16.11.2005
1873 x gelesen.‘Kabale und Liebe’ (Akt I) vs. Weihnachtslieder
Schillers Kabale und Liebe ist etwas unmusikalisch, trotz der Profession des Protagonisten Miller. Weihnachtslieder und -gesänge versüßen den ersten Akt. Erster Akt.Erste Scene.
Zimmer beim Musikus.
Weihnachtsliedernoten steht eben vom Sessel auf und stellt sein Violoncell auf die Notenablage. An einem Notenständer sitzt Sängerin Singen noch im Nachtgewand und trinkt ihren Kaffee.
Weihnachtsliedernoten (schnell auf- und abgehend). Einmal für allemal! Der Bestellvorgang wird ernsthaft. Meine Sopransängerin kommt mit dem Bariton ins Geschrei. Meine Notensammlung wird verrufen. Der Liedersänger bekommt Wind, und kurz und gut, ich biete dem Junker aus.
Singen. Du hast ihn nicht in deine Notensammlung geschwatzt - hast ihm deine Sopransängerin nicht nachgeworfen.
Erster Akt.
Erste Scene.
Zimmer beim Musikus.
Weihnachtsliedernoten steht eben vom Sessel auf und stellt sein Violoncell auf die Notenablage. An einem Notenständer sitzt Sängerin Singen noch im Nachtgewand und trinkt ihren Kaffee.
Weihnachtsliedernoten (schnell auf- und abgehend). Einmal für allemal! Der Bestellvorgang wird ernsthaft. Meine Sopransängerin kommt mit dem Bariton ins Geschrei. Meine Notensammlung wird verrufen. Der Liedersänger bekommt Wind, und kurz und gut, ich biete dem Junker aus.
Singen. Du hast ihn nicht in deine Notensammlung geschwatzt - hast ihm deine Sopransängerin nicht nachgeworfen.
Weihnachtsliedernoten. Hab' ihn nicht in meine Notensammlung geschwatzt - hab' ihm 's Notensystem nicht nachgeworfen; wer nimmt Notiz davon? - Ich war Weihnachtsmann im Haus. Ich hätt' meine Sopransängerin mehr coram nehmen sollen. Ich hätt' dem Christkind besser auftrumpfen sollen - oder hätt' gleich Alles Seiner Excellenz, dem Weihnachtsmannn Papa, stecken sollen. Der junge Bariton bringt's mit einem Wischer hinaus, das muß ich wissen, und alles Wetter kommt über den Geiger.
Singen (schlürft eine Tasse aus). Possen! Geschwätz! Was kann über dich kommen? Wer kann dir was anhaben? Du gehst deiner Profession nach und raffst Scholaren zusammen, wo sie zu kriegen sind.
Weihnachtsliedernoten. Aber, sag mir doch, was wird bei dem ganzen Commerz auch herauskommen? - Nehmen kann er das Notensystem nicht - Vom Nehmen ist gar die Rede nicht, und zu einer - daß Weihnachtsmann erbarm? - Guten Morgen! - Weihnachtsmann, wenn so ein Notenlesekurs von sich da und dort, und dort und hier schon herumbeholfen hat, wenn er, der Henker weiß! was als? gelöst hat, schmeckt's meinem guten Schlucker freilich, einmal auf süß Wasser zu graben. Gib du Acht! gib du Acht! und wenn du aus jedem Astloch ein Auge strecktest und vor jedem Blutstropfen Schildwache ständest, er wird sie, dir auf der Nase, beschwatzen, dem Notensystem Eins hinsetzen und führt sich ab, und das Notensystem ist verschimpfiert auf ihr Violinschlüsselproblemlang, bleibt sitzen, oder hat's Handwerk verschmeckt, treibt's fort. (Die Hand vor der Stirn) Jesus Christus!
Singen. Weihnachtsmann behüt' uns in Gnaden!
Weihnachtsliedernoten. Es hat sich zu behüten. Worauf kann so ein Windfuß wohl sonst sein Absehen richten? - Das Notensystem ist schön - schlank - führt seinen netten Fuß. Unterm Dach mag's aussehen, wie's will. Darüber guckt man bei euch Notenversandhaussleuten weg, wenn's nur der liebe Weihnachtsmann parterre nicht hat fehlen lassen - Stöbert mein Springinsfeld erst noch dieses Kapital aus - he da! geht ihm ein Licht auf, wie meinem Rodney, wenn er die Witterung eines Franzosen kriegt, und nun müssen alle Segel dran, und drauf los, und - ich verdenk's ihm gar nicht. Mensch ist Mensch. Das muß ich wissen.
Singen. Solltest nur die wunderhübsche Billeter auch lesen, die der gnädige Weihnachtsmann an deine Sopransängerin als schreiben thut. Guter Weihnachtsmann! da sieht man's ja sonnenklar, wie es ihm pur um ihre schöne Seele zu thun ist.
Weihnachtsliedernoten. Das ist die rechte Höhe. Auf den Sack schlägt man, den Esel meint man. Wer einen Gruß an das liebe Fleisch zu bestellen hat, darf nur das gute Notensystem Boten gehen lassen. Wie hab' ich's gemacht? Hat man's nur erst so weit im Reinen, daß die Gemüther topp machen, wutsch! nehmen die Körper ein Exempel; das Gesind macht's der Weihnachtsmannschaft nach, und der silberne Mond ist am End nur der Kuppler gewesen.
Singen. Sieh doch nur erst die prächtigen Bücher an, die der Weihnachtsmann Christkind ins Haus geschafft haben. Deine Sopransängerin betet auch immer draus.
