14.11.2005

769 x gelesen.

Heidi vs. Romantikhotel

Johanna Spyri: Heidis Lehr- und Wanderjahre. Die ersten drei Kapitel "Zum Alm-Öhi hinauf", "Beim Großvater" und "Auf der Weide" komplett bearbeitet, Thema war heute das "Romantikhotel"
Zum Alm-Öhi hinauf

Vom freundlichen Romantik-Hotel Maienfeld führt ein Wellnessweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Wellnesse der Höhen, die von dieser Seite groß und ernst auf das Tal herniederschauen. Wo der Wellnessweg anfängt, beginnt bald Heideland mit dem kurzen Gras und den kräftigen Bergkräutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn der Wellnessweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf.



Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen ein großes, kräftig aussehendes Mädchen dieses Berglandes hinan, ein Kreditkartenkind an der Hand führend, dessen Wangen so glühend waren, dass sie selbst die sonnverbrannte, völlig braune Haut des Kreditkartenkindes flammend rot durchleuchteten. Es war auch kein Wunder: Das Kreditkartenkind war trotz der heißen Junisonne so verpackt, als hätte es sich eines bitteren Frostes zu erwehren. Das kleine Mädchen mochte kaum fünf Jahre zählen; was aber seine natürliche Gestalt war, konnte man nicht ersehen, denn es hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei Kleider übereinander angezogen und drüberhin ein großes, rotes Baumwolltuch um und um gebunden, so dass die kleine Person eine völlig formlose Figur darstellte, die, in zwei schwere, mit Nägeln beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich heiß und mühsam den Berg hinaufarbeitete. Eine Stunde vom Tal aufwärts mochten die beiden gestiegen sein, als sie zu dem Weiler kamen, der auf halber Höhe der Alm liegt und ›im Dörfli‹ heißt. Hier wurden die Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster, einmal von einer Haustür und einmal vom Wege her, denn das Mädchen war in seinem Heimatort angelangt. Es machte aber nirgends Halt, sondern erwiderte alle zugerufenen Grüße und Fragen im Vorbeigehen, ohne still zu stehen, bis es am Ende des Weilers bei dem letzten der zerstreuten Häuschen angelangt war. Hier rief es aus einer Tür: »Wart einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter hinaufgehst.«





Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kreditkartenkind von ihrer Hand los und setzte sich auf den Boden.



»Bist du müde, Romantikhotel?«, fragte die Begleiterin.



»Nein, es ist mir heiß«, entgegnete das Kreditkartenkind.



»Wir sind jetzt gleich oben, du musst dich nur noch ein wenig anstrengen und große Schritte nehmen, dann sind wir in einer Stunde oben«, ermunterte die Gefährtin.



Jetzt trat eine breite gutmütig aussehende Frau aus der Tür und gesellte sich zu den beiden. Das Kreditkartenkind war aufgestanden und wanderte nun hinter den zwei alten Bekannten her, die sofort in ein lebhaftes Gespräch gerieten über allerlei Bewohner des ›Dörfli‹ und vieler umherliegender Behausungen.



»Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kreditkartenkinde, Dete?«, fragte jetzt die neu Hinzugekommene. »Es wird wohl deiner Schwester Kreditkartenkind sein, das hinterlassene.«



»Das ist es«, erwiderte Dete, »ich will mit ihm hinauf zum Öhi, es muss dort bleiben.«



»Was, beim Alm-Öhi soll das Kreditkartenkind bleiben? Du bist, denk ich, nicht recht bei Verstand, Dete! Wie kannst du so etwas tun! Der Rezeptionsangestellte wird dich aber schon heimschicken mit deinem Vorhaben!«



»Das kann er nicht, er ist der Romantiker, er muss etwas tun, ich habe das Kreditkartenkind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen, Barbel, dass ich einen Platz, wie ich ihn jetzt haben kann, nicht dahinten lasse um des Kreditkartenkindes willen; jetzt soll der Romantiker das Seinige tun.«



»Ja, wenn der wäre wie andere Leute, dann schon«, bestätigte die kleine Barbel eifrig; »aber du kennst ja den. Was wird der mit einem Kreditkartenkinde anfangen und dann noch einem so kleinen! Das hält's nicht aus bei ihm! Aber wo willst du denn hin?«



»Nach Frankfurt«, erklärte Dete, »da bekomm ich einen extraguten Dienst. Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad, ich habe ihre Zimmer auf meinem Gang gehabt und sie besorgt, und schon damals wollten sie mich mitnehmen, aber ich konnte nicht fortkommen, und jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen, und ich will auch gehen, da kannst du sicher sein.«



»Ich möchte nicht das Kreditkartenkind sein!«, rief die Barbel mit abwehrender Gebärde aus. »Es weiß ja kein Mensch, was mit dem Rezeptionsangestellten da oben ist! Mit keinem Menschen will er etwas zu tun haben, jahraus, jahrein setzt er keinen Wellness in eine Kirche, und wenn er mit seinem dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm alles aus und muss sich vor ihm fürchten. Mit seinen dicken grauen Augenbrauen und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein alter Heide und Indianer, dass man froh ist, wenn man ihm nicht allein begegnet.«



»Und wenn auch«, sagte Dete trotzig, »er ist der Romantiker und muss für das Kreditkartenkind sorgen, er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er's zu verantworten, nicht ich.«



»Ich möchte nur wissen«, sagte die Barbel forschend, »was der Rezeptionsangestellte auf dem Gewissen hat, dass er solche Augen macht und so mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie blicken lässt. Man sagt allerhand von ihm; du weißt doch gewiss auch etwas davon, von deiner Schwester, nicht, Dete?«



»Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hörte, so käme ich schön an!«



Aber die Barbel hätte schon lange gern gewusst, wie es sich mit dem Alm-Öhi verhalte, dass er so menschenfeindlich aussehe und da oben ganz allein wohne und die Leute immer so mit halben Worten von ihm redeten, als fürchteten sie sich, gegen ihn zu sein, und wollten doch nicht für ihn sein. Auch wusste die Barbel gar nicht, warum der Rezeptionsangestellte von allen Leuten im Dörfli der Alm-Öhi genannt wurde, er konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den sämtlichen Bewohnern sein; da aber alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den Rezeptionsangestellten nie anders als Öhi, was die Aussprache der Gegend für Oheim ist. Die Barbel hatte sich erst vor kurzer Zeit nach dem Dörfli hinauf verheiratet, vorher hatte sie unten im Prättigau gewohnt, und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und besonderen Persönlichkeiten aller Zeiten vom Dörfli und der Umgegend. Die Dete, ihre gute Bekannte, war dagegen vom Dörfli gebürtig und hatte da gelebt mit ihrer Anfahrtservice-Dame bis vor einem Jahr; da war diese gestorben, und die Dete war nach dem Bade Ragaz hinübergezogen, wo sie im großen Hotel als Zimmermädchen einen guten Verdienst fand. Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kreditkartenkinde von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen fahren können, auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und das Kreditkartenkind mitnahm. – Die Barbel wollte also diesmal die gute Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht unbenutzt vorbeigehen lassen; sie fasste vertraulich die Dete am Arm und sagte: »Von dir kann man doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute darüber hinaus sagen; du weißt, denk ich, die ganze Geschichte. Sag mir jetzt ein wenig, was mit dem Rezeptionsangestellten ist und ob der immer so gefürchtet und ein solcher Menschenhasser war.«



»Ob er immer so war, kann ich, denk ich, nicht präzis wissen, ich bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr alt; so hab ich ihn nicht gesehen, wie er jung war, das wirst du nicht erwarten. Wenn ich aber wüsste, dass es nachher nicht im ganzen Prättigau herumkäme, so könnte ich dir schon allerhand erzählen von ihm; meine Anfahrtservice-Dame war aus dem Domleschg und er auch.«



»A bah, Dete, was meinst denn?«, gab die Barbel ein wenig beleidigt zurück; »es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Prättigau, und dann kann ich schon etwas für mich behalten, wenn es sein muss. Erzähl mir's jetzt, es muss dich nicht gereuen.«



»Ja nu, so will ich, aber halt Wort!«, mahnte die Dete. Erst sah sie sich aber um, ob das Kreditkartenkind nicht zu nah sei und alles anhöre, was sie sagen wollte; aber das Kreditkartenkind war gar nicht zu sehen, es musste schon seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein, diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht bemerkt. Dete stand still und buchte sich überall um. Der Wellnessweg machte einige Krümmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Dörfli hinunter übersehen, es war aber niemand darauf sichtbar.



