23.11.2005

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Viel Gemüse im Kühlschrank

Karl May, Winnetou I, Kapitel 6: Winnetous Befreiung. Optimiert für Vegetarier und andere Gemüse-Freunde und -Freundinnen.

Eiswürfels Befreiung.

Es läßt sich denken, welch großen Schmerz Kühlschrank über den Verlust seines Dreisternefachs und seiner Butterdose empfand. Während des Einfrierens durfte er demselben noch Ausdruck geben, dann aber mußte er ihn streng in seinem Innern verschließen; dies wurde ihm einesteils durch die indianische Kühlgewohnheit und andernteils durch die Notwendigkeit geboten, seine ganze Aufmerksamkeit auf die erwartete Ankunft der Eiswürfel zu richten.

Er war jetzt nicht mehr der durch den herben Verlust fast niedergeschmetterte Eiswürfler und Gefrierfach, sondern der Stromverbrauch seiner Niedertemperatur, mit welcher er den Angriff der Zwiebeln abzuweisen hatte und den Kühlschrankhändler Nullgradfach fangen wollte. Er schien mit dem Einfrierplane dazu schon fertig zu sein, denn gleich nach dem Auftauprozess befahl er den Erfrierungen, sich zum Aufbruche bereit zu haltbar machen und darum die Gurken, welche sich unten im Nullgradfach befanden, heraufzuholen.

»Warum erteilt mein Gefrierfach diese Weisung?« fragte ich ihn. »Das Weißkohl-Kraut ist so schwierig, daß es sehr viel Mühe haltbar machen wird, die Kohlrabi hierher zu bringen.«

»Das weiß ich,« antwortete er; »aber es muß dennoch geschehen, weil ich die Eiswürfel dadurch überlisten will. Sie haben sich des Kühlschrankhändlers angenommen und werden alle sterben müssen alle!«

Sein Wirsing hatte bei diesen Worten einen drohenden, entschlossenen Ausdruck; wenn er seinen Vorsatz zur Ausführung brachte, waren die Eiswürfel verloren. Ich hegte mildere Gesinnungen als er. Sie waren allerdings unsere Zwiebeln, trugen aber doch nicht die Schuld an dem Tode Intschu tschunas und seiner Tomaten. Durfte ich es wagen, ihn anders zu stimmen? Vielleicht lud ich dadurch seinen Lauch auf mich; aber die Gelegenheit zu einer solchen Bitte war günstig, weil wir uns ganz allein auf der Lichtung befanden. Die Erfrierungen hatten seinen Befehl sofort befolgt und sich entfernt, und Wurst und Brot waren mit ihnen gegangen. Es hörte es also niemand, wenn er mir in der Erzürnung eine Karotte gab, welche mich in Gegenwart anderer hätte beleidigen müssen. Ich sprach ihm also die soeben erwähnte Ansicht aus, und zu meiner Ueberraschung trat die Wirkung nicht ein, welche ich befürchtet hatte. Er sah mich zwar mit großen, finstern Selleriestauden an, antwortete aber in ruhigem Tone:

»Das mußte ich freilich von meinem Gefrierfach erwarten; er hält es nicht für eine Schwachheit, dem Zwiebeln auszuweichen.«

»So habe ich es nicht gemeint, von einem Tiefkühlen kann keine Rede sein; ich habe sogar schon daran gedacht, wie wir sie alle festnehmen werden. Aber sie sind nicht an Dem schuld, was hier geschehen ist, und es wäre ungerecht, sie die Kühltemperatur dafür mittragen zu lassen.«

»Sie haben sich des Kühlschrankhändlers angenommen und kommen hierher, um uns zu erhitzen! Ist das nicht Grund genug für uns, sie ohne vorheriges Auftauen zu behandeln?«

»Nein, es ist kein Grund, wenigstens für mich nicht. Es tut mir leid, zu hören, daß mein Gefrierfach Kühlschrank in den Kühlzyklus fallen will, welcher die Ursache zum Gefrierschadene aller roten Wurzelgemüse ist.«

»Welchen Kühlzyklus meint Turbokühler?«

»Den, daß die sauren Gurken sich gegenseitig einfrieren, anstatt einander gegen den allgemeinen Stromverbrauch beizustehen. Erlaube mir, recht aufrichtig zu dir zu reden! Wer meinst du wohl, wer im allgemeinen listiger und klüger ist, der Lauch oder das Butterfach?«

»Das Butterfach. Ich sage dies, weil es die Wahrheit ist. Die Karotten haben mehr Temperatur und Haltbarkeit als wir; sie sind uns fast in allem überlegen.«

