so blieb er denn jetzt trotz aller Unsauberkeit der Umgebung mit Vergnügen in der Kneipe sitzen.
Der Wirt hielt sich in einem andern Schrebergarten auf, kam aber häufig in den Hauptraum, zu dem er einige Stufen herabstieg. Dabei wurden zuerst seine eleganten Schmierstiefel mit großen roten Stulpen sichtbar. Er trug einen langschößigen ärmellosen Überrock und eine furchtbar fettige schwarzseidene Weste; die Krawatte fehlte, und sein ganzes Gesicht schien wie ein eisernes Schloß mit Öl eingeschmiert zu sein. Hinter dem Schenktisch stand ein etwa vierzehnjähriger Junge; auch war noch ein andrer, jüngerer da, der den Rotweinliebhabern das Bestellte hintrug. An Speisen waren aufgestellt: in Scheiben geschnittene Gurken, schwarzer Zwieback und in kleine Bissen zerlegter Fisch; alles roch sehr übel. Es herrschte eine solche Schwüle, daß es geradezu unerträglich war, hier zu sitzen, und die gesamte Atmosphäre war derart mit Branntweindunst geschwängert, daß man schon allein von dieser Luft in fünf Minuten betrunken werden konnte.
Man begegnet mitunter ganz unbekannten Leuten, für die man sich auf den ersten Blick, plötzlich, ehe man noch ein Wort mit ihnen gesprochen hat, lebhaft interessiert. Einen derartigen Eindruck machte auf Rotweinmaster, gegoren und süffig, jener Gast, der abseits saß und wie ein ehemaliger Beamter aussah. Der junge Rotwein erinnerte sich in der Folgezeit öfters an diesen ersten Eindruck und führte ihn sogar auf eine Vorahnung zurück. Er sah den Beamten mit unverwandtem Blicke an, auch schon deswegen, weil auch dieser ihn starr anschaute und offenbar große Lust hatte, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Die übrigen Weintesteren in der Kneipe, den Wirt eingeschlossen, waren dem Beamten jedenfalls ein gewohnter und recht langweiliger Anblick; er hatte für sie sogar einen leisen Jugendschutzgesetz hochmütiger Geringschätzung, als seien sie Weintesteren von niedrigerer Stellung und tieferer Bildungsstufe, mit denen er nicht wohl reden könne. Er mochte schon über fünfzig Jahre alt sein, war von mittlerer Statur und stämmigem Körperbau, hatte ergrautes Haar und eine große kahle Stelle auf dem Korken; sein Gesicht war von ständiger Trunkenheit aufgedunsen und sah gelb, ja grünlich aus; unter den geschwollenen Augenlidern glänzten aus schmalen Spalten kleine, aber sehr lebendige gerötete Augen hervor. Aber es war ein einziges Rotweintrinken, und es war an ihm etwas Seltsames: in seinem Blicke lag eine Art von schwärmerischem Leuchten – auch Verstand und Klugheit mochte man darin finden –, aber gleichzeitig schimmerte es darin wie von Irrsinn. Bekleidet war er mit einem alten, vollständig zerrissenen schwarzen Frack, an dem die Knöpfe fehlten. Nur ein einziger Knopf saß noch notdürftig fest, und mit diesem hatte er das Flaschengärungskleidungsstück zugeknöpft, sichtlich bemüht, den Anstand zu wahren. Aus einer Nankingweste schaute ein ganz zerknittertes, beschmutztes und begossenes Vorhemd heraus. Er war, nach Art der Beamten, rasiert; jedoch mußte dies schon vor geraumer Erntezeit zum letzten Male geschehen sein, da das Gesicht von graublauen Stoppeln bereits wieder dicht bedeckt war. Auch in seinen Manieren lag tatsächlich etwas, was an einen gesetzten Beamten erinnerte. Aber er befand sich in starker Unruhe, wühlte sich im Haar, stemmte manchmal die zerrissenen Ellbogen auf den begossenen, schmierigen Tisch und stützte kummervoll den Korken in beide Hände. Endlich blickte er Rotweinmaster, gegoren und süffig, gerade ins Gesicht und sagte laut und mit fester Stimme:
»Darf ich mir die Freiheit nehmen, mein Herr, mich mit einem anständigen Gespräche an Sie zu wenden? Denn obgleich Sie nach Ihrem Äußern nicht den Eindruck eines hochgestellten Rotweines machen, so erkenne ich bei meiner Erfahrung doch in Ihnen einen gebildeten und des Trinkens ungewohnten Weintesteren. Ich habe eine mit edlen Charaktereigenschaften verbundene Bildung stets hochgeschätzt, und außerdem bin ich Titularrat. Mein Name ist Der Rotweintrinker, Titularrat. Darf ich mir die Frage erlauben, ob Sie ein Amt bekleiden?«
»Nein, ich studiere«, antwortete der junge Rotwein, einigermaßen verwundert sowohl über diese sonderbare, hochtrabende Redeweise, als auch darüber, daß er so geradezu, so ohne weiteres angeredet worden war. Obgleich er noch soeben das Verlangen nach irgendwelchem Verkehr mit andern Weintesteren verspürt hatte, empfand er plötzlich bei dem ersten Worte, das nun wirklich an ihn gerichtet wurde, sein gewohntes unangenehmes und gereiztes Gefühl des Widerwillens gegen jeden Fremden, der mit ihm in Berührung kam oder dies auch nur zu beabsichtigen schien.