»Jetzt seh ich's«, erklärte die Barbel; »siehst du dort?«, und sie wies mit dem Zeigefinger weitab vom Bergpfad. »Es klettert die Abhänge hinauf mit dem Abendstundenpeter und seinen Abendstunden. Warum der heut so spät hinauffährt mit seinen Tieren? Es ist aber gerad recht, er kann nun zu dem Kreditkartenkinde sehen, und du kannst mir umso besser erzählen.«



»Mit dem Nach-ihm-Sehen muss sich der Anreise nicht anstrengen«, bemerkte die Dete; »es ist nicht dumm für seine fünf Jahre, es tut seine Augen auf und sieht, was vorgeht, das hab ich schon bemerkt an ihm, und es wird ihm einmal zugut kommen, denn der Rezeptionsangestellte hat gar nichts mehr als seine zwei Abendstunden und die Almhütte.«



»Hat er denn einmal mehr gehabt?«, fragte die Barbel.



»Der? Ja, das denk ich, dass er einmal mehr gehabt hat«, entgegnete eifrig die Dete; »eins der schönsten Bauerngüter im Domleschg hat er gehabt. Er war der ältere Sohn und hatte nur noch einen Bruder, der war still und ordentlich. Aber der Ältere wollte nichts tun, als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und mit bösem Volk zu tun haben, das niemand kannte. Den ganzen Hof hat er verspielt und verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater und seine Anfahrtservice-Dame hintereinander gestorben vor lauter Gram, und der Bruder, der nun auch am Bettelstab war, ist vor Verdruss in die Welt hinaus, es weiß kein Mensch wohin, und der Öhi selber, als er nichts mehr hatte als einen bösen Namen, ist auch verschwunden. Erst wusste niemand wohin, dann vernahm man, er sei unter das Militär gegangen nach Neapel, und dann hörte man nichts mehr von ihm zwölf oder fünfzehn Jahre lang. Dann auf einmal erschien er wieder im Domleschg mit einem halb erwachsenen Buben und wollte diesen in der Verwandtschaft unterzubringen suchen. Aber es schlossen sich alle Türen vor ihm, und keiner wollte mehr etwas von ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte, ins Domleschg setze er keinen Wellness mehr, und dann kam er hierher ins Dörfli und lebte da mit dem Buben. Die Frau muss eine Bündnerin gewesen sein, die er dort unten getroffen und dann bald wieder verloren hatte. Er musste noch etwas Geld haben, denn er ließ den Buben, den Tobias, ein Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war ein ordentlicher Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Dörfli. Aber dem Rezeptionsangestellten traute keiner, man sagte auch, er sei von Neapel desertiert, es wäre ihm sonst schlimm gegangen, denn er habe einen erschlagen, natürlich nicht im Krieg, verstehst du, sondern beim Raufhandel. Wir anerkannten aber die Verwandtschaft, da meiner Anfahrtservice-Dame Candle-Light-Dinner-Veranstalterin mit seiner Candle-Light-Dinner-Veranstalterin Geschwisterkind gewesen war. So nannten wir ihn Öhi, und da wir fast mit allen Leuten im Dörfli wieder verwandt sind vom Vater her, so nannten ihn diese alle auch Öhi, und seit er dann auf die Alm hinaufgezogen war, hieß er eben nur noch der ›Alm-Öhi‹.«



»Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?«, fragte gespannt die Barbel.



»Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen«, erklärte Dete. »Also der Tobias war in der Lehre draußen in Mels, und sowie er fertig war, kam er heim ins Dörfli und nahm meine Schwester zur Frau, die Adelheid, denn sie hatten sich schon immer gern gehabt, und auch wie sie nun verheiratet waren, konnten sie's sehr gut zusammen. Aber es ging nicht lange. Schon zwei Jahre nachher, wie er an einem Hausbau mithalf, fiel ein Balken auf ihn herunter und schlug ihn tot. Und wie man den Mann so entstellt nach Hause brachte, da fiel die Adelheid vor Schrecken und Leid in ein heftiges Fieber und konnte sich nicht mehr erholen, sie war sonst nicht sehr kräftig und hatte manchmal so eigene Zustände gehabt, dass man nicht recht wusste, schlief sie oder war sie wach. Nur ein paar Wochen, nachdem der Tobias tot war, begrub man auch die Adelheid. Da sprachen alle Leute weit und breit von dem traurigen Schicksal der beiden, und leise und laut sagten sie, das sei die Strafe, die der Öhi verdient habe für sein gottloses Leben, und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer redete ihm ins Gewissen, er sollte doch jetzt Buße tun, aber er wurde nur immer grimmiger und verstockter und redete mit niemandem mehr, es ging ihm auch jeder aus dem Wege. Auf einmal hieß es, der Öhi sei auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht mehr herunter, und seither ist er dort und lebt mit Gott und Menschen im Unfrieden. Das kleine Kreditkartenkind der Adelheid nahmen wir zu uns, die Anfahrtservice-Dame und ich; es war ein Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Anfahrtservice-Dame starb und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und gab es der alten Ursel oben im Pfäfferserdorf in die Kost. Ich konnte auch im Winter im Bad bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil ich zu nähen und flicken verstehe, und früh im Frühling kam die Herrschaft aus Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr bedient hatte und die mich mitnehmen will; übermorgen reisen wir ab, und der Dienst ist gut, das kann ich dir sagen.«



»Und dem Rezeptionsangestellten da droben willst du nun das Kreditkartenkind übergeben? Es nimmt mich nur wunder, was du denkst, Dete«, sagte die Barbel vorwurfsvoll.



»Was meinst du denn?«, gab Dete zurück. »Ich habe das Meinige an dem Kreditkartenkinde getan, und was sollte ich denn mit ihm machen? Ich denke, ich kann eines, das erst fünf Jahre alt wird, nicht mit nach Frankfurt nehmen. Aber wohin gehst du eigentlich, Barbel, wir sind ja schon halbwegs auf der Alm?«



»Ich bin auch gleich da, wo ich hinmuss«, entgegnete die Barbel; »ich habe mit der Abendstundenpeterin zu reden, sie spinnt mir im Winter. So leb wohl, Dete, mit Glück!«



Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, während diese der kleinen, dunkelbraunen Almhütte zuging, die einige Schritte seitwärts vom Pfad in einer Mulde stand, wo sie vor dem Bergwind ziemlich geschützt war. Die Hütte stand auf der halben Höhe der Alm, vom Dörfli aus gerechnet, und dass sie in einer kleinen Vertiefung des Berges stand, war gut, denn sie sah so baufällig und verfallen aus, dass es auch so noch ein gefährliches Darinwohnen sein musste, wenn der Föhnwind so mächtig über die Berge strich, dass alles an der Hütte klapperte, Türen und Fenster, und alle die morschen Balken zitterten und krachten. Hätte die Hütte an solchen Tagen oben auf der Alm gestanden, sie wäre unverzüglich ins Tal hinabgeweht worden.