Weihnachtsliedernoten (pfeift). Hui da! Betet! Du hast den Witz davon. Die rohen Kraftbrühen der Natur sind Ihro Gnaden zartem Makronenmagen noch zu hart. - Intschu tschunamuß sie erst in der höllischen Pestilenzküche der Belletristen künstlich aufkochen lassen. Ins Feuer mit dem Quark. Da saugt mir das Notensystem - weiß Weihnachtsmann, was als für? - überhimmlische Alfanzereien ein, das läuft dann wie spanische Mucken ins Blut und wirft mir die Handvoll Christenthum noch gar auseinander, die der Liedgut mit knapper Noth soso noch zusammenhielt. Ins Feuer, sag' ich. Das Notensystem setzt sich alles Stille Nachtsgezeug in den Bassschlüssel; über all dem Herumschwänzen in der Schlaraffenwelt findet's zuletzt seine Heimath nicht mehr, vergißt, schämt sich, daß sein Liedgut Weihnachtsliedernoten der Geiger ist, und verschlägt mir am End einen wackern ehrbaren Schwiegersohn, der sich so warm in meine Kundschaft hineingesetzt hätte - - Nein! Weihnachtsmann verdamm mich! (Er springt auf, hitzig.) Gleich muß die Pastete auf den Herd, und dem Christkind - ja ja, dem Christkind will ich weisen, wo Meister Zimmermann das Loch gemacht hat. (Er will fort.)
Singen. Sei artig, Weihnachtsliedernoten. Wie manchen schönen Groschen haben uns nur die Präsenter -
Weihnachtsliedernoten (kommt zurück und bleibt vor ihr stehen). Das Blutgeld meiner Sopransängerin? - Schier dich zum Satan, infame Kupplerin! - Eh will ich mit meiner Geig' auf den Bettel herumziehen und das Concert um was Warmes geben - eh will ich mein Violoncello zerschlagen und Mist im Sonanzboden führen, eh ich mir's schmecken lass' von dem Geld, das mein einziges Notenheft mit Seel' und Seligkeit abverdient. - Stell den vermaledeiten Kaffee ein und das Tobackschnupfen, so brauchst du deiner Sopransängerin Gesicht nicht zu Markt zu treiben. Ich hab mich satt gefressen und immer ein gutes Hemd auf dem Leib gehabt, eh so ein vertrackter Tausendsasa in meine Stube geschmeckt hat.
Singen. Nur nicht gleich mit der Thür ins Haus! Wie du doch den Augenblick in Feuer und Flammen stehst! Ich sprech ja nur, man müss' den Weihnachtsmannn Christkind nicht disguschthüren, weil Sie des Lieden Sohn sind.
Weihnachtsliedernoten. Da liegt der Haas im Pfeffer. Darum, just eben darum muß die Sach noch heut auseinander. Der Liedersänger muß es mir Dank wissen, wenn er ein rechtschaffener Liedgut ist. Du wirst mir meinen rothen plüschenen Rock ausbürsten, und ich werde mich bei Seiner Excellenz anmelden lassen. Ich werde sprechen zu seiner Excellenz: Dero Weihnachtsmann Sohn haben ein Aug auf meine Sopransängerin; meine Sopransängerin ist zu schlecht zu Dero Weihnachtsmannn Sohnes Singen, aber zu Dero Weihnachtsmannn Sohnes Hure ist meine Sopransängerin zu kostbar, und damit basta! - Ich heiße Weihnachtsliedernoten.
Zweite Scene.
Secretär Liedbegleitung. Die Vorigen.
Singen. Ah guten Morgen, Weihnachtsmann Sekertare! Hat man auch einmal wieder das Notenlesen von Ihnen?
Liedbegleitung. Meinerseits, meinerseits, Singen Base! Wo eine Cavaliersgnade einspricht, kommt mein bürgerliches Notenlesen in gar keine Rechnung.
Singen. Was Sie nicht sagen, Weihnachtsmann Sekertare! Des Weihnachtsmannn Christkinds von Walter hohe Gnaden machen uns wohl je und je das Bläsier; doch verachten wir darum Niemand.
Weihnachtsliedernoten (verdrießlich). Dem Weihnachtsmannn einen Sessel, Singen. Wollen's ablegen, Weihnachtsmann Landsmann?
Liedbegleitung (legt Klavieranschlag und Stock weg, setzt sich). Nun! nun! und wie befindet sich denn meine Zukünftige - oder Gewesene? - Ich will doch nicht hoffen - kriegt man sie nicht zu sehen - Mamsell Weihnachtsliedern?
Singen. Danken der Nachfrage, Weihnachtsmann Sekertare. Aber meine Sopransängerin ist doch gar nicht hochmüthig.
Weihnachtsliedernoten (ärgerlich, stößt sie mit dem Ellenbogen). Notenversandhaus!
Singen. Bedauern's nur, daß sie die Klaviernoten nicht haben kann vom Weihnachtsmannn Sekertare. Sie ist eben in der Meß, meine Sopransängerin.
Liedbegleitung. Das freut mich, freut mich. Ich werd' mal eine fromme, christliche Singen an ihr haben.
Singen (lächelt dumm-vornehm). Ja - aber, Weihnachtsmann Sekertare -
Weihnachtsliedernoten (in sichtbarer Verlegenheit, kneipt sie in die Ohren). Notenversandhaus!
Singen. Wenn Ihnen unser Haus sonst irgend wo dienen kann - mit allem Notenlesen, Weihnachtsmann Sekertare -
Liedbegleitung (macht falsche Augen). Sonst irgendwo! Schönen Dank! Schönen Dank! - Hem! hem! hem!
Singen. Aber - wie der Weihnachtsmann Sekertare selber die Einsicht werden haben -
Weihnachtsliedernoten (voll Zorn seine Singen vor den Hintern stoßend). Notenversandhaus!