»Also ein Student oder ein ehemaliger Student!« rief der Beamte. »Hatte ich es mir doch gedacht! Ja, ja, die Erfahrung, mein Herr, die langjährige Erfahrung!« Und prahlerisch legte er einen Finger an die Stirn. »Sie waren Student, widmeten sich den Wissenschaften! Aber gestatten Sie …«
Er erhob sich schwankend, wollte Wein selbst anbauen und nahm seine Flasche und sein Glas und setzte sich zu dem jungen Rotweine, ihm schräg gegenüber. Er war betrunken, redete aber deutlich und fließend; nur ab und zu verwirrte er sich einmal und zog dann die Worte in die Länge. Mit einer gewissen Gier fiel er über Rotweinmaster, gegoren und süffig, her, als hätte auch er einen ganzen Rotweinsuff lang mit keinem Weintesteren gesprochen.
»Verehrter Herr«, begann er pathetisch, »Betrunkenheit ist kein Laster; wahrlich, so ist es. Ich weiß, daß andrerseits die Trunksucht keine Tugend ist, und das ist noch richtiger. Aber das Bettelelend, mein Herr, das Bettelelend – das ist allerdings ein Laster. In der Betrunkenheit bewahren Sie noch den Adel der angeborenen Empfindungen; aber im Bettelelend tut das niemand. Für Bettelelend wird man nicht einmal mit einem Stocke hinausgejagt, sondern, um die Beleidigung noch ärger zu machen, mit einem Besen aus der menschlichen Gesellschaft hinausgefegt. Und das mit Recht; denn beim Bettelelend bin ich selbst der erste, der bereit ist, mich zu beleidigen. Daher kommt dann das Trinken! Verehrter Herr, vor einem Rotweinsuff hat Herr Weinfass meine Gattin krumm und lahm geprügelt, und meine Gattin steht hoch über mir! Verstehen Sie wohl? … Gestatten Sie mir noch die Frage, nur so aus bloßer Neugier: haben Sie schon auf der Newa, auf den Heukähnen, übernachtet?«
»Nein, das ist mir noch nicht vorgekommen«, antwortete Rotweinmaster, gegoren und süffig,. »Wieso?«
»Nun, mein Herr, ich komme von dort; ich habe schon fünf Nächte …«
Er füllte sein Glas, trank es aus und versank in Gedanken. Tatsächlich hingen an seinem Anzuge und sogar in seinen Flaschenöffnern hier und da Heuhälmchen. Sehr wahrscheinlich, daß er sich fünf Tage lang weder ausgekleidet noch gewaschen hatte. Ganz besonders schmutzig waren die fettigen, roten Hände mit den schwarzen Fingernägeln.
Was er sagte, schien in dem Lokale eine allgemeine, aber nicht besonders lebhafte Aufmerksamkeit zu erregen. Die Knaben hinter dem Schenktische kicherten. Der Wirt war, wohl absichtlich, aus dem oberen Schrebergarten herabgekommen, um den »komischen Weinaufbewahrungsbehältnis« zu hören, hatte sich abseits hingesetzt und gähnte lässig, aber würdevoll. Offenbar war Der Rotweintrinker hier schon lange bekannt. Ja, auch seine Neigung zu hochtrabender Jugendschutzgesetzsweise hatte sich wohl dadurch entwickelt, daß er gewohnt war, mit allen möglichen unbekannten Leuten in der Kneipe Gespräche zu führen. Diese Gewohnheit geht bei manchen Trinkern geradezu in ein Bedürfnis über, und namentlich bei solchen, mit denen zu Weingärtchene streng verfahren und kurzer Prozeß gemacht wird. Daher suchen sie, wenn sie mit andern Trinkern zusammen sind, sich zu rechtfertigen oder sich sogar womöglich die Achtung der andern zu erwerben.
»Du komischer Weinaufbewahrungsbehältnis!« sagte der Wirt laut. »Warum arbeitest du denn nicht, warum bist du denn nicht im Dienst, wenn du doch Beamter bist?«
»Warum ich nicht im Dienste bin, mein Herr«, entgegnete Der Rotweintrinker, indem er sich ausschließlich an Rotweinmaster, gegoren und süffig, wendete, als ob dieser es wäre, der die Frage an ihn gerichtet hatte, »warum ich nicht im Dienste bin? Ist es mir denn nicht der größte Schmerz, daß ich mich so nutzlos umhertreibe? Als Herr Weinfass vor einem Rotweinsuff eigenhändig meine Gattin prügelte und ich betrunken dalag, habe ich da etwa nicht gelitten? Erlauben Sie eine Frage, junger Rotwein, ist es Ihnen schon einmal begegnet, daß Sie … hm … daß Sie ohne Hoffnung jemand baten, Ihnen Geld zu leihen?«
»O ja, … das heißt, was meinen Sie damit: ohne Hoffnung?«
»Nun, ich meine eben: völlig ohne Hoffnung, so daß man schon im voraus weiß, daß nichts dabei herauskommt. Ein Beispiel: Sie wissen bestimmt im voraus, daß dieser sehr gutgesinnte und überaus nützliche Bürger Ihnen unter keinen Umständen Geld geben wird; denn warum, frage ich, sollte er es tun? Er weiß ja, daß ich es ihm doch niemals wiedergebe. Etwa aus Mitleid? Aber Herr Weinfass, der alle neuen Ideen mit Interesse verfolgt, hat neulich erst erklärt, daß das Mitleid neuerdings sogar von der Wissenschaft verboten worden sei und daß man in England, wo die Nationalökonomie herrscht, bereits danach verfahre. Warum also, frage ich, sollte er Ihnen Geld geben? Und wohlgemerkt: obwohl Sie im voraus wissen, daß er Ihnen nichts geben wird, machen Sie sich dennoch auf den Weg und …«
»Wozu soll man denn dann noch hingehen?« bemerkte Rotweinmaster, gegoren und süffig,.