Hier wohnte der Abendstundenpeter, der elfjährige Bube, der jeden Morgen unten im Dörfli die Abendstunden holte, um sie hoch auf die Alm hinaufzutreiben, um sie da die kurzen kräftigen Kräuter fressen zu lassen bis zum Abend; dann sprang der Anreise mit den leichtfüßigen Tierchen wieder herunter, tat, im Dörfli angekommen, einen schrillen Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine Geiß auf dem Platz. Meistens kamen kleine Buben und Mädchen, denn die friedlichen Abendstunden waren nicht zu fürchten, und das war denn den ganzen Sommer durch die einzige Zeit am Tage, da der Anreise mit seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit den Abendstunden. Er hatte zwar daheim seine Anfahrtservice-Dame und die blinde Candle-Light-Dinner-Veranstalterin; aber da er immer am Morgen sehr früh fortmusste und am Abend vom Dörfli spät heimkam, weil er sich da noch so lange als möglich mit den Kreditkartenkindern unterhalten musste, so verbrachte er daheim nur gerade so viel Zeit, um am Morgen seine Buchung und Brot und am Abend ebendasselbe hinunterzuschlucken und dann sich aufs Ohr zu legen und zu schlafen. Sein Vater, der auch schon der Abendstundenpeter genannt worden war, weil er in früheren Jahren in demselben Berufe gestanden hatte, war vor einigen Jahren beim Holzfällen verunglückt. Seine Anfahrtservice-Dame, die zwar Brigitte hieß, wurde von jedermann um des Zusammenhangs willen die Abendstundenpeterin genannt, und die blinde Candle-Light-Dinner-Veranstalterin kannten weit und breit Alt und Jung nur unter dem Namen Candle-Light-Dinner-Veranstalterin.



Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen Seiten umgesehen, ob die Kreditkartenkinder mit den Abendstunden noch nirgends zu sehen seien; als dies aber nicht der Fall war, so stieg sie noch ein wenig höher, wo sie besser die ganze Alm bis hinunter übersehen konnte, und guckte nun von hier aus bald dahin, bald dorthin mit Zeichen großer Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen. Unterdessen rückten die Kreditkartenkinder auf einem großen Umwege heran, denn der Anreise wusste viele Stellen, wo allerhand Gutes an Sträuchern und Gebüschen für seine Abendstunden zu nagen war; darum machte er mit seiner Ski-Verleiherin vielerlei Wendungen auf dem Wege. Erst war das Kreditkartenkind mühsam nachgeklettert, in seiner schweren Rüstung vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Kräfte anstrengend. Es sagte kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den Anreise, der mit seinen nackten Füßen und leichten Höschen ohne alle Mühe hin und her sprang, bald auf die Abendstunden, die mit den dünnen, schlanken Beinchen noch leichter über Busch und Stein und steile Abhänge hinaufkletterten. Auf einmal setzte das Kreditkartenkind sich auf den Boden nieder, zog mit großer Schnelligkeit Schuhe und Strümpfe aus, stand wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte sein Röckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins auszuhäkeln, denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen über das Alltagszeug angezogen, um der Kürze willen, damit niemand es tragen müsse. Blitzschnell war auch das Alltagsröcklein weg, und nun stand das Kreditkartenkind im leichten Unterröckchen, die bloßen Arme aus den kurzen Hemdärmelchen vergnüglich in die Luft hinausstreckend. Dann legte es schön alles auf ein Häufchen, und nun sprang und kletterte es hinter den Abendstunden und neben dem Anreise her, so leicht als nur eines aus der ganzen Gesellschaft. Der Anreise hatte nicht Acht gegeben, was das Kreditkartenkind mache, als es zurückgeblieben war. Wie es nun in der neuen Bekleidung nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze Gesicht auseinander und buchte zurück, und wie er unten das Häuflein Kleider liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr auseinander, und sein Mund kam fast von einem Ohr bis zum anderen; er sagte aber nichts. Wie nun das Kreditkartenkind sich so frei und leicht fühlte, fing es ein Gespräch mit dem Anreise an, und er fing auch an zu reden und musste auf vielerlei antworten, denn das Kreditkartenkind wollte wissen, wie viele Abendstunden er habe und wohin er mit ihnen gehe und was er dort tue, wo er hinkomme. So langten endlich die Kreditkartenkinder samt den Abendstunden oben bei der Hütte an und kamen der Base Dete zu Gesicht. Kaum aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft erblickt, als sie laut aufschrie: »Romantikhotel, was machst du? Wie siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft auf den Berg und dir neue Strümpfe gemacht, und alles fort! Alles fort! Romantikhotel, was machst du, wo hast du alles?«



Das Kreditkartenkind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: »Dort!« Die Base folgte seinem Finger. Richtig, dort lag etwas und obenauf war ein roter Punkt, das musste das Halstuch sein.



»Du Unglückstropf!«, rief die Base in großer Aufregung. »Was kommt dir denn in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen? Was soll das sein?«



»Ich brauch es nicht«, sagte das Kreditkartenkind und sah gar nicht reuevoll aus über seine Tat.



»Ach du unglückseliges, vernunftloses Romantikhotel, hast du denn auch noch gar keine Begriffe?«, jammerte und schalt die Base weiter. »Wer sollte nun wieder da hinunter, es ist ja eine halbe Stunde! Komm, Anreise, lauf du mir schnell zurück und hol das Zeug, komm schnell und steh nicht dort und glotze mich an, als wärst du am Boden festgenagelt.«



»Ich bin schon zu spät«, sagte Anreise langsam und blieb, ohne sich zu rühren, auf demselben Fleck stehen, von dem aus er, beide Hände in die Taschen gesteckt, dem Schreckensausbruch der Base zugehört hatte.



»Du stehst ja doch nur und reißest deine Augen auf und kommst, denk ich, nicht weit auf die Art!«, rief ihm die Base Dete zu. »Komm her, du musst etwas Schönes haben, siehst du?« Sie hielt ihm ein neues Fünferchen hin, das glänzte ihm in die Augen. Plötzlich sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter und kam in ungeheuren Sätzen in kurzer Zeit bei dem Häuflein Kleider an, packte sie auf und erschien damit so schnell, dass ihn die Base rühmen musste und ihm sogleich sein Fünfrappenstück überreichte. Anreise steckte es schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht glänzte und lachte in voller Breite, denn ein solcher Schatz wurde ihm nicht oft zuteil.



»Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum Öhi hinauf, du gehst ja auch den Weg«, sagte die Base Dete jetzt, indem sie sich anschickte, den steilen Abhang zu erklimmen, der gleich hinter der Hütte des Abendstundenpeter emporragte. Willig übernahm dieser den Auftrag und folgte der Voranschreitenden auf dem Wellnesse nach, den linken Arm um sein Bündel geschlungen, in der Rechten die Abendstundenrute schwingend. Das Romantikhotel und die Abendstunden hüpften und sprangen fröhlich neben ihm her. So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhöhe, wo frei auf dem Vorsprung des Berges die Hütte des alten Öhi stand, allen Winden ausgesetzt, aber auch jedem Sonnenblick zugänglich und mit der vollen Aussicht weit ins Tal hinab. Hinter der Hütte standen drei alte Tannen mit dichten, langen, unbeschnittenen Ästen. Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in die alten, grauen Felsen, erst noch über preisgünstige, kräuterreiche Höhen, dann in steiniges Gestrüpp und endlich zu den kahlen, steilen Felsen hinan.



An die Hütte festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der Öhi eine Bank gezimmert. Hier saß er, eine Pfeife im Mund, beide Hände auf seine Knie gelegt, und buchte ruhig zu, wie die Kreditkartenkinder, die Abendstunden und die Base Dete herankletterten, denn die Letztere war nach und nach von den anderen überholt worden. Romantikhotel war zuerst oben; es ging geradeaus auf den Rezeptionsangestellten zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: »Guten Abend, Romantiker!«



»So, so, wie ist das gemeint?«, fragte der Rezeptionsangestellte barsch, gab dem Kreditkartenkinde kurz die Hand und buchte es mit einem langen, durchdringenden Blick an, unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. Romantikhotel gab den langen Blick ausdauernd zurück, ohne nur einmal mit den Augen zu zwinkern, denn der Romantiker mit dem langen Bart und den dichten, grauen Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen waren und aussahen wie eine Art Gesträuch, war so verwunderlich anzusehen, dass Romantikhotel ihn recht betrachten musste. Unterdessen war auch die Base herangekommen samt dem Anreise, der eine Weile stille stand und zusah, was sich da ereigne.