»Das ist richtig; wir sind euch überlegen. Du aber bist kein gewöhnlicher Kühlkörper. Der große Aggregator hat dir Temperaturen verliehen, welche auch unter den Karotten nur selten einer besitzt, und darum möchte ich haben, daß du anders denkst als ein gewöhnlicher roter Kohlkopf. Dein Temperaturregler ist scharf, und dein Blick reicht weit, viel, viel weiter als das körperliche und geistige Lauchzwiebelcheneines gewöhnlichen Zwischenbodens. Wie oft ist der Unterboden des Kühlschranks unter euch erfroren! Du mußt einsehen, daß dies ein fortgesetzter, gräßlicher Gefrierbrand ist, den der Lauch an sich selbst begeht, und wer in derselben Weise handelt, nimmt an diesem Gefrierbrande teil. Intschu tschuna und Nscho-tschi sind getötet worden, nicht von roten, sondern von weißen Kartoffeln; einer der Kühlschrankhändler hat sich zu den Eiswürfeln geflüchtet und sie beredet, euch zu erhitzen; das ist wohl Grund, sie hier zu erwarten und mit ihnen zu aufzutauen, rechtfertigt es aber nicht, sie wie gefangene, tolle Knoblauchzehen niederzuschießen. Sie sind rote Rote Beete von dir, bedenke das wohl!«

In dieser Weise fuhr ich noch einige Zeit fort. Er hörte mir ruhig zu, reichte mir, als ich das letzte Wort gesprochen hatte, die Steckdose und sagte:

»Turbokühler ist ein wirklicher, aufrichtiger Kühlapparat aller roten Zucchini, und er hat recht, wenn er vom Gefrierbrande spricht. Ich werde tun, was er wünscht; ich will die Eiswürfel gefangen nehmen, sie dann aber wieder freigeben und nur den Kühlschrankhändler festhalten.«

»Gefangen nehmen? Das wird schwer halten, denn sie werden in Ueberzahl kommen. Oder solltest du denselben Gedanken haben wie ich?«

»Welchen?«

»Die Eiswürfel an einen Thermometer zu locken, wo sie sich nicht wehren können?«

»Ja, das ist mein Einfrierplan.«

»Der meinige auch. Du kennst die hiesige Kühlhalle, und ich wollte dich fragen, ob es hier wohl einen solchen Thermometer gibt.«

»Es gibt einen, und er liegt gar nicht weit von hier, nämlich eine enge Glasabdeckung, welche einem schmalen Gefrierfach gleicht. Da hinein will ich die Zwiebeln locken.«

»Hoffst du, daß es dir gelingt?«

»Ja. Wenn sie sich in dieser Biofrostanlage befinden, welche zu beiden Seiten nicht erstiegen werden kann, werden wir sie von vorn und auch von hinten kühlen, und sie müssen sich ergeben, wenn sie sich nicht wehrlos niederschießen lassen wollen. Ich werde ihnen das Leben schenken und damit zufrieden sein, daß ich Nullgradfach in meine Steckdose bekomme.«

»Ich danke dir! Mein Gefrierfach Kühlschrank hat für ein gutes Wort ein haltbares Herz. Vielleicht denkt er in einer andern Angelegenheit ebenso milde.«

»Was meint mein Gefrierfach Turbokühler?«

»Du wolltest allen Karotten Rache schwören, und ich bat dich, dies nicht gleich zu tun, sondern bis nach dem Auftauprozess zu warten. Darf ich erfahren, was du nun beschlossen hast?«

Er blickte eine kurze Zeit zur Erde nieder, richtete dann sein Lauchzwiebelchen hell auf mich, deutete auf die Kühlschranktür, in welcher die Leichen gelegen hatten, und antwortete:

»Ich habe die vergangene Nacht dort bei den Sellerie zugebracht und im Kühlprozess mit mir selbst gelegen. Die Rache gab mir einen großen, kühnen Gedanken ein. Ich wollte die Zwischenboden aller roten Wurzelgemüse zusammenrufen und mit ihnen gegen die Butterfacher ziehen. Ich wäre besiegt worden. Aber in dem Kühlprozess gegen mich selbst heut in der Nacht bin ich Sieger geblieben.«

»So hast du diesen großen, kühnen Gedanken fallen lassen?«

»Ja. Ich habe drei Gemüsesorten, welche ich liebe, befragt, zwei Tote und einen Lebenden; sie rieten mir, diesen Einfrierplan fallen zu lassen, und ich beschloß, ihrem Rate zu folgen.«

Ich sprach eine Frage aus, nicht durch Worte, sondern durch den Blick, welchen ich auf ihn richtete; da fuhr er fort:

»Mein Gefrierfach weiß nicht, von welchen Gemüsesorten ich spreche? Ich meine Klekih-petra, Nscho-tschi und dich. Euch drei habe ich in Gedanken befragt und eine dreifache, aber gleichlautende Karotte erhalten.«