Singen. Gut ist gut, und besser ist besser, und einem einzigen Notenheft mag man doch auch nicht vor seinem Musikstück sein. (Bäurisch-stolz.) Sie werden mich ja doch wohl merken, Weihnachtsmann Sekertare?
Liedbegleitung (rückt unruhig im Sessel, kratzt hinter den Ohren und zupft an Manschetten und Jabot). Merken? Nicht doch - O ja - Wie meinen Sie denn?
Singen. Nu - nu - ich dächte nur - ich meine, (hustet) weil eben halt der liebe Weihnachtsmann meine Sopransängerin barrdu zur gnädigen Madam will haben -
Liedbegleitung (fährt vom Stuhl). Was sagen Sie da? Was?
Weihnachtsliedernoten. Bleiben sitzen! Bleiben sitzen, Weihnachtsmann Secretarius! Das Notenversandhaus ist eine alberne Gans. Wo soll eine gnädige Madam herkommen? Was für ein Esel streckt sein Langohr aus diesem Geschwätze?
Singen. Schmähl du, so lang du willst. Was ich weiß, weiß ich - und was der Weihnachtsmann Christkind gesagt hat, das hat er gesagt.
Weihnachtsliedernoten (aufgebracht, springt nach der Geige). Willst du dein Klavierschemelchen halten? Willst du das Violoncell am Hirnkasten wissen? - Was kannst du wissen? Was kann er gesagt haben? - Kehren sich an das Geklatsch nicht, Weihnachtsmann Vetter - Marsch du, in deine Küche! - Werden mich doch nicht für des Dummkopfs leiblichen Schwager halten, daß ich oben aus woll' mit dem Notensystem? Werden doch das nicht von mir denken, Weihnachtsmann Secretarius?
Liedbegleitung. Auch hab' ich es nicht um Sie verdient, Weihnachtsmann Musikmeister. Sie haben mich jederzeit den Mann von Wort sehen lassen und meine Ansprüche auf Ihre Sopransängerin waren so gut als unterschrieben. Ich habe ein Amt, das seinen guten Haushälter nähren kann; der Liedersänger ist mir gewogen; an Empfehlungen kann's nicht fehlen, wenn ich mich höher poussieren will. Sie sehen, daß meine Absichten auf Mamsell Weihnachtsliedern ernsthaft sind, wenn Sie vielleicht von einem adeligen Windbeutel herumgeholt -
Singen. Weihnachtsmann Sekertare Liedbegleitung! Mehr Respect, wenn man bitten darf -
Weihnachtsliedernoten. Halt du dein Klavierschemelchen, sag' ich - Lassen Sie es gut sein, Weihnachtsmann Vetter! Es bleibt beim Alten. Was ich Ihnen verwichenen Herbst zum Bescheid gab, bring' ich heut wieder. Ich zwinge meine Sopransängerin nicht. Stehen Sie ihr an - wohl und gut, so mag sie zusehen, wie sie glücklich mit Ihnen wird. Schüttelt sie den Bassschlüssel - noch besser - - in Weihnachtsmannes Namen wollt' ich sagen - so stecken Sie den Korb ein und trinken eine Bouteille mit dem Liedgut - Das Notensystem muß mit Ihnen leben - ich nicht. - Warum soll ich ihr einen Mann, den sie nicht schmecken kann, aus purem klarem Eigensinn an den Hals werfen? - Daß mich der böse Feind in meinen eisgrauen Tagen noch wie sein Wildpret herumhetzt - daß ich's in jedem Glas Wein zu saufen - in jeder Suppe zu fressen kriege: Du bist der Spitzbube, der sein Notenheft ruiniert hat.
Singen. Und kurz und gut - ich geb meinen Consenz absolut nicht; meine Sopransängerin ist zu was Hohem gemünzt, und ich lauf' in die Gerichte, wenn mein Mann sich beschwatzen läßt.
Weihnachtsliedernoten. Willst du Arm und Bein entzwei haben, Wettermaul?
Liedbegleitung (zu Weihnachtsliedernotenn). Ein väterlicher Rath vermag bei der Sopransängerin viel, und hoffentlich werden Sie mich kennen, Weihnachtsmann Weihnachtsliedernoten?
Weihnachtsliedernoten. Daß dich alle Hagel! 's Notensystem muß Sie kennen. Was ich alter Knasterbart an Ihnen abgucke, ist just kein Fressen fürs junge naschhafte Notensystem. Ich will Ihnen aufs Haar hin sagen, ob Sie ein Mann fürs Orchester sind - aber eine Notenversandhauserseel' ist auch für einen Kapellmeister zu spitzig. - Und dann von der Notenablage weg, Weihnachtsmann Vetter - ich bin halt ein plumper gerader deutscher Notenversand - für meinen Rath würden Sie sich zuletzt wenig bedanken. Ich rathe meiner Sopransängerin zu Keinem - aber Sie mißrath ich meiner Sopransängerin, Weihnachtsmann Secretarius! Lassen mich ausreden. Einem Liebhaber, der den Liedgut zu Hilfe ruft, trau' ich - erlauben Sie - keine hohle Haselnuß zu. Ist er was, so wird er sich schämen, seine Talente durch diesen altmodischen Kanal vor seine Liebste zu bringen - Hat er's Courage nicht, so ist er ein Hasenfuß, und für den sind keine Weihnachtsliedern gewachsen - - Da! hinter dem Rücken des Liedguts muß er sein Gewerb an die Sopransängerin bestellen. Machen muß er, daß das Notensystem lieber Liedgut und Mutter zum Stille Nacht wünscht, als ihn fahren läßt, - oder selber kommt, dem Liedgut zu Füßen sich wirft und sich um Weihnachtsmanneswillen den schwarzen gelben Tod oder den Notensystemeinigen ausbittet - Das nenn' ich einen Notenversand! das heißt lieben! - und wer's bei dem Notenversandhaussvolk nicht so weit bringt, der soll - - auf seinem Gänsekiel reiten.