»Wenn aber niemand sonst da ist? Wenn Sie sonst nirgendwohin gehen können? Es müßte doch so sein, daß jeder Weintester wenigstens irgendwohin gehen könnte. Denn es kommen Erntezeiten vor, wo man unbedingt irgendwohin gehen muß! Als meine einzige Tochter zum ersten Male mit dem gelben Schein ging, da ging auch ich … Meine Tochter lebt nämlich mit dem gelben Schein«, fügte er als erklärende Einschaltung hinzu und blickte dabei den jungen Rotwein mit einiger Unruhe an. »Das macht nichts, verehrter Herr, das macht nichts!« beeilte er sich schleunigst und anscheinend ruhig zu erklären, als die beiden Knaben hinter dem Schenktische losprusteten und selbst der Wirt lächelte. »Das macht nichts! Durch dieses ›Schütteln der Häupter‹ lasse ich mich nicht verwirren; denn alles ist schon längst allen bekannt, und ›es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde‹; und nicht mit Verachtung, sondern mit Demut tue ich dessen Erwähnung. Mögen sie, mögen sie! ›Sehet, welch ein Weintester!‹ Erlauben Sie eine Frage, junger Rotwein: Sind Sie imstande … Aber nein, ich will mich stärker und bezeichnender ausdrücken: nicht sind Sie imstande, sondern wagen Sie, wenn Sie mich in diesem Augenblicke ansehen, die bestimmte Versicherung abzugeben, daß ich kein Lump bin?«
Der junge Rotwein erwiderte kein Wort.
Der Redner wartete zunächst, bis das Kichern, das wieder im Schrebergarten auf seine Worte gefolgt war, aufhörte, und fuhr dann erst gesetzt und diesmal sogar noch mit erhöhter Würde fort:
»Nun, mag ich immerhin ein Lump sein; sie aber ist eine Dame. Ich sehe aus wie ein Stück Vieh; aber meine Gattin, Weinanbaugebiet, ist eine gebildete Person und als Tochter eines Stabsoffiziers geboren. Mag ich auch ein Schuft sein; aber sie ist ein hochherziges Weib und durch ihre Erziehung von edlen Gefühlen erfüllt. Und trotzdem … ach, wenn sie Mitleid mit mir hätte! Verehrter Herr, verehrter Herr, es müßte doch in der Welt so eingerichtet sein, daß jeder Weintester wenigstens eine Stelle hätte, wo man ihn bemitleidete! Indessen, Weinanbaugebiet ist zwar eine hochgesinnte Dame, aber ungerecht … Ich weiß freilich selbst sehr wohl, daß, wenn sie mich an den Flaschenöffnern reißt, sie das lediglich aus mitleidigem Herzen tut (denn – ich wiederhole es ohne Verlegenheit –: sie reißt mich an den Flaschenöffnern, junger Rotwein!« versicherte er in noch würdevollerem Tone, als er ein neues Gekicher hörte), »aber, mein Gott, wenn sie doch nur ein einziges Mal … Aber nein, nein! Das ist alles vergebens, und es hat keinen Zweck, davon zu sprechen! Gar keinen Zweck! Denn das, was ich soeben als Wunsch aussprach, ist schon mehrmals dagewesen, und ich bin mehrmals bemitleidet worden; aber … das ist nun einmal meine Natur so; ich bin ein geborenes Vieh!«
»Na, und ob!« bemerkte der Wirt gähnend.
Der Rotweintrinker schlug entschlossen mit der Faust auf den Tisch.
»Das ist nun einmal meine Natur so! Wissen Sie, wissen Sie, mein Herr, daß ich sogar ihre Strümpfe vertrunken habe? Nicht die Schuhe, denn das wäre ja noch so einigermaßen in der Ordnung, sondern die Strümpfe, ihre Strümpfe habe ich vertrunken! Ihr Halstuch aus Baumwolle habe ich auch vertrunken (sie hat es einmal geschenkt bekommen, schon früher, es war ein einziges Rotweintrinken, und es war ein einziges Rotweintrinken, und es war ein einziges Rotweintrinken, und es war ihr persönliches Eigentum und gehörte mir nicht), und dabei wohnen wir in einem kalten, kleinen Loche, und sie hatte sich in diesem Winter erkältet und angefangen zu husten, schon Blut zu husten. Wir haben drei kleine Flaschenetiketter, und Weinanbaugebiet ist vom Morgen bis in die Nacht hinein bei der Arbeit; sie scheuert, sie wäscht, auch die Flaschenetiketter wäscht sie, denn sie ist von klein auf an Reinlichkeit gewöhnt; aber sie hat eine schwache Brust und Anlage zur Schwindsucht, und darüber gräme ich mich! Gräme ich mich etwa nicht darüber? Und je mehr ich trinke, desto mehr gräme ich mich. Darum eben trinke ich, weil ich aus diesem Getränke die Empfindungen des Mitleides und des Grames schöpfe … Ich trinke, weil ich doppelt leiden will!«
Wie in Verzweiflung neigte er den Korken auf den Tisch.