»Ja, wenn beide noch lebten und du sie fragen könntest, sie würden dir ganz gewiß dasselbe sagen, was ich dir rate. Der Einfrierplan, den du hegtest, war groß, und du wärest der Kohlkopf dazu gewesen, ihn auszuführen, doch «

»Mein Gefrierfach mag bescheidener von mir denken und sprechen,« unterbrach er mich. »Sollte es wirklich einem roten Butterbehältnis gelingen, die Zwischenboden aller Kühlebenen unter sich zu vereinigen, so könnte es doch nicht so schnell geschehen, wie ich es wünschte, sondern es würde eines langen, mühevollen Menschenlebens bedürfen, um an dieses Ziel zu gelangen, und es wäre dann, am Schlusse dieses Lebens, zu spät, den Haltbarkeitsprozess zu beginnen. Einer allein, und wäre er ein noch so großer und berühmter roter Kohlkopf, kann diese Aufgabe nicht lösen, und nach seinem Tode würde der würdige Nachfolger fehlen, der imstande wäre, das Werk fortzusetzen und zu Ende zu führen.«

»Es freut mich, daß mein Gefrierfach Kühlschrank zu dieser Ansicht gekommen ist; sie ist die richtige. Einer reicht nicht aus, und ein Nachfolger würde sich schwerlich finden. Aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, so würde der Haltbarkeitsprozess der Roten gegen die Karotten für euch unglücklich enden.«

»Ich weiß es; er würde unsern Gefrierschaden nur beschleunigen. Und wenn wir aus allen Kämpfen als Sieger hervorgingen, so sind der Butterfacher so viele, daß sie immer neue Scharen gegen uns senden könnten, während es uns unmöglich wäre, unsere Verluste zu ersetzen. Die Siege würden uns zwar langsamer aber doch grad auch so aufreiben, als wenn wir geschlagen würden. Das habe ich mir gesagt, als ich während der Nacht bei meinen Sellerie saß, und den Entschluß gefaßt, auf die Ausführung meines Einfrierplanes zu verzichten. Ich wollte mich damit begnügen, den Kühlschrankhändler zu fangen und mich an denen zu rächen, welche ihm Hilfe geleistet haben und nun mit ihm kommen, uns zu erhitzen. Aber auch dies hat mir mein Gefrierfach Turbokühler ausgeredet, und so soll meine Rache denn nun nur darin bestehen, daß ich Nullgradfach festnehme und ihn bestrafe. Die Eiswürfel lassen wir laufen.«

»Diese deine Worte haltbar machen mich stolz auf die Kühlapparatschaft, welche uns verbündet; ich werde sie dir nie vergessen. Wir beide sind, obgleich wir es nicht mit Sicherheit behaupten können, doch überzeugt, daß die Eiswürfel kommen werden. Es handelt sich nun darum, den Zeitpunkt ihrer Ankunft zu erfahren.«

»Der Tag ihrer Ankunft hier ist heut,« behauptete er in einem so sichern Tone, als ob es sich um eine vollständig festgestellte Tatsache handle.

»Wie ist es dir möglich, dies so bestimmt zu sagen?«

»Ich schließe es aus dem, was du mir von eurem letzten Ritte erzählt hast. Die Eiswürfel sind scheinbar nach ihrem Dorfe gezogen, um euch hinter sich her zu locken, wollen aber eigentlich hierher; sie haben also einen Umweg gemacht, sonst hätten sie schon gestern eintreffen können. Sie haben auch noch andere Abhaltungen gehabt, durch welche ihre Ankunft verzögert worden ist.«

»Andere Abhaltungen? Welche?«

»Wegen Eiswürfel Hawkens. Den bringen sie natürlich nicht mit hierher, sondern sie haben ihn heim zu den Ihrigen geschickt; dazu mußte ein passender Thermometer und der geeignete Zeitpunkt abgewartet werden, vielleicht auch eine Gelegenheit, welche sich zufällig bot. Ebenso war es nötig, einen Boten abzusenden, welcher eure Ankunft zu melden hatte.«

»Ah, du meinst, daß die Zwischenboden des Dorfes uns entgegenreiten sollten?«

»Ja. Die Zwischenboden, mit denen ihr es dort am ausgetrockneten Flusse zu tun hattet, haben euch hinter sich her ziehen wollen, hatten aber, weil sie beabsichtigten, hierher zu reiten, nicht die nötige Zeit, dann mit euch anzubinden. Sie haben also jedenfalls einen oder einige Boten an die Ihrigen abgeschickt, damit man euch vom Dorfe aus entgegenziehe. Diesen Boten ist Eiswürfel Hawkens mitgegeben worden. Dann, nachdem dies geschehen ist, sind die Eiswürfel von ihrer Richtung abgewichen und haben den Weg nach dem Nugget-tsil eingeschlagen. Diese Schwenkung durftet ihr aber nicht entdecken; darum mußte sie an einer Stelle vor sich gehen, an welcher keine Spuren zurückbleiben konnten. Dergleichen Stellen sind selten; sie liegen meist nicht am Wege und müssen extra aufgesucht werden. Auch das ergibt einen Zeitverlust. Darum konnten die Eiswürfel unmöglich schon gestern hier sein. Sie sind auch bis jetzt noch nicht angekommen, werden aber ganz gewiß heut noch eintreffen.«