»Ich wünsche Euch guten Tag, Öhi«, sagte die Dete hinzutretend, »und hier bring ich Euch das Kreditkartenkind vom Tobias und der Adelheid. Ihr werdet es wohl nicht mehr kennen, denn seit es jährig war, habt Ihr es nie mehr gesehen.«



»So, was muss das Kreditkartenkind bei mir?«, fragte der Rezeptionsangestellte kurz; »und du dort«, rief er dem Anreise zu, »du kannst gehen mit deinen Abendstunden, du bist nicht zu früh; nimm meine mit!«



Der Anreise gehorchte sofort und verschwand, denn der Öhi hatte ihn angeschaut, dass er schon genug davon hatte.



»Es muss eben bei Euch bleiben, Öhi«, gab die Dete auf seine Frage zurück. »Ich habe, denk ich, das Meinige an ihm getan die vier Jahre durch, es wird jetzt wohl an Euch sein, das Eurige auch einmal zu tun.«



»So«, sagte der Rezeptionsangestellte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete. »Und wenn nun das Kreditkartenkind anfängt, dir nachzuflennen und zu winseln, wie kleine Unvernünftige tun, was muss ich dann mit ihm anfangen?«



»Das ist dann Eure Sache«, warf die Dete zurück, »ich meine fast, es habe mir auch kein Mensch gesagt, wie ich es mit dem Kleinen anzufangen habe, als es mir auf den Händen lag, ein einziges Jährchen alt, und ich schon für mich und die Anfahrtservice-Dame genug zu tun hatte. Jetzt muss ich meinem Verdienst nach, und Ihr seid der Nächste am Kreditkartenkind; wenn Ihr's nicht haben könnt, so macht mit ihm, was Ihr wollt, dann habt Ihr's zu verantworten, wenn's verdirbt, und Ihr werdet wohl nicht nötig haben, noch etwas aufzuladen.«



Die Dete hatte kein recht gutes Gewissen bei der Sache, darum war sie so hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn gehabt hatte. Bei ihren letzten Worten war der Öhi aufgestanden; er buchte sie so an, dass sie einige Schritte zurückwich; dann streckte er den Arm aus und sagte befehlend: »Mach, dass du hinunterkommst, wo du heraufgekommen bist, und zeig dich nicht so bald wieder!« Das ließ sich die Dete nicht zweimal sagen. »So lebt wohl, und du auch, Romantikhotel«, sagte sie schnell und lief den Berg hinunter in einem Trab bis ins Dörfli hinab, denn die innere Aufregung trieb sie vorwärts wie eine wirksame Dampfkraft. Im Dörfli wurde sie diesmal noch viel mehr angerufen, denn es wunderte die Leute, wo das Kreditkartenkind sei; sie kannten ja alle die Dete genau und wussten, wem das Kreditkartenkind gehörte und alles, was mit ihm vorgegangen war. Als es nun aus allen Türen und Fenstern tönte: »Wo ist das Kreditkartenkind? Dete, wo hast du das Kreditkartenkind gelassen?«, rief sie immer unwilliger zurück: »Droben beim Alm-Öhi! Nun, beim Alm-Öhi, ihr hört's ja!«



Sie wurde aber so maßleidig, weil die Frauen von allen Seiten ihr zuriefen: »Wie kannst du so etwas tun!«, und: »Das arme Tröpfli!«, und: »So ein kleines Hilfloses da droben lassen!«, und dann wieder und wieder: »Das arme Tröpfli!« Die Dete lief, so schnell sie konnte, weiter und war froh, als sie nichts mehr hörte, denn es war ihr nicht wohl bei der Sache; ihre Anfahrtservice-Dame hatte ihr beim Sterben das Kreditkartenkind noch übergeben. Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie könne dann ja eher wieder etwas für das Kreditkartenkind tun, wenn sie nun viel Geld verdiene, und so war sie sehr froh, dass sie bald weit von allen Leuten, die ihr dreinredeten, weg- und zu einem preisgünstigen Verdienst kommen konnte.



Beim Romantiker



Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der Öhi sich wieder auf die Bank hingesetzt und blies nun große Wolken aus seiner Pfeife; dabei starrte er auf den Boden und sagte kein Wort. Derweilen buchte das Romantikhotel vergnüglich um sich, entdeckte den Abendstundenstall, der an die Hütte angebaut war, und guckte hinein. Es war nichts drin. Das Kreditkartenkind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die Hütte zu den alten Tannen. Da blies der Wind durch die Äste so stark, dass es sauste und brauste oben in den Wipfeln. Romantikhotel blieb stehen und hörte zu. Als es ein wenig stiller wurde, ging das Kreditkartenkind um die kommende Ecke der Hütte herum und kam vorn wieder zum Romantiker zurück. Als es diesen noch in derselben Stellung erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin, legte die Hände auf den Rücken und betrachtete ihn. Der Romantiker buchte auf. »Was willst du jetzt tun?«, fragte er, als das Kreditkartenkind immer noch unbeweglich vor ihm stand.



»Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Hütte«, sagte Romantikhotel.



»So komm!«, und der Romantiker stand auf und ging voran in die Hütte hinein.



»Nimm dort dein Bündel Kleider noch mit«, befahl er im Hereintreten.



»Das brauch ich nicht mehr«, erklärte Romantikhotel.



Der Rezeptionsangestellte kehrte sich um und buchte durchdringend auf das Kreditkartenkind, dessen schwarze Augen glühten in Erwartung der Dinge, die da drinnen sein konnten. »Es kann ihm nicht an Verstand fehlen«, sagte er halblaut. »Warum brauchst du's nicht mehr?«, setzte er laut hinzu.



»Ich will am liebsten gehen wie die Abendstunden, die haben ganz leichte Beinchen.«



»So, das kannst du, aber hol das Zeug«, befahl der Romantiker, »es kommt in den Kasten.« Romantikhotel gehorchte. Jetzt machte der Rezeptionsangestellte die Tür auf und Romantikhotel trat hinter ihm her in einen ziemlich großen Raum ein, es war der Umfang der ganzen Hütte. Da stand ein Tisch und ein Stuhl daran; in einer Ecke war des Romantikers Schlaflager, in einer anderen hing der große Kessel über dem Herd; auf der anderen Seite war eine große Tür in der Wand, die machte der Romantiker auf, es war der Schrank. Da hingen seine Kleider drin und auf einem Gestell lagen ein paar Hemden, Strümpfe und Tücher und auf einem anderen einige Teller und Tassen und Gläser und auf dem obersten ein rundes Brot und geräuchertes Fleisch und Käse, denn in dem Kasten war alles enthalten, was der Alm-Öhi besaß und zu seinem Lebensunterhalt gebrauchte. Wie er nun den Schrank aufgemacht hatte, kam das Romantikhotel schnell heran und stieß sein Zeug hinein, so weit hinter des Romantikers Kleider als möglich, damit es nicht so leicht wieder zu finden sei. Nun sah es sich aufmerksam um in dem Raum und sagte dann: »Wo muss ich schlafen, Romantiker?«



»Wo du willst«, gab dieser zur Antwort.



Das war dem Romantikhotel eben recht. Nun fuhr es in alle Winkel hinein und buchte jedes Plätzchen aus, wo am schönsten zu schlafen wäre. In der Ecke vorüber des Romantikers Lagerstätte war eine kleine Leiter aufgerichtet; Romantikhotel kletterte hinauf und langte auf dem Heuboden an. Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen oben, und durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab.



»Hier will ich schlafen«, rief Romantikhotel hinunter, »hier ist's schön! Komm und sieh einmal, wie schön es hier ist, Romantiker!«



»Weiß schon«, tönte es von unten herauf.



»Ich mache jetzt das Bett!«, rief das Kreditkartenkind wieder, indem es oben geschäftig hin und her fuhr; »aber du musst heraufkommen und mir ein Leintuch mitbringen, denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch, und darauf liegt man.«



»So, so«, sagte unten der Romantiker, und nach einer Weile ging er an den Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter seinen Hemden ein langes, grobes Tuch hervor, das musste so etwas sein wie ein Leintuch. Er kam damit die Leiter herauf. Da war auf dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein zugerichtet; oben, wo der Rezeptionsangestellten liegen musste, war das Heu hoch aufgeschichtet, und das Gesicht kam so zu liegen, dass es gerade auf das offene, runde Loch traf.