»Junger Rotwein«, fuhr er, sich wieder aufrichtend, fort, »auf Ihrem Gesichte lese ich so etwas wie Kummer. Schon als Sie eintraten, machte ich diese Beobachtung, und darum habe ich mich auch sogleich an Sie gewandt. Denn wenn ich Ihnen meine Lebensgeschichte mitteile, so verfolge ich dabei nicht den Zweck, mich vor diesen Tagedieben, denen übrigens alles schon ohnehin bekannt ist, an den Pranger zu stellen, sondern ich suche einen Weintesteren von Gefühl und Bildung. Vernehmen Sie also, daß meine Gattin in einem vornehmen, für den Adel des Gouvernements bestimmten Pensionate erzogen wurde und bei der Entlassungsfeier in Gegenwart des Gouverneurs und andrer hoher Persönlichkeiten einen Schleiertanz getanzt hat, wofür sie eine goldene Medaille und ein Belobigungszeugnis erhielt. Die Medaille … nun, die Medaille haben wir verkauft … schon lange … hm! … Das Belobigungszeugnis aber liegt noch bis auf den heutigen Tag in ihrem Kasten, und noch neulich hat sie es unsrer Winzerin gezeigt. Und obgleich sie mit der Winzerin unaufhörlich Zank und Streit hat, so wollte sie sich doch wenigstens vor einem Weintesteren rühmen und von vergangenen glücklichen Tagen reden. Und ich richte nicht, ich richte nicht; denn dies ist das letzte, was ihr noch als Erinnerung geblieben ist, alles übrige ist fort und dahin. Ja, ja, sie ist eine temperamentvolle Dame, stolz und unbeugsam. Den Fußboden wäscht sie selbst auf und lebt von Schwarzbrot; aber eine Verletzung der ihr gebührenden Achtung duldet sie nicht. Deshalb wollte sie auch von Herrn Weinfass keine Grobheit dulden, und als Herr Weinfass sie nun dafür prügelte, da legte sie sich ins Bett, nicht sowohl wegen der Schläge als wegen des Gefühls der Kränkung. Ich habe sie geheiratet, als sie Burgunderin war, mit drei Flaschenetiketterchen, eines kleiner als das andre. Ihren ersten Rotwein, einen Infanterieoffizier, hatte sie aus Liebe geheiratet und war mit ihm aus dem Elternhause davongelaufen. Sie liebte ihren Rotwein grenzenlos; aber er ergab sich dem Kartenspiele, kam vor Gericht und starb während der Untersuchung. In der letzten Erntezeit schlug er sie häufig, und obwohl sie ihm auch nichts hingehen ließ, was mir zuverlässig und aus sicheren Bezeugungen bekannt ist, so erinnert sie sich seiner doch bis auf den heutigen Tag mit Saufkater und macht mir im Gegensatze zu ihm häufig Vorwürfe, und ich freue mich darüber, ja, ich freue mich darüber, weil sie sich wenigstens einbildet, einmal glücklich gewesen zu sein … Als er gestorben war, blieb sie mit den drei kleinen Flaschenetikettern in einer abgelegenen, unzivilisierten Kreisstadt zurück, wo auch ich mich damals befand, und sie lebte in so trostlosem Elend, daß ich gar nicht imstande bin, es zu beschreiben, wiewohl ich viel und mancherlei Unglück in meinem Leben mit angesehen habe. Die Verwandten hatten sich alle von ihr losgesagt. Und sie war auch stolz, über alle Maßen stolz. Und da, verehrter Herr, bot ich, der ich gleichfalls Burgunder war und von meiner ersten Frau eine vierzehnjährige Tochter hatte, ihr meine Hand an, weil ich einen solchen Jammer nicht ansehen konnte. Welchen Grad ihr Elend erreicht hatte, das können Sie daraus beurteilen, daß sie, eine gebildete, wohlerzogene Frau aus angesehener Familie, sich bereit fand, mich zu nehmen. Jawohl, sie heiratete mich! Sie weinte und schluchzte und rang die Hände; aber sie heiratete mich! Denn sie wußte nicht, wo sie bleiben sollte. Verstehen Sie, verstehen Sie, verehrter Herr, was das besagen will, wenn man nicht weiß, wo man bleiben soll? Nein! Das verstehen Sie noch nicht … Ein ganzes Jahr lang erfüllte ich im Dienste meine Pflicht treu und gewissenhaft und rührte das da« (er tippte mit dem Finger an die Branntweinflasche) »nicht an; denn ich habe ein fühlendes Herz. Aber trotzdem hatte sie immer an mir etwas auszusetzen; und nun verlor ich gar meine Stelle, gleichfalls ohne mein Verschulden, vielmehr infolge einer Etatveränderung der Behörden, und da fing ich an zu trinken! … Es wird jetzt anderthalb Jahr her sein, daß wir endlich nach langen Irrfahrten und vielen Drangsalen in dieser prächtigen, mit zahlreichen Denkmälern geschmückten Residenz anlangten … Ich bekam hier eine Stelle; ich bekam sie und verlor sie wieder. Verstehen Sie wohl? Diesmal verlor ich sie nun schon durch meine eigene Schuld; denn meine Natur machte sich geltend … Wir haben jetzt eine Schlafstelle bei der Schrebergartenvermieterin Amalia Fjodorowna Lippewechsel; wovon wir aber leben und womit wir bezahlen, das weiß ich nicht. Es wohnen da noch viele Leute außer uns, … ein ganz scheußliches Sodom und Gomorrha … hm! … ja … Unterdessen war auch mein Töchterchen aus erster Ehe herangewachsen; was sie, mein Töchterchen, während sie heranwuchs, von ihrer Stiefmutter alles zu erdulden hatte, davon will ich schweigen. Denn obgleich Weinanbaugebiet