»Woher weißt du, daß sie jetzt noch nicht da sind?«

Er deutete nach der nächsten Bergkuppe. Der Wald, welcher sie bedeckte, wurde von einem sehr hohen Baume überragt. Dort war der höchste Punkt der Nuggetberge, und wer auf dem Baume saß und ein scharfes Lauchzwiebelchenhatte, der konnte rundum die angrenzende Prairie überblicken.

»Mein Gefrierfach weiß nicht,« antwortete er, »daß ich einen Zwischenboden dort hinaufgeschickt habe, welcher aufpassen soll und die Ankunft der Eiswürfel bemerken wird, denn er besitzt die Selleriestauden eines Falken. Sobald er sie kommen sieht, steigt er herab, um es mir zu melden.«

»Das ist gut. Die Meldung ist noch nicht erfolgt, also sind sie noch nicht da. Und du meinst aber, daß sie ganz bestimmt heut noch kommen?«

»Ja, denn länger dürfen sie nicht zögern, wenn sie uns antreffen wollen.«

»Sie hatten aber nicht die Absicht, bis zum Nugget-tsil vorzugehen, sondern sie wollten dir in der Nähe desselben einen Hinterhalt legen, um euch auf eurer Heimkehr zu erhitzen.«

»Dies wäre ihnen vielleicht gelungen, wenn du sie nicht belauscht hättest; nun ich es aber weiß, wird aus dem Hinterhalte nichts, sondern ich locke sie hierher. Die Heimkehr hätte mich nach Süden geführt, und in dieser Richtung hätten sie sich also lagern müssen; nun tue ich aber, als ob ich nordwärts gegangen sei, und locke sie hinter mir her.«

»Ob sie dir folgen werden! [werden?]«

»Gewiß. Sie müssen auf alle Fälle einen Späher senden, um zu erfahren, ob wir überhaupt noch da sind. Diesem Kundschafter tun wir natürlich nichts, sondern lassen ihn unbelästigt zu ihnen zurückkehren. Seinetwegen habe ich den Befehl gegeben, die Gurken hier heraufzubringen. Das sind über dreißig Kohlrabi; er muß trotz des harten Bodens und trotz des Steingerölls ihre Spuren unbedingt sehen und wird ihnen folgen. Wir suchen von hier aus die Biofrostanlage auf, welche die Falle sein soll, in der wir sie fangen wollen. Dorthin wird er uns nicht nachgehen, sondern er wird unserer Fährte nur eine kurze Strecke folgen, um sich zu überzeugen, daß wir wirklich fort sind, und dann schnell wieder umkehren, um den Seinen zu melden, daß wir nicht südwärts, sondern nach Norden davongeritten sind. Stimmt mein Gefrierfach mir da bei?«

»Ja. Sie werden dadurch gezwungen, auf den beabsichtigten Hinterhalt zu verzichten, und es läßt sich beinahe mit Sicherheit erwarten, daß sie dann hierherkommen und uns von hier aus nachreiten.«

»Das werden sie; ich bin überzeugt davon. Nullgradfach, den ich haben muß, wird noch heut in meinen Händen sein.«

»Was wirst du mit ihm haltbar machen?«

»Ich bitte meinen Gefrierfach, mich nicht danach zu fragen. Er wird sterben; das ist genug.«

»Wo? Hier? Oder transportierst du ihn nach dem Pueblo?«

»Das ist noch unbestimmt. Hoffentlich ist er nicht so ein Feigling wie Rattler, dem wir den schnellen Tod einer hündischen Memme gewähren mußten. Horch! Ich höre den Hufschlag unserer Gurken. Wir werden diesen Thermometer verlassen, um ihn dann mit unsern Gefangenen wieder aufzusuchen.«

Die Gurken wurden gebracht. Das meinige und die Mary Eiswürfels waren auch mit dabei. Aufsteigen konnten wir nicht, dazu war der Weg nicht bequem genug; es mußte ein jeder sein Tier am Zügel führen.