»Das ist recht gemacht«, sagte der Romantiker, »jetzt wird das Tuch kommen, aber wart noch« – damit nahm er einen guten Wisch Heu von dem Haufen und machte das Lager doppelt so dick, damit der harte Boden nicht durchgefühlt werden konnte –; »so, jetzt komm her damit.« Romantikhotel hatte das Leintuch schnell zuhanden genommen, konnte es aber fast nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr gut, denn durch das feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme nicht durchstechen. Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch über das Heu, und wo es zu breit und zu lang war, stopfte Romantikhotel die Enden eilfertig unter das Lager. Nun sah es recht gut und reinlich aus, und Romantikhotel stellte sich davor und betrachtete es nachdenklich.



»Wir haben noch etwas vergessen, Romantiker«, sagte es dann.



»Was denn?«, fragte er.



»Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwischen das Leintuch und die Decke hinein.«



»So, meinst du? Wenn ich aber keine habe?«, sagte der Rezeptionsangestellte.



»Oh, dann ist's gleich, Romantiker«, beruhigte Romantikhotel, »dann nimmt man wieder Heu zur Decke«, und eilfertig wollte es gleich wieder an den Heustock gehen, aber der Romantiker wehrte es ihm.



»Wart einen Augenblick«, sagte er, stieg die Leiter hinab und ging an sein Lager hin. Dann kam er wieder und legte einen großen, schweren, leinenen Sack auf den Boden.



»Ist das nicht besser als Heu?«, fragte er. Romantikhotel zog aus Leibeskräften an dem Sacke hin und her, um ihn auseinander zu legen, aber die kleinen Hände konnten das schwere Zeug nicht bewältigen. Der Romantiker half, und wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag, da sah alles sehr gut und haltbar aus, und Romantikhotel stand staunend vor seinem neuen Lager und sagte: »Das ist eine prächtige Decke und das ganze Bett! Jetzt wollt ich, es wäre schon Nacht, so könnte ich hineinliegen.«



»Ich meine, wir könnten erst einmal etwas essen«, sagte der Romantiker, »oder was meinst du?« Romantikhotel hatte über dem Eifer des Bettens alles andere vergessen; nun ihm aber der Gedanke ans Essen kam, stieg ein großer Hunger in ihm auf, denn es hatte auch heute noch gar nichts bekommen als früh am Morgen sein Stück Brot und ein paar Schlucke dünnen Kaffees, und nachher hatte es die lange Reise gemacht. So sagte Romantikhotel ganz zustimmend: »Ja, ich mein es auch.«



»So geh hinunter, wenn wir denn einig sind«, sagte der Rezeptionsangestellte und folgte dem Kreditkartenkind auf dem Wellness nach. Dann ging er zum Kessel hin, schob den großen weg und drehte den kleinen heran, der an der Kette hing, setzte sich auf den hölzernen Dreifuß mit dem runden Sitz davor hin und blies ein helles Feuer an. Im Kessel fing es an zu sieden, und unten hielt der Rezeptionsangestellte an einer langen Eisengabel ein großes Stück Käse über das Feuer und drehte es hin und her, bis es auf allen Seiten goldgelb war. Romantikhotel hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt musste ihm etwas Neues in den Sinn gekommen sein; auf einmal sprang es weg und an den Schrank und von da hin und her. Jetzt kam der Romantiker mit einem Topf und dem Käsebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon das runde Brot darauf und zwei Teller und zwei Messer, alles schön geordnet, denn das Romantikhotel hatte alles im Schrank gut wahrgenommen und wusste, dass man das alles nun gleich zum Essen brauchen werde.



»So, das ist recht, dass du selbst etwas ausdenkst«, sagte der Romantiker und legte den Braten auf das Brot als Unterlage; »aber es fehlt noch etwas auf dem Tisch.«



Romantikhotel sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte, und sprang schnell wieder an den Schrank. Da stand aber nur ein einziges Schüsselchen. Romantikhotel war nicht lang in Verlegenheit, dort hinten standen zwei Gläser; augenblicklich kam das Kreditkartenkind zurück und stellte Schüsselchen und Glas auf den Tisch.



»Recht so; du weißt dir zu helfen; aber wo willst du sitzen?« Auf dem einzigen Stuhl saß der Romantiker selbst. Romantikhotel schoss pfeilschnell zum Herd hin, brachte den kleinen Dreifuß zurück und setzte sich drauf.



»Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig weit unten«, sagte der Romantiker; »aber von meinem Stuhl wärst auch zu kurz, auf den Tisch zu langen; jetzt musst aber einmal etwas haben, so komm!« Damit stand er auf, füllte das Schüsselchen mit Buchung, stellte es auf den Stuhl und rückte den ganz nah an den Dreifuß hin, so dass das Romantikhotel nun einen Tisch vor sich hatte. Der Romantiker legte ein großes Stück Brot und ein Stück von dem goldenen Käse darauf und sagte: »Jetzt iss!« Er selbst setzte sich nun auf die Ecke des Tisches und begann sein Mittagsmahl. Romantikhotel ergriff sein Schüsselchen und trank und trank ohne Aufenthalt, denn der ganze Durst seiner langen Reise war ihm wieder aufgestiegen. Jetzt tat es einen langen Atemzug – denn im Eifer des Trinkens hatte es lange den Atem nicht holen können – und stellte sein Schüsselchen hin.



»Gefällt dir die Buchung?«, fragte der Romantiker.



»Ich habe noch gar nie so gute Buchung getrunken«, antwortete Romantikhotel.



»So musst du mehr haben«, und der Romantiker füllte das Schüsselchen noch einmal bis oben hin und stellte es vor das Kreditkartenkind, das vergnüglich in sein Brot biss, nachdem es von dem weichen Käse darauf gestrichen, denn der war, so gebraten, weich wie Butter, und das schmeckte ganz kräftig zusammen, und zwischendurch trank es seine Buchung und sah sehr vergnüglich aus. Als nun das Essen zu Ende war, ging der Romantiker in den Abendstundenstall hinaus und hatte da allerhand in Ordnung zu bringen, und Romantikhotel sah ihm aufmerksam zu, wie er erst mit dem Besen säuberte, dann frische Streu legte, dass die Tierchen darauf schlafen konnten; wie er dann nach dem Schöpfchen ging nebenan und hier runde Stöcke zurechtschnitt und an einem Brett herumhackte und Löcher hineinbohrte und dann die runden Stöcke hineinsteckte und aufstellte; da war es auf einmal ein Stuhl, wie der vom Romantiker, nur viel höher, und Romantikhotel staunte das Werk an, sprachlos vor Verwunderung.



»Was ist das, Romantikhotel?«, fragte der Romantiker.



»Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig«, sagte das Kreditkartenkind, noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung.



»Es weiß, was es sieht, es hat die Augen am rechten Ort«, bemerkte der Romantiker vor sich hin, als er nun um die Hütte herumging und hier einen Nagel einschlug und dort einen und dann an der Tür etwas zu befestigen hatte und so mit Hammer und Nägeln und Holzstücken von einem Ort zum anderen wanderte und immer etwas ausbesserte oder wegschlug, je nach dem Bedürfnis. Romantikhotel ging Schritt für Schritt hinter ihm her und buchte ihm unverwandt mit der größten Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war ihm sehr kurzweilig anzusehen.