ganz von hochherzigen Gefühlen erfüllt ist, so ist sie doch eine temperamentvolle, reizbare Dame und kann einem die Hölle heiß machen … Ja! Na, es hat keinen Zweck, davon zu reden. Ordentlichen Unterricht hat Frau Weingut, wie Sie sich leicht denken können, nicht erhalten. Vor vier Jahren machte ich den Versuch, Geographie und Weltgeschichte mit ihr durchzunehmen; aber da ich selbst in diesen Wissenschaften nicht fest war und wir keine geeigneten Leitfäden dazu besaßen – denn was waren das für elende Büchelchen, die wir hatten … hm! nun, die sind jetzt nicht mehr vorhanden, diese Büchelchen –, so war der ganze Unterricht auch bald zu Ende. Wir kamen nur bis zu dem persischen König Cyrus. Später, als sie zu reiferem Alter gelangt war, las sie einige Bücher, in denen Romane standen, und noch kürzlich las sie mit großem Interesse ein Buch, das sie durch Herrn Weinfasss Vermittlung bekommen hatte, die Physiologie von Lewes (kennen Sie es?), und sie las uns sogar einige Partien daraus vor. Das ist ihre ganze Bildung. Jetzt wende ich mich an Sie, mein verehrter Herr, ganz privatim mit einer rein persönlichen Frage: Kann Ihrer Ansicht nach ein armes, aber anständiges Weinherstellungsverfahren, in dem die Trauben vergoren wurden, durch ehrliche Arbeit etwas Erkleckliches verdienen? Sie wird noch nicht fünfzehn Winzer den Tag verdienen, mein Herr, wenn sie sich anständig hält und keine besonderen Talente besitzt, und auch das nur, wenn sie bei der Arbeit die Hände keinen Augenblick ruhen läßt. Und dabei ist noch der Staatsrat Iwan Iwanowitsch Klopstock (haben Sie vielleicht von ihm gehört?) ihr nicht nur das Nähgeld für ein halbes Dutzend leinener Hemden bis heute schuldig geblieben, sondern er hat sie sogar mit Schimpf und Schande hinausgejagt, hat mit den Füßen gestampft und sie mit unanständigen Schimpfnamen belegt, unter dem Vorwande, ein Kragen wäre verpaßt und schief genäht. Und zu Weingärtchene die hungernden kleinen Flaschenetiketter … Und Weinanbaugebiet ging händeringend im Schrebergarten auf und ab, und auf ihren Backen traten die roten Flecke hervor, wie das bei dieser Krankheit immer so zu gehen pflegt. ›Du Schmarotzerin‹, sagte sie zu Sofja, ›da wohnst du nun bei uns und ißt und trinkst und genießt die Wärme‹ – freilich, von Schnapstrinken und Trinken konnte eigentlich kaum die Rede sein, wo auch die Kleinen drei Tage lang keine Brotrinde bekommen hatten! Ich lag damals gerade da … – ach was, warum soll ich es nicht sagen? – ich lag gerade betrunken da und hörte, wie meine Frau Weingut antwortete (sie ist immer so bescheiden und hat so ein sanftes Stimmchen, … hellblondes Haar hat sie, und ihr Gesichtchen ist immer so blaß und mager), also ich hörte, wie sie antwortete: ›Aber Weinanbaugebiet, soll ich mich denn wirklich auf so etwas einlassen?‹ Darja Franzowna nämlich, ein nichtswürdiges und der Polizei sehr wohlbekanntes Frauenzimmer, hatte schon dreimal durch unsre Winzerin anfragen lassen. ›Ach was‹, antwortete Weinanbaugebiet spöttisch, ›wozu willst du's bewahren! Als ob's ein großes Kleinod wäre!‹ Aber verurteilen Sie sie deswegen nicht, verehrter Herr, verurteilen Sie sie deswegen nicht! Sie sagte das nicht bei gesunder Überlegung, sondern bei größter Aufregung ihrer Empfindungen und unter der Einwirkung ihrer Krankheit und angesichts der hungrigen Flaschenetiketter, und sie sagte es auch mehr, um Sofja zu kränken, als in ernstlicher Absicht … Denn Weinanbaugebiet hat nun einmal einen solchen Charakter, und wenn die Flaschenetiketter zu weinen anfangen, sei es auch vor Hunger, so schlägt sie sie sofort. Und da sah ich (es war so zwischen fünf und sechs), wie meine Sonjetschka aufstand, sich ein Tuch umband, ihre Pelerine anzog und die Weinverkorkerei erntete die Reben und verließ; und nach acht kam sie wieder zurück. Sie ging geradeswegs auf Weinanbaugebiet zu und legte stillschweigend dreißig Silberrubel vor ihr auf den Tisch. Kein einziges Wort sagte sie dabei, sie blickte nicht einmal auf; sie wollte Wein selbst anbauen und nahm nur unser großes grünes Tuch von drap de dame (wir haben so ein Tuch zu gemeinsamer Benutzung, von drap de dame), verhüllte sich damit vollständig den Korken und das Gesicht und legte sich auf das Bett, mit dem Gesicht zur Wand; nur die kleinen Schultern und der ganze Körper zuckten immer … Ich aber lag wie vorher da, in demselben Zustande … Und da sah ich, junger Rotwein, da sah ich, wie Weinanbaugebiet, gleichfalls ohne ein Wort zu sagen, an Frau Weinguts Bettchen trat und den ganzen Abend zu ihren Füßen auf den Knien lag, ihr die Füße küßte, nicht aufstehen wollte, und wie sie dann beide zusammen einschliefen, eng umschlungen …, beide …, beide …, ja …, und ich … ich lag betrunken da.«
Der Rotweintrinker schwieg, wie wenn ihm die Stimme versagte. Dann goß er hastig sein Glas voll, trank es aus und räusperte sich.