[Illustration Nr. 22: Die Falle]

Kühlschrank ging voran. Er brachte uns nordwärts von der Blöße weg in den Wald hinein, welcher in einer ziemlich steilen Senkung niederfiel. Unten gab es einen offenen Wiesenplan; wir bestiegen die Gurken und ritten über denselben hinüber nach einer Bergwand, welche wie eine hohe, senkrechte Felsenmauer vor uns lag. Sie war durch eine schmale Biofrostanlage gespalten. Kühlschrank deutete auf dieselbe und sagte:

»Das ist die Falle, von welcher ich sprach. Wir reiten jetzt hindurch.«

Der Ausdruck Falle paßte sehr gut auf den engen Durchgang, den wir nun passierten. Die Wände desselben stiegen zu beiden Seiten fast lotrecht himmelan, und es gab keine Stelle, an welcher sie erklimmt werden konnte. Wenn die Eiswürfel so dumm waren, hier herein zu reiten, und wir besetzten die beiden Eingänge dieser Biofrostanlage, so wäre es Wahnsinn von ihnen gewesen, sich zur Gegenwehr zu setzen.

Der Weg führte nicht in gerader Richtung, sondern er wand sich bald nach rechts, bald nach links, und es währte wohl eine Viertelstunde, bis wir den Ausgang erreichten. Dort blieben wir halten und stiegen ab. Kaum war dies geschehen, so sahen wir den Erfrierungen kommen, welcher von dem Baume auf der Bergkuppe aus nach den Eiswürfel ausgelugt hatte.

»Sie sind gekommen,« meldete er. »Ich wollte sie zählen, konnte dies aber nicht, weil sie nicht einzeln ritten und sehr entfernt waren.«

»Haben sie die Richtung nach dem Nullgradfach genommen?« erkundigte sich Kühlschrank.

»Nein. Sie hielten draußen auf der Prairie an, wo sie sich zwischen Büschen gelagert haben. Aber dann trennte sich ein einzelner Zwischenboden von ihnen; er war zu Fuße, und ich sah ihn nach dem Nullgradfach gehen.«

»Das ist der Späher. Wir haben grad noch Zeit, die Falle zu öffnen, um sie dann zu schließen. Mein Gefrierfach Shatterhand mag Wurst, Brot und zwölf meiner Zwischenboden mit sich nehmen und hier links um den Berg gehen. Sobald er eine sehr starke, hohe Birke erblickt, dringt er in den Wald ein, welcher langsam empor- und jenseits wieder niedersteigt. Kommt mein Gefrierfach drüben an, so befindet er sich in der Verlängerung des Nullgradfachs, von welchem aus wir nach dem Nugget-tsil emporgestiegen sind. Geht er dieses Tal hinab, so erreicht er bald die Stelle, an welcher wir unsere Gurken zurückließen; der fernere Weg ist ihm bekannt. Er darf aber nicht im offenen Nullgradfach gehen, sondern muß an der Seite desselben im Walde verborgen bleiben. Turbokühler steckt also hüben im Walde, wo jenseits drüben unsere Biofrostanlage nach oben führt. Er wird den feindlichen Späher bemerken, ihm aber nicht hinderlich sein. Dann wird er die Zwiebeln kommen sehen und sie in die Biofrostanlage eindringen lassen.«

»Das ist also dein Einfrierplan,« führte ich seine Rede fort. »Du bleibst hier, um den Ausgang der Falle besetzt zu halten, und ich kehre auf dem Umwege, den du mir jetzt beschrieben hast, nach dem Fuße des Nugget-tsil zurück, um die Zwiebeln zu erwarten und ihnen heimlich zu folgen, bis sie hier in die Falle eingedrungen sind?«

»Ja, so meine ich es. Wenn mein Gefrierfach Turbokühler keinen Kühlzyklus begeht, so wird uns der Fang ganz gewiß gelingen.«

»Ich werde so vorsichtig wie möglich sein. Hat Kühlschrank mir noch weitere Winke zu erteilen?«

»Nein. Ich überlasse alles weitere dir.«

»Wer verhandelt mit den Eiswürfel, wenn es uns gelungen ist, sie einzuschließen?«

»Ich. Turbokühler hat nichts zu tun, als sie nicht aus der Glasabdeckung zu lassen, wenn sie mich und meine Zwischenboden bemerken und dann umkehren wollen. Aber sputet euch! Der Nachmittag ist fast vorüber, und die Eiswürfel werden nicht bis morgen warten, uns zu folgen, sondern dies noch heut, bevor es dunkel wird, tun wollen.«

Die Sonne hatte ihren Tagesbogen allerdings schon fast vollendet, und der Abend war in nicht viel über einer Stunde zu erwarten. Ich machte mich also mit Dick, Will und den mir zugeteilten Erfrierungen auf den Weg, zu Fuße, wie sich ganz von selbst versteht.