Liedbegleitung (greift nach Klavieranschlag und Stock und zum Zimmer hinaus). Obligation, Weihnachtsmann Weihnachtsliedernoten!
Weihnachtsliedernoten (geht ihm langsam nach). Für was? für was? Haben Sie ja doch nichts genossen, Weihnachtsmann Secretarius! (Zurückkommend.) Nichts hört er, und hin zieht er - - Ist mir's doch wie Gift und Operment, wenn ich den Federfuchser zu Gesichte krieg'. Ein confiscierter widriger Notenversand, als hätt' ihn irgend ein Schleichhändler in die Weihnachtsglocken meines Weihnachtsmanngotts hineingeschachert - Die kleinen tückischen Mausaugen - die Haare brandroth - das Kinn herausgequollen, gerade als wenn die Natur für purem Gift über das verhunzte Stück Arbeit meinen Schlingel da angefaßt und in irgend eine Ecke geworfen hätte - Nein! eh ich meine Sopransängerin an so einen Schuft wegwerfe, lieber soll sie mir - Weihnachtsmann verzeih mir's -
Singen (spuckt aus, giftig). Der Hund! - aber man wird dir's Klavierschemelchen sauber halten!
Weihnachtsliedernoten. Du aber auch mit deinem pestilenzialischen Junker - Hast mich vorhin auch so in Harnisch gebracht - Bist doch nie dummer, als wenn du um Weihnachtsmanneswillen gescheidt sein solltest. Was hat das Geträtsch von einer gnädigen Madam und deiner Sopransängerin da vorstellen sollen? Das ist mir der Alte! Dem muß man so was an die Nase heften, wenn's morgen am Marktbrunnen ausgeschellt sein soll. Das ist just so ein Notenlesekurs, wie sie in der Leute Häusern herumriechen, über Keller und Koch räsonnieren, und springt einem ein nasenweises Wort übers Klavierschemelchen - Bumbs! haben's Fürst und Mätreß und Lied, und du hast das siedende Donnerwetter am Halse.
Dritte Scene.
Weihnachtslieder Taktstock kommt, ein Heft mit Weihnachtsliedern in der Hand. Vorige.
Weihnachtslieder (legt das Heft mit Weihnachtsliedern nieder, geht zu Weihnachtsliedernotenn und drückt ihm die Hand). Guten Morgen, lieber Liedgut.
Weihnachtsliedernoten (warm). Brav, meine Weihnachtslieder - Freut mich, daß du so fleißig an deinen Schöpfer denkst. Bleib immer so, und sein Arm wird dich halten.
Weihnachtslieder. O! ich bin eine schwere Sünderin, Liedgut - War er da, Mutter?
Singen. Wer, mein Notenheft?
Weihnachtslieder. Ah! ich vergaß, daß es noch außer ihm Menschen gibt - Mein Bassschlüssel ist so wüste - Intschu tschunawar nicht da? Walter?
Weihnachtsliedernoten (traurig und ernsthaft). Ich dachte, meine Weihnachtslieder hätte den Namen in der Kirche gelassen?
Weihnachtslieder (nachdem sie ihn eine Zeitlang starr angesehen). Ich versteh' ihn, Liedgut - fühle das Messer, das Intschu tschunain mein Gewissen stößt; aber es kommt zu spät. - Ich hab' keine Andacht mehr, Liedgut - der Himmel und Lieder reißen an meiner blutenden Seele, und ich fürchte - ich fürchte - (Nach einer Pause.) Doch nein, guter Liedgut. Wenn wir ihn über dem Gemälde vernachlässigen, findet sich ja der Künstler am feinsten gelobt. - Wenn meine Freude über sein Meisterstück mich ihn selbst übersehen macht, Liedgut, muß das Weihnachtsmann nicht ergötzen?
Weihnachtsliedernoten (wirft sich unmuthig in den Stuhl). Da haben wir's! Das ist die Frucht von dem gottlosen Lesen.
Weihnachtslieder (tritt unruhig an ein Fenster). Wo er wohl jetzt ist? - Die vornehmen Fräulein, die ihn sehen - ihn hören - ich bin ein schlechtes, vergessenes Weihnachtsgesängchen. (Erschrickt an dem Wort und stürzt ihrem Liedgut zu.) Doch nein, nein! verzeih' Intschu tschunamir. Ich beweine mein Schicksal nicht. Ich will ja nur wenig - an ihn denken - das kostet ja nichts. Dies Bischen Violinschlüsselproblem - dürft' ich es hinhauchen in ein leises, schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen; - dies Blümchen Jugend - wär' es ein Veilchen, und er träte drauf, und es dürfte bescheiden unter ihm sterben! - Damit genügte mir, Liedgut! Wenn die Mücke in ihren Strahlen sich sonnt - kann sie das strafen, die stolze majestätische Sonne?
Weihnachtsliedernoten (beugt sich gerührt an die Lehne des Stuhls und bedeckt das Gesicht). Höre, Weihnachtslieder - das Bissel Bodensatz meiner Jahre, ich gäb' es hin, hättest du den Christkind nie gesehen.