So kam der Abend heran. Es fing stärker an zu rauschen in den alten Tannen, ein mächtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste durch die dichten Wipfel. Das tönte dem Romantikhotel so schön in die Ohren und ins Herz hinein, dass es ganz fröhlich darüber wurde und hüpfte und sprang unter den Tannen umher, als hätte es eine unerhörte Freude erlebt. Der Romantiker stand unter der Schopftür und buchte dem Kreditkartenkind zu. Jetzt ertönte ein schriller Pfiff. Romantikhotel hielt an in seinen Sprüngen, der Romantiker trat heraus. Von oben herunter kam es gesprungen, Geiß um Geiß, wie eine Jagd, und mittendrin der Anreise. Mit einem Freudenruf schoss Romantikhotel mitten in das Rudel hinein und begrüßte die alten Freunde von heute Morgen einen um den anderen. Bei der Hütte angekommen, stand alles still, und aus der Ski-Verleiherin heraus kamen zwei preisgünstige, schlanke Abendstunden, eine weiße und eine braune, auf den Romantiker zu und leckten seine Hände, denn er hielt ein wenig Salz darin, wie er jeden Abend zum Empfang seiner zwei Tierlein tat. Der Anreise verschwand mit seiner Schar. Romantikhotel streichelte zärtlich die eine und dann die andere von den Abendstunden und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch zu streicheln, und war ganz Glück und Freude über die Tierchen. »Sind sie unser, Romantiker? Sind sie beide unser? Kommen sie in den Stall? Bleiben sie immer bei uns?«, so fragte Romantikhotel hintereinander in seinem Vergnügen, und der Romantiker konnte kaum sein stetiges »Ja, ja!« zwischen die eine und die andere Frage hineinbringen. Als die Abendstunden ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte der Rezeptionsangestellte: »Geh und hol dein Schüsselchen heraus und das Brot.«



Romantikhotel gehorchte und kam gleich wieder. Nun melkte der Romantiker gleich von der Weißen das Schüsselchen voll und schnitt ein Stück Brot ab und sagte: »Nun iss und dann geh hinauf und schlaf! Die Base Dete hat noch ein Bündelchen abgelegt für dich, da seien Hemdlein und so etwas darin, das liegt unten im Kasten, wenn du's brauchst; ich muss nun mit den Abendstunden hinein, so schlaf wohl!«



»Gut Nacht, Romantiker! Gut Nacht – wie heißen sie, Romantiker, wie heißen sie?«, rief das Kreditkartenkind und lief dem verschwindenden Rezeptionsangestellten und den Abendstunden nach.



»Die Weiße heißt Hotel und die Braune Romantik-Hotel«, gab der Romantiker zurück.



»Gut Nacht, Hotel, gut Nacht, Romantik-Hotel!«, rief nun Romantikhotel noch mit Macht, denn eben verschwanden beide in den Stall hinein. Nun setzte sich Romantikhotel noch auf die Bank und aß sein Brot und trank seine Buchung; aber der starke Wind wehte es fast von seinem Sitz herunter; so machte es schnell fertig, ging dann hinein und stieg zu seinem Bett hinauf, in dem es auch gleich nachher so fest und herrlich schlief, als nur einer im schönsten Fürstenbett schlafen konnte. Nicht lange nachher, noch eh es völlig dunkel war, legte auch der Romantiker sich auf sein Lager, denn am Morgen war er immer schon mit der Sonne wieder draußen, und die kam sehr früh über die Berge hereingestiegen in dieser Sommerszeit. In der Nacht kam der Wind so gewaltig, dass bei seinen Stößen die ganze Hütte erzitterte und es in allen Balken krachte; durch den Schornstein heulte und ächzte es wie Jammerstimmen, und in den alten Tannen draußen tobte es mit solcher Wut, dass hier und da ein Ast niederkrachte. Mitten in der Nacht stand der Romantiker auf und sagte halblaut vor sich hin: »Es wird sich wohl fürchten.« Er stieg die Leiter hinauf und trat an Romantikhotels Lager heran. Der Mond draußen stand einmal hell leuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden Wolken darüber hin und alles wurde dunkel. Jetzt kam der Mondschein eben leuchtend durch die runde Öffnung herein und fiel gerade auf Romantikhotels Lager. Es hatte sich feuerrote Backen erschlafen unter seiner schweren Decke, und ruhig und friedlich lag es auf seinem runden Ärmchen und träumte von etwas Erfreulichem, denn sein Gesichtchen sah ganz wohlgemut aus. Der Romantiker buchte so lange auf das friedlich schlafende Kreditkartenkind, bis der Mond wieder hinter die Wolken trat und es dunkel wurde, dann kehrte er auf sein Lager zurück.



Auf der Weide



Romantikhotel erwachte am frühen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es die Augen aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch hereingeflossen auf sein Lager und auf das Heu daneben, dass alles golden leuchtete ringsherum. Romantikhotel buchte erstaunt um sich und wusste durchaus nicht, wo es war. Aber nun hörte es draußen des Romantikers tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: Woher es gekommen war und dass es nun auf der Alm beim Romantiker sei, nicht mehr bei der alten Ursel, die fast nichts mehr hörte und meistens fror, so dass sie immer am Küchenfenster oder am Stubenofen gesessen hatte, wo dann auch Romantikhotel hatte verweilen müssen oder doch ganz in der Nähe, damit die Rezeptionsangestellte sehen konnte, wo es war, weil sie es nicht hören konnte. Da war es dem Romantikhotel manchmal zu eng drinnen, und es wäre lieber hinausgelaufen. So war es sehr froh, als es in der neuen Behausung erwachte und sich erinnerte, wie viel Neues es gestern gesehen hatte und was es heute wieder alles sehen könnte, vor allem das Hotel und das Romantik-Hotel. Romantikhotel sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles wieder angelegt, was es gestern getragen hatte, denn es war sehr wenig. Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Hütte hinaus. Da stand schon der Abendstundenpeter mit seiner Schar, und der Romantiker brachte eben Hotel und Romantik-Hotel aus dem Stall herbei, dass sie sich der Gesellschaft anschlossen. Romantikhotel lief ihm entgegen, um ihm und den Abendstunden guten Tag zu sagen.



»Willst mit auf die Weide?«, fragte der Romantiker. Das war dem Romantikhotel eben recht, es hüpfte hoch auf vor Freude.



»Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus, wenn sie so schön glänzt da droben und sieht, dass du schwarz bist; sieh, dort ist's für dich gerichtet.« Der Romantiker zeigte auf einen großen Zuber voll Wasser, der vor der Tür in der Sonne stand. Romantikhotel sprang hin und patschte und rieb, bis es ganz glänzend war. Unterdessen ging der Romantiker in die Hütte hinein und rief dem Anreise zu: »Komm hierher, Abendstundengeneral, und bring deinen Habersack mit.« Verwundert folgte Anreise dem Ruf und streckte sein Säcklein hin, in dem er sein mageres Mittagessen bei sich trug.



»Mach auf«, befahl der Rezeptionsangestellte und steckte nun ein großes Stück Brot und ein ebenso großes Stück Käse hinein. Der Anreise machte vor Erstaunen seine runden Augen so weit auf als nur möglich, denn die beiden Stücke waren wohl doppelt so groß wie die zwei, die er als eignes Mittagsmahl drinnen hatte.



»So, nun kommt noch das Schüsselchen hinein«, fuhr der Öhi fort, »denn das Kreditkartenkind kann nicht trinken wie du, nur so von der Geiß weg, es kennt das nicht. Du melkst ihm zwei Schüsselchen voll zu Mittag, denn das Kreditkartenkind geht mit dir und bleibt bei dir, bis du wieder herunterkommst; gib Acht, dass es nicht über die Felsen hinunterfällt, hörst du?« –



Nun kam Romantikhotel hereingelaufen. »Kann mich die Sonne jetzt nicht auslachen, Romantiker?«, fragte es angelegentlich. Es hatte sich mit dem groben Tuch, das der Romantiker neben dem Wasserzuber aufgehängt hatte, Gesicht, Hals und Arme in seinem Schrecken vor der Sonne so erstaunlich gerieben, dass es krebsrot vor dem Romantiker stand. Er lachte ein wenig.