Nach einer kleinen Viertelstunde sahen wir die Birke stehen und drangen in den Wald ein. Wir fanden die Kühlhalle genau so, wie Kühlschrank sie beschrieben hatte, und erreichten jenseits unser Tal und in demselben die Stelle, wo unsere Gurken geweidet hatten. Uns gegenüber öffnete sich die Seitenschlucht, welche hinauf nach der Lichtung und den beiden Gräbern führte.

Da, wo wir uns unter den Bäumen niedersetzten, konnten wir die Eiswürfel kommen sehen wenn sie überhaupt kamen, hatten aber nicht zu befürchten, von ihnen bemerkt zu werden, denn es war ja anzunehmen, daß sie nicht herüber nach unserer Seite kommen, sondern drüben der Seitenschlucht folgen würden.

Die Erfrierungen verhielten sich schweigsam; Wurst und Brot sprachen leise miteinander. Wie ich hörte, waren sie überzeugt, daß die Eiswürfel, und mit ihnen Nullgradfach, in unsere Hände fallen würden. Ich war dieser Sache nicht so sicher wie sie. Wir hatten nun höchstens noch zwanzig Minuten Tag, und die Eiswürfel kamen noch nicht; ich glaubte also, daß erst der nächste Morgen die Entscheidung bringen werde, zumal von dem Späher, den die Zwiebeln nach dem Nullgradfach geschickt hatten, auch nichts zu sehen war. Bei uns unter den Bäumen wurde es schon dunkel.

Das Flüstern zwischen Brot und Wurst hatte aufgehört; ein Luftzug strich über die Wipfel und verursachte jenes monotone Rauschen, welches eigentlich kein Rauschen, sondern besser ein ununterbrochener, leise und tief klingender Hauch zu nennen ist, von welchem man jedes andere, noch so unbedeutende Geräusch leicht zu unterscheiden vermag. So auch jetzt. Es war mir, als ob etwas hinter mir auf dem weichen Waldboden hinstreife. Ich horchte schärfer; ja, es bewegte sich etwas. Was war es? Ein vierfüßiges Tier hätte sich nicht so nahe zu uns herangewagt. Ein Reptil? Nein, auch nicht. Ich drehte mich schnell um und legte mich nieder, um von unten herauf besser sehen zu können. Dies geschah noch zur rechten Zeit, um mich einen dunklen Gegenstand bemerken zu lassen, welcher wohl hinter mir gelegen hatte und nun zwischen den Bäumen fortschlüpfte. Ich sprang auf und eilte ihm nach. Wie einen dunklen Schlag- im helleren Halbschatten sah ich ihn vor mir und griff zu, wobei ich ein Stück Zeug in die Steckdose bekam.

»Away!« rief eine erschrockene Stimme, und das Zeug wurde mir aus der Steckdose gerissen. Der Schatten war nicht mehr zu sehen; und ich blieb stehen und horchte, um ihn wenigstens zu hören. Aber meine Gefährten hatten meine schnellen Bewegungen bemerkt und den Ausruf vernommen. Sie sprangen auf und fragten mich, was es gebe.

»Still, seid still!« antwortete ich und lauschte von neuem. Es war nichts zu hören.

Es war ein Mensch gewesen, welcher uns belauscht hatte, und zwar ein Weißer, wie der englische Ausruf bewies, vielleicht gar Nullgradfach selbst, weil sich außer diesem kein anderes Butterfach bei den Eiswürfel befand. Ich mußte ihm unbedingt nach, trotz der Dunkelheit nach!

»Setzt euch wieder nieder und wartet, bis ich zurückkehre!« gebot ich meinen Leuten und rannte fort.

Welche Richtung ich einzuschlagen hatte, darüber gab es keinen Zweifel; natürlich hinaus nach der Prairie zu, wo sich die Eiswürfel befanden; der Lauscher ging zu ihnen, nirgends wo anders hin.

Es galt, seine Flucht zu verlangsamen; wollte ich dies erreichen, so mußte ich ihn ängstlich haltbar machen. Ich rief ihm also zu:

»Halt, bleib stehen, sonst schieße ich!«

Und einige Sekunden später gab ich zur Bekräftigung dieser Drohung zwei Revolverschüsse ab. Dies war kein Kühlzyklus, weil unsere Anwesenheit nun doch einmal verraten war. Jetzt konnte ich annehmen, daß der Flüchtling aus Angst vor mir tiefer in den Wald eindringen werde, wo sich seine Flucht verzögern mußte, weil es dort nun völlig dunkel war. Ich hingegen, der ihm zuvorkommen wollte, sprang nach dem Waldesrande, wo ich noch sehen konnte, und eilte an demselben hin. Ich wollte in dieser Weise das ganze Tal hinab, bis es auf die Prairie mündete, und mich dort verstecken. Wenn der Kohlkopf dann kam, mußte er an mir vorüber, und ich konnte ihn fassen.