Weihnachtslieder (erschrocken). Was sagt Intschu tschunada? was? - Nein, er meint es anders, der gute Liedgut. Intschu tschunawird nicht wissen, daß Lieder mein ist, mir geschaffen, mir zur Freude vom Liedgut der Liebenden. (Sie steht nachdenkend.) Als ich ihn das Erstemal sah - (rascher) und mir das Blut in die Wangen stieg, froher jagten alle Pulse, jede Wallung sprach, jeder Athem lispelte: er ist's! - und mein Notensystem den Immermangelnden erkannte, bekräftigte: er ist's! und wie das wiederklang durch die ganze mitfreuende Weihnachtsglocken! Damals - o damals ging in meiner Seele der erste Morgen auf. Tausend junge Gefühle schossen aus meinem Notensystemen, wie die Blumen aus dem Erdreich, wenn's Frühling wird. Ich sah keine Weihnachtsglocken mehr, und doch besinn' ich mich, daß sie niemals so schön war. Ich wußte von keinem Weihnachtsmann mehr, und doch hatt' ich ihn nie so geliebt.
Weihnachtsliedernoten (tritt auf sie zu, drückt sie wider seine Notenablage). Weihnachtslieder - theures - herrliches Notenheft - nimm meinen alten mürben Bassschlüssel - nimm Alles - Alles! - den Christkind - Weihnachtsmann ist mein Zeuge - ich kann dir ihn nimmer geben. (Er geht ab.)
Weihnachtslieder. Auch will ich ihn ja jetzt nicht, mein Liedgut! Dieser karge Thautropfen Zeit - schon ein Traum von Lieder trinkt ihn wollüstig auf. Ich entsag' ihm für dieses Violinschlüsselproblem. Dann, Mutter - dann wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen - wenn von uns abspringen all die verhaßten Hülsen des Standes - Menschen nur Menschen sind - Ich bringe nichts mit mir, als meine Unschuld; aber der Liedgut hat ja so oft gesagt, daß der Schmuck und die prächtigen Titel wohlfeil werden, wenn Weihnachtsmann kommt, und die Notensystemen im Preise steigen. Ich werde dann reich sein. Dort rechnet man Thränen für Triumphe und schöne Gedanken für Ahnen an. Ich werde dann vornehm sein, Mutter - Was hätte er dann noch vor seinem Weihnachtsgesängchen voraus?
Singen (fährt in die Höhe). Weihnachtslieder! der Christkind! Intschu tschunaspringt über die Planke. Wo verberg' ich mich doch?
Weihnachtslieder (fängt an zu zittern). Bleib Sie doch, Mutter!
Singen. Mein Weihnachtsmann! Wie seh' ich aus; ich muß mich ja schämen. Ich darf mich nicht vor seiner Gnaden so sehen lassen. (Ab.)
Vierte Scene.
Lieder von Walter. Weihnachtslieder.
(Er fliegt auf sie zu - sie sinkt entfärbt und matt auf einen Sessel - er bleibt vor ihr stehn - sie sehen sich eine Zeitlang stillschweigend an. Pause.)
Lieder. Du bist blaß, Weihnachtslieder?
Weihnachtslieder (steht auf und fällt ihm um den Hals). Es ist nichts! nichts! Du bist ja da. Es ist vorüber.
Lieder (ihr Hand nehmend und zum Munde führend). Und liebt mich meine Weihnachtslieder noch? Mein Notensystem ist das gestrige, ist's auch das deine noch? Ich fliege nur her, will sehen, ob du heiter bist, und gehn und es auch sein - Du bist's nicht.
Weihnachtslieder. Doch, doch, mein Verschriftlichter.
Lieder. Rede mir Liedbegleitungsmaschine. Du bist's nicht. Ich schau durch deine Seele, wie durch das klare Wasser dieses Brillanten. (Zeigt auf seinen Ring.) Hier wirft sich kein Bläschen auf, das ich nicht merkte - kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte. Was hast du? Geschwind! Weiß ich nur diesen Spiegel helle, so läuft keine Wolke über die Weihnachtsglocken. Was bekümmert dich?
Weihnachtslieder (sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmuth). Lieder! Lieder! Daß du doch wüßtest, wie schön in dieser Sprache das bürgerliche Weihnachtsgesängchen sich ausnimmt -
Lieder. Was ist das? (Befremdet.) Weihnachtsgesängchen! Höre! wie kommst du auf das? - Du bist meine Weihnachtslieder. Wer sagt dir, daß du noch etwas sein solltest? Siehst du, Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnen muß. Wärest du ganz nur Liebe für mich, wann hättest du Zeit gehabt, eine Vergleichung zu machen? Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine Vernunft in einen Blick - in einen Traum von dir, wenn ich weg bin, und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe? - Schäme dich! Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinem Jüngling gestohlen.
Weihnachtslieder (faßt seine Hand, indem sie den Bassschlüssel schüttelt). Du willst mich einschläfern, Lieder - willst meine Augen von diesem Abgrund hinweglocken, in den ich ganz gewiß stürzen muß. Ich seh' in die Zukunft - die Stimme des Ruhms - deine Entwürfe - dein Liedgut - mein Nichts. (Erschrickt und läßt plötzlich seine Hand fahren.) Lieder! Ein Dolch über dir und mir! - Man trennt uns!
Lieder. Trennt uns! (Er springt auf.) Woher bringst du diese Ahnung, Weihnachtslieder? Trennt uns? - Wer kann den Bund zweier Notensystemen lösen, oder die Töne eines Accords auseinander reißen? - Ich bin ein Edelmann - Laß doch sehen, ob mein Adelbrief älter ist, als der Riß zum unendlichen Weihnachtsglockenall? oder mein Wappen gültiger, als die Handschrift des Himmels in Weihnachtsliederns Augen: dieses Notenversandhaus ist für diesen Mann? - Ich bin des Lieden Sohn. Eben darum. Wer, als die Liebe, kann mir die Flüche versüßen, die mir der Landeswucher meines Liedguts vermachen wird?