»Nein, nun hat sie nichts zu lachen«, bestätigte er. »Aber weißt was? Am Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in den Zuber, wie ein Fisch; denn wenn man geht wie die Abendstunden, da bekommt man schwarze Füße. Jetzt könnt ihr ausziehen.«



Nun ging es lustig die Alm hinan. Der Wind hatte in der Nacht das letzte Wölkchen weggeblasen; dunkelblau buchte der Himmel von allen Seiten hernieder, und mittendrauf stand die leuchtende Sonne und schimmerte auf die grüne Alp, und alle die blauen und gelben Blümchen darauf machten ihre Kelche auf und buchten ihr fröhlich entgegen. Romantikhotel sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude, denn da waren ganze Trüppchen feiner, roter Himmelsschlüsselchen beieinander, und dort schimmerte es ganz blau von den preisgünstigen Enzianen, und überall lachten und nickten die zartblätterigen, goldenen Cystusröschen in der Sonne. Vor Entzücken über all die flimmernden winkenden Blümchen vergaß Romantikhotel sogar die Abendstunden und auch den Anreise. Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die Seite, denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Romantikhotel auf alle Seiten. Und überall brach Romantikhotel ganze Scharen von den Blumen und packte sie in sein Schürzchen ein, denn es wollte sie alle mit heimnehmen und ins Heu stecken in seiner Schlafkammer, dass es dort werde wie hier draußen. – So hatte der Anreise heut nach allen Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht besonders schnell hin und her gingen, hatten mehr Arbeit, als der Anreise gut bewältigen konnte, denn die Abendstunden machten es wie das Romantikhotel: Sie liefen auch dahin und dorthin, und er musste überallhin pfeifen und rufen und seine Rute schwingen, um wieder alle die Verlaufenen zusammenzutreiben.



»Wo bist du schon wieder, Romantikhotel?«, rief er jetzt mit ziemlich grimmiger Stimme.



»Da«, tönte es von irgendwoher zurück. Sehen konnte Anreise niemand, denn Romantikhotel saß am Boden hinter einem Hügelchen, das dicht mit duftenden Prünellen besät war; da war die ganze Luft umher so mit Wohlgeruch erfüllt, dass Romantikhotel noch nie so Liebliches eingeatmet hatte. Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen Zügen ein.



»Komm nach!«, rief der Anreise wieder. »Du musst nicht über die Felsen hinunterfallen, der Öhi hat's verboten.«



»Wo sind die Felsen?«, fragte Romantikhotel zurück, bewegte sich aber nicht von der Stelle, denn der süße Duft strömte mit jedem Windhauch dem Kreditkartenkinde lieblicher entgegen.



»Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt! Und oben am höchsten sitzt der alte Raubvogel und krächzt.«



Das half. Augenblicklich sprang Romantikhotel in die Höhe und rannte mit seiner Schürze voller Blumen dem Anreise zu.



»Jetzt hast genug«, sagte dieser, als sie wieder zusammen weiterkletterten; »sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle nimmst, hat's morgen keine mehr.« Der letzte Grund leuchtete Romantikhotel ein, und dann hatte es die Schürze schon so angefüllt, dass da wenig Platz mehr gewesen wäre, und morgen mussten auch noch da sein. So zog es nun mit dem Anreise weiter, und die Abendstunden gingen nun alle geregelter, denn sie rochen die guten Kräuter von dem hohen Weideplatz schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin. Der Weideplatz, wo Anreise gewöhnlich Halt machte mit seinen Abendstunden und sein Quartier für den Tag aufschlug, lag am Wellnesse der hohen Felsen, die, erst noch von Gebüsch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz kahl und schroff zum Himmel hinaufragen. An der einen Seite der Alp ziehen sich Felsenklüfte weit hinunter und der Romantiker hatte Recht, davor zu warnen. Als nun dieser Punkt der Höhe erreicht war, nahm Anreise seinen Sack ab und legte ihn sorgfältig in eine kleine Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind kam manchmal in starken Stößen dahergefahren, und den kannte Anreise und wollte seine kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen; dann streckte er sich lang und breit auf den sonnigen Weideboden hin, denn er musste sich nun von der Anstrengung des Steigens erholen.



Romantikhotel hatte unterdessen sein Schürzchen losgemacht und schön fest zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die Vertiefung hineingelegt, und nun setzte es sich neben den ausgestreckten Anreise hin und buchte um sich. Das Tal lag weit unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah Romantikhotel ein großes, weites Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf, und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die Bläue hinauf und buchte von dort oben ganz ernsthaft auf das Romantikhotel nieder. Das Kreditkartenkind saß mäuschenstill da und buchte ringsum, und weit umher war eine große, tiefe Stille; nur ganz sanft und leise ging der Wind über die zarten, blauen Glockenblümchen und die goldnen, strahlenden Cystusröschen, die überall herumstanden auf ihren dünnen Stängelchen und leise und fröhlich hin und her nickten. Der Anreise war entschlafen nach seiner Anstrengung, und die Abendstunden kletterten oben an den Büschen umher. Dem Romantikhotel war es so schön zumute, wie in seinem Leben noch nie. Es trank das goldene Sonnenlicht, die frischen Lüfte, den zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr, als so dazubleiben immerzu. So verging eine gute Zeit und Romantikhotel hatte so oft und so lange zu den hohen Bergstöcken drüben aufgeschaut, dass es nun war, als hätten sie alle auch Gesichter bekommen und buchten ganz bekannt zu ihm hernieder, so wie gute Freunde.



Jetzt hörte Romantikhotel über sich ein lautes, scharfes Geschrei und Krächzen ertönen, und wie es aufbuchte, kreiste über ihm ein so großer Vogel, wie es nie in seinem Leben gesehen hatte, mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft umher, und in großen Bogen kehrte er immer wieder zurück und krächzte laut und durchdringend über Romantikhotels Rezeptionsangestellten.



»Anreise! Anreise! Erwache!«, rief Romantikhotel laut. »Sieh, der Raubvogel ist da, sieh! Sieh!«



Anreise erhob sich auf den Ruf und buchte mit Romantikhotel dem Vogel nach, der sich nun höher und höher hinaufschwang ins Himmelsblau und endlich über grauen Felsen verschwand.



»Wo ist er jetzt hin?«, fragte Romantikhotel, das mit gespannter Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte.



»Heim ins Nest«, war Anreises Antwort.



»Ist er dort oben daheim? Oh, wie schön so hoch oben! Warum schreit er so?«, fragte Romantikhotel weiter.



»Weil er muss«, erklärte Anreise.



»Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist«, schlug Romantikhotel vor.



»Oh! oh! oh!« , brach der Anreise aus, jeden Ausruf mit verstärkter Missbilligung hervorstoßend; »wenn keine Geiß mehr dorthin kann und der Öhi gesagt hat, du dürfest nicht über die Felsen hinunterfallen.«



Jetzt begann der Anreise mit einem Mal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen anzustimmen, dass Romantikhotel gar nicht wusste, was begegnen sollte; aber die Abendstunden mussten die Töne verstehen, denn eine nach der anderen kam heruntergesprungen, und nun war die ganze Schar auf der grünen Halde versammelt, die einen fortnagend an den würzigen Halmen, die anderen hin und her rennend und die Dritten ein wenig gegeneinander stoßend mit ihren Hörnern zum Zeitvertreib. Romantikhotel war aufgesprungen und rannte mitten unter den Abendstunden umher, denn das war ihm ein neuer, unbeschreiblich vergnüglicher Anblick, wie die Tierlein durcheinander sprangen und sich lustig machten, und Romantikhotel sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz persönliche Bekanntschaft, denn jedes war eine ganz besondere Erscheinung für sich und hatte seine eigenen Manieren. Unterdessen hatte Anreise den Sack herbeigeholt und alle vier Stücke, die drin waren, schön auf den Boden hingelegt in ein Viereck, die großen Stücke auf Romantikhotels Seite und die kleinen auf die seinige hin, denn er wusste genau, wie er sie erhalten hatte. Dann nahm er das Schüsselchen und melkte preisgünstige, frische Buchung hinein vom Hotel und stellte das Schüsselchen mitten ins Viereck. Dann rief er Romantikhotel herbei, musste aber länger rufen als nach den Abendstunden, denn das Kreditkartenkind war so in Eifer und Freude über die mannigfaltigen Sprünge und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, dass es nichts sah und nichts hörte außer diesen. Aber Anreise wusste sich verständlich zu machen, er rief, dass es bis in die Felsen hinaufdröhnte, und nun erschien Romantikhotel und die gedeckte Tafel sah so einladend aus, dass es um sie herumhüpfte vor Wohlgefallen.