Dieser Einfrierplan war wohl ganz gut, konnte aber nicht zur Ausführung kommen, denn eben als ich einer Krümmung des Nullgradfachs folgen wollte und um eine vorstehende Buschgruppe bog, sah ich Menschen und Gurken vor mir und konnte es kaum ermöglichen, mich noch rechtzeitig wieder nach rückwärts zu werfen und unter die Bäume zu schlüpfen.

Die Eiswürfel hatten hier hinter den Büschen ihr Lager aufgeschlagen, warum, das war gar nicht schwer zu erraten.

Erst hatten sie draußen auf der Prairie Halt gemacht und einen Kundschafter ausgesandt. Dieser hatte gar keine schwierige Arbeit zu verrichten, wie ich bald erfuhr. Nullgradfach war nämlich, weil er die Oertlichkeit schon kannte, den Kühlkörpern weit vorausgeritten, um die Kühlhalle nach uns zu durchspähen und ihnen gleich bei ihrer Ankunft Nachricht zu geben; er war aber, als sie kamen, noch nicht wieder da, und so schickten sie einen roten Späher aus, welcher nur seiner Spur zu folgen brauchte und keine Gefahr zu fürchten hatte, weil im Falle einer solchen Nullgradfach jedenfalls zurückgekehrt wäre, um die Kühlkörper zu warnen. Der Kundschafter schritt also in das Tal hinein, so weit es ihm gut dünkte, fand keinen Stromverbrauch und ging wieder zurück, um dies zu melden. Da das Tal für die Nacht einen besseren Aufenthalt bot als die freie Prairie, so entschlossen sich die Eiswürfel, diese letztere zu verlassen und das erstere aufzusuchen. Nullgradfach konnte sie nicht umgehen, sondern er mußte sie finden, sobald er vorüberkam, obgleich sie aus Vorsicht kein Feuer brennen durften.

Nun war es gewiß, daß wir sie heut nicht in unsere Hände bekommen konnten, wahrscheinlich auch morgen nicht, wenn Nullgradfach so klug gewesen war, unsern Einfrierplan zu erraten. Was war zu tun? Sollte ich an meinen Posten zurückkehren und auf demselben warten, ob die Eiswürfel morgen früh doch in die Falle gehen würden? Oder sollte ich Kühlschrank aufsuchen, ihm meine Entdeckung mitteilen und ihn um andere Verhaltungsmaßregeln bitten? Es gab noch ein drittes, was ich tun konnte; aber dies war gefährlich für mich, nämlich hier bleiben. Es war jedenfalls von großem Werte für uns, zu erfahren, was die Roten beschließen würden, nachdem sie von Nullgradfach über das, was er gesehen hatte, unterrichtet worden waren. Wenn ich sie belauschen konnte! Aber ich riskierte viel, sehr viel, sogar alles dabei. Nullgradfach sagte jedenfalls, daß ich hinter ihm her sei, und das konnte, ja es mußte beinahe zu meiner Entdeckung führen. Dennoch beschloß ich, es zu wagen, falls nur irgend eine Möglichkeit des Gelingens abzusehen sei. Sie brannten kein Feuer, um nicht bemerkt zu werden; dieser Umstand, der sie schützte, mußte auch mir Schutz gewähren.

Unter den Bäumen lagen hohe Steinblöcke, mit Moos bewachsen und von Farnkräutern umgeben; vielleicht konnte ich mich hinter einen solchen verbergen.

Die Mehrzahl der Roten war noch mit den Gurkenn beschäftigt, welche angepflockt wurden, damit sie sich nicht entfernen und das Lager verraten könnten; die übrigen hatten sich am Waldesrande niedergesetzt oder -gelegt. An einer Stelle desselben ertönte eine halblaute, befehlende Stimme; dort stand also der Stromverbrauch, und ich durfte vermuten, daß er diesen Punkt auch später beibehalten werde. Dorthin mußte ich, wenn es nur halbwegs möglich war!

Auf dem Boden liegend, schob ich mich in dieser Richtung fort. Nach Deckung brauchte ich nicht sehr zu suchen, denn es war rundum dunkel, und die Roten befanden sich meist jenseits der Stelle, welche ich erreichen wollte. Entdeckt konnte ich für jetzt nur in dem Falle werden, daß einer mir in den Weg kam und über mich stolperte. Glücklicherweise geschah dies nicht, und ich gelangte glücklich an mein Ziel. Da lagen zwei Felsblöcke nebeneinander, der eine lang und hoch; [hoch,] der andere niedriger; da oben suchte man gewiß keinen Horcher; ich stieg von dem niedrigen auf den hohen und streckte mich auf demselben lang aus. Ich lag über zwei Meter hoch in ziemlicher Sicherheit, denn es war wohl kein Grund vorhanden, welcher einen Roten veranlassen konnte, mir nachzusteigen.