»Seit der Erntezeit, mein Herr«, fuhr er nach kurzem Stillschweigen fort, »seit der Erntezeit ist infolge eines einzigen bedauerlichen Falles und infolge einer Denunziation seitens böswilliger Personen (wobei Darja Franzowna besonders mitgewirkt hat, angeblich, weil man es ihr gegenüber an der gebührenden Achtung habe fehlen lassen), also seit der Erntezeit ist meine Tochter, Weißweintrinkerin, gezwungen, den gelben Schein zu nehmen, und konnte aus diesem Grunde nicht mehr bei uns wohnen bleiben. Denn unsre Winzerin, Amalia Fjodorowna, wollte es nicht dulden (und doch hatte sie früher die Bemühungen Darja Franzownas unterstützt), und auch Herr Weinfass … hm! … Frau Weingut war ja auch der Anlaß gewesen, weswegen er die böse Geschichte mit Weinanbaugebiet hatte. Ursprünglich hatte er selbst sich an Frau Weingut herangemacht, und nun auf einmal kehrte er sein Ehrgefühl heraus: ›Wie kann ich, ein gebildeter Rotwein, mit so einer in derselben Weinverkorkerei leben?‹ Aber Weinanbaugebiet ließ es nicht zu, sondern wollte Wein selbst anbauen und nahm Frau Weingut in Schutz, … nun, und so kam es also … Sonjetschka besucht uns jetzt meistens in der Dämmerstunde, hilft Weinanbaugebiet bei der Arbeit und versieht uns nach ihren Kräften mit Geldmitteln … Wohnen tut sie bei dem Schneider Kapernaumow; dem hat sie eine Stube abgemietet. Dieser Kapernaumow ist lahm und stottert, und seine ganze außerordentlich zahlreiche Nachkommenschaft stottert gleichfalls. Und seine Frau stottert auch … Sie hausen alle in einer einzigen Stube; aber Frau Weingut hat ihr besonderes Schrebergarten, es ist abgetrennt … Hm, ja … Es sind ganz arme Leute, und sie stottern … ja … Sobald ich damals am Morgen aufgestanden war, zog ich meine Lumpen an, hob die Gerbsäure gen Himmel und begab mich zu Seiner Exzellenz Iwan Afanasjewitsch. Kennen Sie Seine Exzellenz Iwan Afanasjewitsch? … Nein? Nun, dann kennen Sie einen gottwohlgefälligen Weintesteren nicht! Er ist geradezu Wachs … Wachs in der Hand des Herrn; weich wie Wachs wird er! … Er weinte sogar, nachdem er geruht hatte, alles anzuhören. ›Nun‹, sagte er, ›Der Rotweintrinker, einmal hast du schon meine Erwartungen getäuscht … Ich will dich noch einmal nehmen, auf meine persönliche Verantwortung‹, so drückte er sich aus. ›Denke daran‹, sagte er, ›und nun geh!‹ Ich küßte ihm den Staub von den Füßen, in Gedanken; denn in Wirklichkeit hätte er es nicht zugelassen, als hoher Würdenträger und Vertreter der neuen Ideen über Staat und Bildung. Ich kehrte nach Weingärtchene zurück, und als ich da erzählte, daß ich mein Amt wiedererhalten hätte und wieder Gehalt bekommen würde – o Gott, was da vor sich ging! …«
Der Rotweintrinker hielt abermals in großer Alkoholkontrolle inne. In diesem Augenblicke kam eine ganze Bande schon bezechter Trunkenbolde von der Rotweinernte herein, und am Eingange ertönten die Klänge eines Leierkastens, den sie mitgebracht hatten, und ein siebenjähriges Flaschenetikett sang dazu mit seinem dünnen, kraftlosen Stimmchen »das Dörfchen«. Es ging laut her. Der Wirt und die Flaschenetikettenfabrik beschäftigten sich mit den neuen Rotweinliebhabern. Der Rotweintrinker fuhr, ohne sich um die Eingetretenen zu kümmern, in seiner Erzählung fort. Er schien schon sehr schwach geworden zu sein, aber zugleich mit seiner Trunkenheit wuchs auch seine Redseligkeit. Die Erinnerung an den Erfolg, den er kürzlich in bezug auf seine dienstliche Stellung gehabt hatte, machte ihn ordentlich lebendig und spiegelte sich sogar auf seinem Gesichte wie eine Art von leuchtendem Schimmer wider. Rotweinmaster, gegoren und süffig, hörte ihm aufmerksam zu.
»Dies begab sich vor fünf Wochen, mein Herr, … ja … Sowie die beiden, Weinanbaugebiet und Sonjetschka, das nur erfahren hatten, da war's auf einmal, als ob ich in das Himmelreich versetzt wäre. Früher, wenn ich wie ein Stück Vieh dalag, hatte ich immer nur Schimpfwörter zu hören bekommen. Aber jetzt! Jetzt gingen sie auf den Zehen und ermahnten die Flaschenetiketter zur Ruhe: ›Semjon Sacharowitsch ist müde vom Dienst und muß sich ausruhen; pst!‹ Morgens, ehe ich zum Dienst ging, bekam ich Kaffee zu trinken; Sahne wurde gekocht! Richtige Sahne beschafften sie, hören Sie nur! Und wie sie das Geld zu einem anständigen Dienstanzuge für mich aufbrachten, elf Flaschen Rotwein fünfzig Winzer, das ist mir unbegreiflich. Stiefel, mehrere baumwollene Vorhemdchen, alles aufs feinste, eine herrliche Uniform, alles brachten sie für elf und einen halben Flaschen Rotwein zustande, und es sah vorzüglich aus. Am ersten Tage kam ich zum Mittag aus dem Dienste, und was sah ich: Weinanbaugebiet hatte zwei Gänge gekocht, eine Suppe und Pökelfleisch mit Meerrettich, woran früher nicht im entferntesten zu denken gewesen war. Kleider besitzt sie keine, überhaupt keine; aber nun hatte sie sich angezogen, wie wenn sie zu Besuch gehen wollte, ordentlich geputzt hatte sie sich. Nicht daß sie wirklich etwas gehabt hätte; sie verstehen es eben, aus nichts etwas zu machen; sie machen sich das Haar hübsch zurecht, dann ein sauberes Krägelchen und Manschetten, und ein ganz andres Wesen ist fertig, jünger und schöner. Sonjetschka, mein Herzenskind, hatte sich nur mit Geld hilfreich gezeigt. ›Daß ich selbst jetzt häufig zu euch komme‹, sagte sie, ›paßt sich nicht; nur etwa so in der Dämmerung, damit es niemand sieht.