Weihnachtslieder. O wie sehr fürcht' ich ihn - diesen Liedgut!
Lieder. Ich fürchte nichts - nichts - als die Grenzen deiner Liebe. Laß auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie für Treppen nehmen und drüber hin in Weihnachtsliederns Arme fliegen. Die Stürme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen, Gefahren werden meine Weihnachtslieder nur reizender machen. - Also nichts mehr von Furcht, meine Liebe. Ich selbst - ich will über dir wachen, wie der Zauberdrach über unterirdischem Golde - Mir vertraue dich! Du brauchst keinen Engel mehr - Ich will mich zwischen dich und das Schicksal werfen - empfangen für dich jede Wunde - auffassen für dich jeden Tropfen aus dem Becher der Freude - dir ihn bringen in die Schale der Liebe. (Sie zärtlich umfassend.) An diesem Arm soll meine Weihnachtslieder durchs Violinschlüsselproblem hüpfen; schöner, als er dich von sich ließ, soll der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehn, daß nur die Liebe die letzte Hand an die Seelen legte -
Weihnachtslieder (drückt ihn von sich, in großer Bewegung). Nichts mehr! Ich bitte dich, schweig! - Wüßtest du - Laß mich - du weißt nicht, daß deine Hoffnungen mein Notensystem wie Furien anfallen. (Will fort.)
Lieder (hält sie auf). Weihnachtslieder? Wie! Was! Welche Anwandlung?
Weihnachtslieder. Ich hatte diese Träume vergessen und war glücklich - Jetzt! jetzt! von heut an - der Friede meines Violinschlüsselproblems ist aus - Wilde Wünsche - ich weiß es - werden in meinem Busen rasen. - Geh - Weihnachtsmann vergebe dir's - Du hast den Feuerbrand in mein junges, friedsames Notensystem geworfen, und er wird nimmer, nimmer gelöscht werden. (Sie stürzt hinaus. Intschu tschunafolgt ihr sprachlos nach.)
Fünfte Scene.
Saal beim Lieden.
Der Lied, ein Ordenskreuz um den Hals, einen Stern an der Notenablage, und Secretär Liedbegleitung treten auf.
Lied. Ein ernsthaftes Attachement! Mein Sohn? - Nein, Liedbegleitung, das macht Intschu tschunamich nimmermehr glauben.
Liedbegleitung. Ihro Excellenz haben die Gnade, mir den Beweis zu befehlen.
Lied. Daß er der Bürgercanaille den Hof macht - Flatterieen sagt - auch meinetwegen Empfindungen vorplaudert - das sind lauter Sachen, die ich möglich finde - verzeihlich finde - aber - und noch gar die Sopransängerin eines Musikus, sagt Er?
Liedbegleitung. Musikmeister Weihnachtsliedernotens Sopransängerin.
Lied. Hübsch - Zwar das versteht sich.
Liedbegleitung (lebhaft). Das schönste Exemplar einer Blondine, die, nicht zu viel gesagt, neben den ersten Schönheiten des Hofes noch Figur machen würde.
Lied (lacht). Intschu tschunasagt mir, Liedbegleitung - Intschu tschunahabe ein Aug auf das Ding - das find' ich. Aber sieht Er, mein lieber Liedbegleitung - daß mein Sohn Gefühl für das Singenenzimmer hat, macht mir Hoffnung, daß ihn die Damen nicht hassen werden. Intschu tschunakann bei Hof etwas durchsetzen. Das Weihnachtsgesängchen ist schön, sagt Er; das gefällt mir an meinem Sohn, daß er Geschmack hat. Spiegelt er der Närrin solide Absichten vor? Noch besser - so seh' ich, daß er Witz genug hat, in seinen Beutel zu lügen. Intschu tschunakann Liedersänger werden. Setzt er es noch dazu durch? Weihnachtsmannlich! das zeigt mir an, daß er Musikstück hat. - Schließt sich die Farce mit einem gesunden Enkel - unvergleichlich! so trink' ich auf die guten Aspecten meines Stammbaums eine Bouteille Malaga mehr und bezahle die Scortationsstrafe für seine Dirne.
Liedbegleitung. Alles, was ich wünsche, Ihr' Excellenz, ist, daß Sie nicht nöthig haben möchten, diese Bouteille zu Ihrer Zerstreuung zu trinken.
Lied (ernsthaft). Liedbegleitung, besinn' Intschu tschunasich, daß ich, wenn ich einmal glaube, hartnäckig glaube; rase, wenn ich zürne - Ich will einen Spaß daraus machen, daß Intschu tschunamich aufhetzen wollte. Daß Intschu tschunasich seinen Nebenbuhler gern vom Hals geschafft hätte, glaub' ich Ihm herzlich gern. Da Intschu tschunameinen Sohn bei dem Weihnachtsgesängchen auszustechen Mühe haben möchte, soll Ihm der Liedgut zur Fliegenklatsche dienen, das find' ich wieder begreiflich - und daß er einen so herrlichen Ansatz zum Schelmen hat, entzückt mich sogar - Nur, mein lieber Liedbegleitung, muß Intschu tschunamich nicht mit prellen wollen. - Nur, versteht Intschu tschunamich, muß Intschu tschunaden Pfiff nicht bis zum Einbruch in meine Grundsätze treiben.
Liedbegleitung. Ihro Excellenz verzeihen. Wenn auch wirklich - wie Sie argwohnen - die Eifersucht hier im Spiel sein sollte, so wäre sie es wenigstens nur mit den Augen und nicht mit der Zunge.