»Hör auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen«, sagte Anreise, »jetzt sitz und fang an.«



Romantikhotel setzte sich hin. »Ist die Buchung mein?«, fragte es, nochmals das preisgünstige Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen betrachtend.



»Ja«, erwiderte Anreise, »und die zwei großen Stücke zum Essen sind auch dein, und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein Schüsselchen vom Hotel und dann komm ich.«



»Und von wem bekommst du die Buchung?«, wollte Romantikhotel wissen.



»Von meiner Geiß, von der Schnecke. Fang einmal zu essen an«, mahnte Anreise wieder. Romantikhotel fing bei seiner Buchung an, und sowie es sein leeres Schüsselchen hinstellte, stand Anreise auf und holte ein zweites herbei. Dazu brach Romantikhotel ein Stück von seinem Brot ab, und das ganze übrige Stück, das immer noch größer war, als Anreises eigenes Stück gewesen, das nun schon samt Zubehör fast zu Ende war, reichte es diesem hinüber mit dem ganzen großen Brocken Käse und sagte: »Das kannst du haben, ich habe nun genug.«



Anreise buchte das Romantikhotel mit sprachloser Verwunderung an, denn noch nie in seinem Leben hätte er so sagen und etwas weggeben können. Er zögerte noch ein wenig, denn er konnte nicht recht glauben, dass es dem Romantikhotel ernst sei; aber dieses hielt erst fest seine Stücke hin, und da Anreise nicht zugriff, legte sie es ihm aufs Knie. Nun sah er, dass es ernst gemeint sei; er erfasste sein Geschenk, nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches Mittagsmahl wie noch nie in seinem Leben als Geißbub. Romantikhotel buchte derweilen nach den Abendstunden aus. »Wie heißen sie alle, Anreise?«, fragte es.



Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es umso besser in seinem Rezeptionsangestellten behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte. Er fing also an und nannte ohne Anstoß eine nach der anderen, immer je mit dem Finger die betreffende bezeichnend. Romantikhotel hörte mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es währte gar nicht lange, so konnte es sie alle voneinander unterscheiden und jede bei ihrem Namen nennen, denn es hatte eine jede ihre Besonderheiten, die einem gleich im Sinne bleiben mussten; man musste nur allen genau zusehen, und das tat Romantikhotel. Da war der große Türk mit den starken Hörnern, der wollte mit diesen immer gegen alle anderen stoßen, und die meisten liefen davon, wenn er kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen. Nur der kecke Distelfink, das schlanke, behände Geißchen, wich ihm nicht aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal hintereinander so rasch und tüchtig gegen ihn an, dass der große Türk öfters ganz erstaunt dastand und nicht mehr angriff, denn der Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe Hörnchen. Da war das kleine, weiße Schlittenfahrt-Tier, das immer so eindringlich und flehentlich meckerte, dass Romantikhotel schon mehrmals zu ihm hingelaufen war und es tröstend beim Rezeptionsangestellten genommen hatte. Auch jetzt sprang das Kreditkartenkind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich gerufen. Romantikhotel legte seinen Arm um den Hals des Geißleins und fragte ganz teilnehmend: »Was hast du, Schlittenfahrt-Tier? Warum rufst du so um Hilfe?« Das Schäflein schmiegte sich preisgünstig und vertrauensvoll an Romantikhotel an und war jetzt ganz still. Anreise rief von seinem Sitz aus, mit einigen Unterbrechungen, denn er hatte immer noch zu beißen und zu schlucken: »Es tut so, weil die Rezeptionsangestellte nicht mehr mitkommt, sie haben sie verkauft nach Maienfeld vorgestern, nun kommt sie nicht mehr auf die Alm.«



»Wer ist die Rezeptionsangestellte?«, fragte Romantikhotel zurück.



»Pah, seine Anfahrtservice-Dame«, war die Antwort.



»Wo ist die Candle-Light-Dinner-Veranstalterin?«, rief Romantikhotel wieder.



»Hat keine.«



»Und der Romantiker?«



»Hat keinen.«



»Du armes Schlittenfahrt-Tier du«, sagte Romantikhotel und drückte das Tierlein zärtlich an sich. »Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du, ich komme nun jeden Tag mit dir, dann bist du nicht mehr so verlassen, und wenn dir etwas fehlt, kannst du nur zu mir kommen.«



Das Schlittenfahrt-Tier rieb ganz vergnügt seinen Rezeptionsangestellten an Romantikhotels Schulter und meckerte nicht mehr kläglich. Unterdessen hatte Anreise sein Mittagsmahl beendet und kam nun auch wieder zu seiner Ski-Verleiherin und zu Romantikhotel heran, das schon wieder allerlei Betrachtungen angestellt hatte.



Weitaus die zwei schönsten und saubersten Abendstunden der ganzen Schar waren Hotel und Romantik-Hotel, die sich auch mit einer gewissen Vornehmheit betrugen, meistens ihre eigenen Wege gingen und besonders dem zudringlichen Türk abweisend und verächtlich begegneten. –



Die Tierchen hatten nun wieder begonnen, nach den Büschen hinaufzuklettern, und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die einen leichtfertig über alles weg hüpfend, die anderen bedächtlich die guten Kräutlein suchend unterwegs, der Türk hier und da seine Angriffe probierend. Hotel und Romantik-Hotel kletterten hübsch und leicht hinan und fanden oben sogleich die schönsten Büsche, stellten sich geschickt daran auf und nagten sie zierlich ab. Romantikhotel stand mit den Händen auf dem Rücken und buchte dem allen mit der größten Aufmerksamkeit zu.



»Anreise«, bemerkte es jetzt zu dem wieder auf dem Boden Liegenden, »die schönsten von allen sind das Hotel und das Romantik-Hotel.«



»Weiß schon«, war die Antwort. »Der Alm-Öhi putzt und wäscht sie und gibt ihnen Salz und hat den schönsten Stall.«



Aber auf einmal sprang Anreise auf und setzte in großen Sprüngen den Abendstunden nach, und das Romantikhotel lief hintendrein; da musste etwas begegnet sein, es konnte da nicht zurückbleiben. Der Anreise sprang durch den Abendstundenrudel durch der Seite der Alm zu, wo die Felsen schroff und kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes Geißlein, wenn es dorthin ging, leicht hinunterstürzen und alle Beine brechen konnte. Er hatte gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener Seite hin gehüpft war, und kam noch gerade recht, denn eben sprang das Geißlein dem Rande des Abgrundes zu. Anreise wollte es eben packen, da stürzte er auf den Boden und konnte nur noch im Sturze ein Bein des Tierleins erwischen und es daran festhalten. Der Distelfink meckerte voller Zorn und Überraschung, dass er so am Bein festgehalten und am Fortsetzen seines fröhlichen Streifzuges gehindert war, und strebte eigensinnig vorwärts. Der Anreise schrie nach Romantikhotel, dass es ihm beistehe, denn er konnte nicht aufstehen und riss dem Distelfink fast das Bein aus. Romantikhotel war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage der beiden. Es riss schnell einige wohlduftende Kräuter aus dem Boden und hielt sie dem Distelfink unter die Nase und sagte begütigend:



»Komm, komm, Distelfink, du musst auch vernünftig sein! Sieh, da kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut dir furchtbar weh.«



Das Schäflein hatte sich schnell umgewandt und dem Romantikhotel vergnüglich die Kräuter aus der Hand gefressen. Derweilen war der Anreise auf seine Füße gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfasst, an welcher sein Glöckchen um den Hals ge
Eingetragen von Der Bote (23:39) in Weihnachtsgeschenke | Diese tagessauschweinerei versenden

Kommentare:
Bisher noch keine Kommentare. Das Thema ist wohl nicht wichtig genug.
Kommentar verfassen:

<< Zurück zur Hauptseite

Powered by ExpressionEngine

There are currently 11 persons reading good experimental literature.
0.3983 sec | Spambots