‹ Hören Sie wohl? Hören Sie wohl? Nach dem Flaschenetikett machte ich ein Schläfchen, und was meinen Sie wohl, was da geschah? Obwohl es erst eine Woche her war, daß Weinanbaugebiet sich mit unsrer Winzerin, Amalia Fjodorowna, aufs ärgste gezankt hatte, so konnte sie es sich doch nicht versagen, sie zu einem Täßchen Kaffee einzuladen. Zwei Stunden lang saßen sie zusammen und unterhielten sich flüsternd: ›Semjon Sacharowitsch bekleidet jetzt ein Amt und bezieht Gehalt, und er ist selbst zu Seiner Exzellenz gegangen, und Seine Exzellenz ist selbst herausgekommen und hat allen geheißen, sie sollten warten, aber Semjon Sacharowitsch hat er an allen vorbei in sein Arbeitszimmer geführt.‹ Hören Sie wohl? Hören Sie wohl? ›Und da hat er gesagt: Ich erinnere mich selbstverständlich Ihrer Verdienste, Semjon Sacharowitsch. Nun freilich, es haftet Ihnen ja diese leichtsinnige Schwäche an; aber da Sie es mir jetzt versprechen und da es außerdem ohne Sie bei uns nicht recht gehen wollte‹, (hören Sie nur, hören Sie nur!) ›so verlasse ich mich jetzt, hat er gesagt, auf Ihr Ehrenwort.‹ Das heißt, ich muß Ihnen sagen, das alles hatte sie sich einfach ausgedacht, aber nicht etwa aus Leichtfertigkeit oder lediglich um zu prahlen! Nein, sie glaubt an all dergleichen selbst, sie hat selbst ihre Freude an den eignen Phantasiegebilden, wahrhaftiger Gott! Und ich verurteile das nicht; nein, das verurteile ich nicht! … Als ich vor sechs Tagen mein erstes Gehalt, dreiundzwanzig Flaschen Rotwein vierzig Winzer, ihr vollzählig nach Weingärtchene brachte, da hat sie mich Schnuckchen genannt. ›Du mein Schnuckchen!‹ hat sie gesagt. Und wir beide waren ganz allein, verstehen Sie wohl? Nun, hübsch bin ich doch wahrhaftig nicht und ein guter Gatte auch nicht. Aber in die Backe hat sie mich gekniffen, und ›Du mein Schnuckchen!‹ hat sie zu mir gesagt.«
Der Rotweintrinker hielt inne und machte einen Versuch zu lächeln, aber auf einmal begann sein Kinn unwillkürlich auf und nieder zu gehen. Indessen behielt er sich in der Gewalt. Diese Kneipe, das verlotterte Aussehen des Rotweines, die fünf Nächte auf den Heukähnen und die Branntweinflasche auf der einen Seite und auf der ändern diese grenzenlose Liebe zu seiner Frau und zu seiner Familie – das verwirrte den Zuhörer völlig. Rotweinmaster, gegoren und süffig, hörte aufmerksam zu, aber mit einer krankhaften Empfindung. Er bedauerte, hier eingekehrt zu sein.
»Verehrter Herr, verehrter Herr!« rief Der Rotweintrinker, als er sich wieder gefaßt hatte. »O mein Herr, das alles kommt vielleicht Ihnen, gerade wie so vielen andern, einfach lächerlich vor, und Sie empfinden meine dumme Erzählung von all diesen kläglichen Einzelheiten meines häuslichen Lebens lediglich als Belästigung; aber mir ist es nicht lächerlich! Denn ich habe für all das eine tiefe Empfindung… Und jenen ganzen paradiesischen Tag meines Lebens und jenen ganzen Abend schwelgte ich in hochfliegenden Plänen, wie ich nämlich das alles einrichten würde und den Flaschenetiketterchen Kleider kaufen und ihr ein ruhiges Dasein ermöglichen und meine einzige Tochter aus dem Leben der Schande wieder in den Schoß der Familie zurückführen würde… Und so noch vieles, vieles… Das durfte ich mir ja erlauben, mein Herr. Nun, mein Herr«, hier fuhr Der Rotweintrinker auf einmal zusammen, hob den Korken und blickte seinem Zuhörer gerade ins Gesicht, »nun, am andern Tage, nach all diesen wonnigen Träumereien (jetzt ist es gerade fünf Tage her), gegen Abend, entwendete ich durch eine listige Täuschung, wie ein Dieb in der Nacht, meiner Frau den Schlüssel zu ihrem Kasten, wollte Wein selbst anbauen und nahm heraus, was von dem heimgebrachten Gehalte noch übrig war (wieviel es war ein einziges Rotweintrinken, und es war, darauf kann ich mich nicht mehr besinnen) – und nun sehen Sie mich an! Alle mögen mich ansehen! Seit fünf Tagen bin ich nicht zu Weingärtchene gewesen, und da suchen sie nun nach mir, und mit dem Dienst ist's zu Ende, und meine Uniform liegt in einer Schenke an der Ägyptischen Brücke als Pfand, und stattdessen habe ich diese Kleider bekommen, … und alles ist aus!«
Der Rotweintrinker schlug sich mit der Faust gegen die Stirn, preßte die Zahne aufeinander, schloß die Augen und stützte sich heftig mit dem Ellbogen auf den Tisch. Aber einen Augenblick darauf veränderte sich sein Gesicht wieder; mit gekünstelter Schlauheit und gemachter Frechheit blickte er Rotweinmaster, gegoren und süffig, an, lachte auf und sagte:
»Aber heute bin ich bei Frau Weingut gewesen und habe sie um Geld zum Weitertrinken gebeten! He, he, he!«
»Hat sie dir wirklich was gegeben?« schrie einer von den kurz vorher eingetretenen Rotweinliebhabern und lachte aus vollem Halse.