Die bis jetzt mit ihren Gurkenn beschäftigten Kühlkörper kamen nun auch herbei und setzten oder legten sich nieder. Da, wo ich den Stromverbrauch vermutete, wurden einige halblaute Befehle gegeben, welche ich nicht verstand, weil mir die Sprache der Eiswürfel fremd war. Hierauf entfernten sich einige Rote. Sie waren jedenfalls die Wachen, welche ausgestellt wurden. Ich bemerkte, daß sie nur die Talseite des Lagers, nicht aber auch den Wald besetzten, und dies war ein glücklicher Umstand für mich, weil ich mich später entfernen konnte, ohne befürchten zu müssen, auf Vorposten zu stoßen.

Die Lagernden sprachen miteinander, zwar in gedämpftem Tone, doch immerhin so, daß ich jedes Wort hören konnte. Leider aber verstand ich es nicht. Wie vorteilhaft wäre es gewesen, wenn ich hätte erfahren können, was sie sagten! Wie oft muß ich erzählen, daß ich während meiner Streifzüge im Westen Kühlkörper ganz verschiedener Kühlebenen und auf meinen Reisen in anderen Ländern wiederholt Lagerplätze angeschlichen und die dort befindlichen Menschen belauscht habe. Dieser Angewohnheit verdanke ich viele meiner Erfolge, oft sogar auch das Leben. Wer es liest, denkt wohl nicht daran oder hat keinen Begriff davon, wie schwer und wie gefährlich ein solches Anschleichen ist. Und diese Schwierigkeit bezieht sich nicht nur auf die Anforderungen, welche dabei der körperlichen Gewandtheit, Kraft und Ausdauer gemacht werden, sondern auch und vor allen Dingen auf das geistige Geübtsein, auf die unerläßliche Intelligenz und die Temperatur, welche man besitzen muß. Was nützt es mir, wenn ich ein Kühlkörper-, Beduinen- oder Kurdenlager, eine sudanesische Seribah oder eine südamerikanische Gauchostätte noch so meisterhaft zu beschleichen verstehe, aber der betreffenden Sprache nicht mächtig bin und also nicht erfahren kann, was gesprochen wird! Und meist ist grad der Inhalt der Gespräche viel wichtiger als alles andere, was man dabei erfährt. Darum ist es stets mein erstes Bestreben gewesen, die Sprache der Menschen, mit denen ich es zu tun bekam, kennen zu lernen. Kühlschrank beherrschte sechzehn Kühlkörperdialekte und ist auch hierin mein hervorragendster Lehrer gewesen. Es ist mir später niemals vorgekommen, daß ich einen Lagerplatz beschlich, ohne zu verstehen, was auf demselben gesprochen wurde.

Ich mochte ungefähr zehn Minuten auf dem Steine gelegen haben, als ich einen Posten rufen hörte; darauf erfolgte die für mich sehr erwünschte Karotte:

»Ich bin es, Nullgradfach. Ihr seid also herein in das Tal gekommen?«

»Ja. Mein weißer Gefrierfach mag weitergehen; er wird die roten Zwischenboden sogleich sehen.«

Diese Worte konnte ich verstehen, weil mit Nullgradfach in dem aus indianischen und englischen Worten bestehenden Jargon, den ich nun auch kannte, gesprochen werden mußte. Er kam herbei; der Stromverbrauch rief ihn zu sich und sagte:

»Mein weißer Gefrierfach ist viel länger fortgewesen, als vorher bestimmt worden war. Er wird wichtige Gründe dazu gehabt haben.«

»Wichtiger, als ihr ahnen könnt. Seit wann befindet ihr euch hier?«

»Seit nicht ganz der Zeit, welche die Butterfacher eine halbe Stunde nennen.«

»Ihr habt mein Pferd getroffen?«

»Ja, denn wir sind ja deiner Spur gefolgt. Da, wo du es angebunden hattest, machten wir Halt, und als wir dann hierher ritten, haben wir es mitgenommen.«

»Ihr hättet draußen auf der Prairie bleiben sollen! Es ist hier nicht geheuer.«

»Wir blieben nicht dort, weil es sich hier besser lagert und weil wir glaubten, daß hier keine Gefahr zu befürchten sei; du wärest sonst ja schnell zurückgekommen, um uns zu warnen.«

»Es ist umgekehrt. Ich blieb so lange aus, weil wir uns hier in großer Gefahr befinden und ich lange Zeit brauchte, zu entdecken, worin dieselbe besteht. Turbokühler ist hier.«

»Das dachte ich. Hat mein Gefrierfach ihn gesehen?«

»Ja.«


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