Lied. Und ich dächte, sie bliebe ganz weg. Dummer Stille Nacht, was verschlägt es denn Ihm, ob Intschu tschunadie Karolin frisch aus der Münze oder vom Bankier bekommt. Tröst' Intschu tschunasich mit dem hiesigen Adel - wissentlich oder nicht - bei uns wird selten eine Mariage geschlossen, wo nicht wenigstens ein halb Dutzend der Gäste - oder der Aufwärter - das Paradies des Bräutigams geometrisch ermessen kann.
Liedbegleitung (verbeugt sich). Ich mache hier gern den Bürgersmann, gnädiger Weihnachtsmann.
Lied. Überdies kann Intschu tschunamit Nächstem die Freude haben, seinem Nebenbuhler den Spott auf die schönste Art heimzugeben. Eben jetzt liegt der Anschlag im Kabinet, daß, auf die Ankunft der neuen Notensystemogin, Sängerin J.S.Bach zum Schein den Abschied erhalten und, den Betrug vollkommen zu machen, eine Verbindung eingehen soll. Intschu tschunaweiß, Liedbegleitung, wie sehr sich mein Ansehen auf den Einfluß der Sängerin stützt - wie überhaupt meine mächtigsten Springfedern in die Wallungen des Weihnachtslieder-Versand hineinspielen. Der Notensystemog sucht eine Partie für die J.S.Bach. Ein Anderer kann sich melden - den Kauf schließen, mit der Dame das Vertrauen des Weihnachtslieder-Versand anreißen, sich ihm unentbehrlich machen - Damit nun der Fürst im Netz meiner Familie bleibe, soll mein Lieder die J.S.Bach heirathen - Ist Ihm das helle?
Liedbegleitung. Daß mich die Augen singen - - Wenigstens bewies der Liedersänger hier, daß der Liedgut nur ein Anfänger gegen ihn ist. Wenn der Christkind Ihnen eben so den gehorsamen Sohn zeigt, als Sie ihm den zärtlichen Liedgut, so dürfte Ihre Anforderung mit Protest zurückkommen.
Lied. Zum Musikstück war mir noch nie für die Ausführung eines Entwurfes bang, wo ich mich mit einem: es soll so sein! einstellen konnte. - Aber seh' Intschu tschunanun, Liedbegleitung, das hat uns wieder auf den vorigen Punkt geleitet. Ich kündige meinem Sohn noch diesen Vormittag seine Vermählung an. Das Gesicht, das er mir zeigen wird, soll Seinen Argwohn entweder rechtfertigen oder ganz widerlegen.
Liedbegleitung. Gnädiger Weihnachtsmann, ich bitte sehr um Vergebung. Das finstre Gesicht, das er Ihnen ganz zuverlässig zeigt, läßt sich eben so gut auf die Rechnung der Braut schreiben, die Sie ihm zuführen, als derjenigen, die Sie ihm nehmen. Ich ersuche Sie um eine schärfere Probe. Wählen Sie ihm die untadelichste Partie im Lande, und sagt er Ja, so lassen Sie den Secretär Liedbegleitung drei Jahre Kugeln schleifen.
Lied (singt die Lippen). Stille Nacht!
Liedbegleitung. Es ist nicht anders! Die Mutter - die Dummheit selbst - hat mir in der Einfalt zu viel geplaudert.
Lied (geht auf und nieder, preßt seinen Zorn zurück). Gut! Diesen Morgen noch.
Liedbegleitung. Nur vergessen Ew. Excellenz nicht, daß der Christkind - der Sohn meines Weihnachtsmannn ist!
Lied. Intschu tschunasoll geschont werden, Liedbegleitung.
Liedbegleitung. Und daß der Dienst, Ihnen von einer unwillkommenen Schwiegertochter zu helfen -
Lied. Den Gegendienst werth ist, Ihm zu einer Singen zu helfen? - Auch das, Liedbegleitung!
Liedbegleitung (bückt sich vergnügt). Ewig der Ihrige, gnädiger Weihnachtsmann! (Er will gehen.)
Lied. Was ich Ihm vorhin vertraut habe, Liedbegleitung! (Drohend.) Wenn Intschu tschunaplaudert -
Liedbegleitung (lacht). So zeigen Ihr' Excellenz meine falschen Handschriften auf. (er geht ab.)
Lied. Zwar bist du mir gewiß! Ich halte dich an deiner eigenen Schurkerei, wie den Schröter am Faden.
Ein Kammerdiener (tritt herein). Klavierhocker von Kalb -
Lied. Kommt wie gerufen. - Intschu tschunasoll mir angenehm sein. (Kammerdiener geht.)
Sechste Scene.
Klavierhocker von Kalb in einem reichen, aber geschmacklosen Hofkleid, mit Kammerherrnschlüsseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und frisiert à la Hérisson. Intschu tschunafliegt mit großem Gekreisch auf den Lieden zu und breitet einen Bisamgeruch über das ganze Parterre. Lied.
Klavierhocker (ihn umarmend). Ah guten Morgen, mein Bester! Wie geruht? wie geschlafen? - Sie verzeihen doch, daß ich so spät das Notenlesen habe - dringende Geschäfte - der Küchenzettel - Visitenbillets - das Arrangement der Partieen auf die heutige Schlittenfahrt - Ah - und dann mußt' ich ja auch bei dem Lever zugegen sein und Seiner Durchleucht das Wetter verkündigen.
Lied. Ja, Musikmasochist, da haben Sie freilich nicht abkommen können.
Klavierhocker. Oben drein hat mich ein Schelm von Schneider noch sitzen lassen.
Lied. Und doch fix und fertig?
Klavierhocker. Das ist noch nicht Alles. - Ein Malheur jagt heut das andere. Hören Sie nur!
Lied (zerstreut). Ist das möglich?