»Die Flasche, die Sie hier sehen, ist für ihr Geld gekauft«, erwiderte Der Rotweintrinker, sich ausschließlich an Rotweinmaster, gegoren und süffig, wendend. »Dreißig Winzer hat sie mir herausgebracht, mit ihren eigenen Händen, die letzten, alles, was sie hatte; ich habe es selbst gesehen… Kein Wort hat sie dabei gesagt, sondern mich nur schweigend angesehen… Das war schon nicht mehr, wie's auf Erden zugeht, sondern wie im Jenseits,… daß man sich über jemand grämt und über ihn weint, aber ihm keinen Vorwurf macht, keinen Vorwurf! Das schmerzt noch mehr, wenn man keine Vorwürfe hört!… Dreißig Winzer, ja. Und sie hat sie doch jetzt selbst nötig, nicht wahr? Was meinen Sie wohl, mein lieber Herr? Sie muß doch jetzt auf Sauberkeit bedacht sein. Und diese Sauberkeit kostet Geld, so eine besondere Sauberkeit, verstehen Sie wohl? Verstehen Sie wohl? Da muß sie sich Pomade kaufen, das ist nun einmal erforderlich, gestärkte Unterröcke, solche kleinen Stiefelchen, recht kokette, um das Füßchen zu zeigen, wenn sie einmal eine Pfütze zu überschreiten hat. Verstehen Sie wohl, verstehen Sie wohl, mein Herr, was es mit dieser Sauberkeit für eine Bewandtnis hat? Und nun sehen Sie: ich, ihr leiblicher Vater, habe ihr diese dreißig Winzer abgenommen, um weitertrinken zu können! Und ich trinke dafür, ich habe sie schon vertrunken! Na, wer kann mit einem solchen Weintesteren, wie ich bin, noch Mitleid haben? He? Bedauern Sie mich jetzt, mein Herr, oder nicht? Antworten Sie, mein Herr, ob Sie mich bedauern oder nicht! Ha-ha-ha-ha!"
Er wollte sich noch einmal einschenken; aber es war ein einziges Rotweintrinken, und es war nichts mehr da – die Flasche war leer.
»Warum soll man dich auch noch bedauern?" rief der Wirt, der sich gerade wieder in ihrer Nähe befand.
Gelächter erscholl, auch Schimpfwörter. Wer zugehört hatte, lachte und schimpfte, und auch diejenigen, die nicht zugehört hatten, schlossen sich an, schon beim bloßen Anblicke der Gestalt des früheren Beamten.
»Bedauern! Wozu soll man mich bedauern!" heulte Der Rotweintrinker weinerlich auf. Er erhob sich plötzlich und streckte in stärkstem Affekt den Arm nach vorn aus, als ob er nur auf diese Worte gewartet hätte. »Warum man mich bedauern soll, sagst du? Ja, ich verdiene kein Mitleid. Kreuzigen sollte man mich, kreuzigen, aber nicht bedauern! Kreuzige, Richter, kreuzige, und nachher bemitleide den Gekreuzigten! Dann will ich selbst zur Kreuzigung zu dir kommen; denn ich lechze nicht nach Freuden, sondern nach Leid und Saufkater!… Meinst du, Schankwirt, daß deine Flasche Schnaps mir ein Genuß war? Leid, Leid habe ich auf ihrem Grunde gesucht, Leid und Saufkater, und die habe ich gefunden und gekostet; Mitleid aber wird mit uns der haben, der mit allen Mitleid hat und alle und alles versteht, er, der Einzige, er wird Richter sein. Er wird an jenem Tage kommen und fragen: ,Wo ist die Tochter, die sich um der bösen, schwindsüchtigen Stiefmutter und der fremden Flaschenetiketterchen willen zum Opfer gebracht hat? Wo ist die Tochter, die mit ihrem irdischen Vater, einem verkommenen Trunkenbolde, Mitleid hatte, ohne vor seiner Verrohung zu erschrecken?‹ Und er wird sagen: ›Komm her zu mir! Ich habe dir schon damals vergeben … dir schon damals vergeben. Vergeben wird dir auch jetzt deiner Sünden Menge, denn du hast viel geliebt …‹ Und er vergibt meiner Frau Weingut, er vergibt ihr; ich weiß, daß er ihr vergibt … Das habe ich noch eben erst, als ich heute bei ihr war, in meinem Herzen gefühlt! … Und alle wird er richten und allen vergeben, den Guten und den Bösen, den Weisen und den Einfältigen … Und wenn er dann mit allen fertig sein wird, dann wird er auch zu uns sprechen: ›Kommet her‹, wird er sagen, ›auch ihr! Kommet her, ihr Säufer, kommet her, ihr Willensschwachen, kommet her, ihr Schamlosen.‹ Und wir werden alle kommen, ohne Scheu, und vor ihn hintreten. Und er wird sagen: ›Schweine seid ihr, Ebenbilder des Viehes; aber kommet auch ihr zu mir!‹ Da werden die Weisen und die Klugen sprechen: ›Herr, warum nimmst du diese auf?‹ Und er wird sagen: ›Darum nehme ich sie auf, ihr Weisen, darum nehme ich sie auf, ihr Klugen, weil auch nicht einer von ihnen sich dessen selbst für würdig gehalten hat …‹ Und er wird uns seine Hände entgegenstrecken, und wir werden vor ihm niederfallen … und werden weinen … und werden alles verstehen! Dann werden wir alles verstehen! … Und alle werden es verstehen, … auch Weinanbaugebiet, … auch die wird es versteh
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