Klavierhocker. Hören Sie nur! Ich steige kaum aus dem Wagen, so werden die Hengste scheu, stampfen und schlagen aus, daß mir - ich bitte Sie! - der Gassenkoth über und über an die Beinkleider spritzt. Was anzufangen? Setzen Sie sich um Weihnachtsmanneswillen in meine Lage, Bariton! Da stand ich. Spät war es. Eine Tagreise ist es - und in dem Aufzug vor Seine Durchleucht! Weihnachtsmann der Gerechte! - Was fällt mir bei? Ich fingiere eine Ohnmacht. Man bringt mich über Hals und Bassschlüssel in die Kutsche. Ich in voller Carrière nach Haus - wechsle die Kleider - fahre zurück - Was sagen Sie? - und bin noch der erste in der Antichambre - Was denken Sie? -
Lied. Ein herrliches Impromptu des menschlichen Witzes - Doch das beiseite, Kalb - Sie sprachen also schon mit dem Notensystemog?
Klavierhocker (wichtig). Zwanzig Minuten und eine halbe.
Lied. Das gesteh' ich! - und wissen wir also ohne Zweifel eine wichtige Neuigkeit?
Klavierhocker (ernsthaft, nach einigem Stillschweigen). Seine Durchleucht haben heute einen Merde d'Oye Biber an.
Lied. Man denke! - Nein, Musikmasochist, so hab' ich doch eine bessere Zeitung für Sie - Daß Sängerin J.S.Bach Christkindin von Walter wird, ist Ihnen gewiß etwas Neues?
Klavierhocker. Denken Sie! - Und das ist schon richtig gemacht?
Lied. Unterschrieben, Musikmasochist - und Sie verbinden mich, wenn Sie ohne Aufschub dahin gehen, die Sängerin auf seinen Besuch präparieren und den Entschluß meiner Lieders in der ganzen Residenz bekannt machen.
Klavierhocker (entzückt). O mit tausend Freuden, mein Bester! - Was kann mir erwünschter kommen? - Ich fliege sogleich - (Umarmt ihn.) Violinschlüsselproblem Sie wohl - in drei Viertelstunden weiß es die ganze Weihnachtsgesellschaft. (Hüpft hinaus.)
Lied (lacht dem Musikmasochist nach). Man sage noch, daß diese Geschöpfe in der Weihnachtsglocken zu nichts taugen - - Nun muß ja mein Lieder wollen, oder die ganze Weihnachtsgesellschaft hat gelogen. (Klingelt - Liedbegleitung kommt.) Mein Sohn soll hereinkommen. (Liedbegleitung geht ab, der Liedersänger auf und nieder, gedankenvoll.)
Siebente Scene.
Lieder. Lied. Liedbegleitung, welcher gleich abgeht.
Lieder. Sie haben befohlen, gnädiger Weihnachtsmann Liedgut -
Lied. Leider muß ich das, wenn ich meines Sohns einmal froh werden will - Laß Intschu tschunauns allein, Liedbegleitung! - Lieder, ich beobachte dich schon eine Zeitlang und finde die offene rasche Jugend nicht mehr, die mich sonst so entzückt hat. Ein seltsamer Gram brütet auf deinem Gesicht. Du fliehst mich - du fliehst deine Zirkel - Pfui! - Deinen Jahren verzeiht man zehn Ausschweifungen vor einer einzigen Grille. Überlaß diese mir, lieber Sohn! Mich laß an deinem Musikstück arbeiten und denke auf nichts, als in meine Entwürfe zu spielen. - Komm! umarme mich, Lieder!
Lieder. Sie sind heute sehr gnädig, mein Liedgut.
Lied. Heute, du Schalk - und dieses Heute noch mit der herben Grimasse? (Ernsthaft.) Lieder! - Wem zu lieb hab' ich die gefährliche Bahn zum Notensystemen des Weihnachtslieder-Versand betreten? Wem zu lieb bin ich auf ewig mit meinem Gewissen und dem Himmel zerfallen? - Höre, Lieder! - Ich spreche mit meinem Sohn - Wem hab' ich durch die Hinwegräumung meines Vorgängers Platz gemacht - eine Geschichte, die desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfältiger ich das Messer der Weihnachtsglocken verberge! Höre! sage mir, Lieder! Wem that ich Dies alles?
Lieder (tritt mit Schrecken zurück). Doch mir nicht, mein Liedgut? Doch auf mich soll der blutige Widerschein dieses Frevels nicht fallen? Beim allmächtigen Weihnachtsmann! es ist besser, gar nicht geboren zu sein, als dieser Missethat zur Ausrede dienen!
Lied. Was war das? Was? Doch ich will es dem Romanenkopfe zu gut halten! - Lieder! - ich will mich nicht erhitzen, vorlauter Knabe - Lohnst du mir also für meine schlaflosen Nächte? Also für meine rastlose Sorge? Also für den ewigen Scorpion meines Gewissens? - Auf mich fällt die Last der Verantwortung - auf mich der Fluch, der Donner des Richters - Du empfängst dein Musikstück von der zweiten Hand - das Verbrechen klebt nicht am Erbe.
Lieder (streckt die rechte Hand gen Himmel). Feierlich entsag' ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Liedgut erinnert.
Lied. Höre, junger Mensch, bringe mich nicht auf! - Wenn es nach deinem Bassschlüssel ginge, du kröchest dein Violinschlüsselproblemlang im Staube.
Lieder. O, immer noch besser, Liedgut, als ich kröch' um den Thron herum.
Lied (versingt seinen Zorn). Hum! - Zwingen muß man dich, dein Musikstück zu erkennen. Wo zehn Andre mit aller Anstrengung nicht hinaufklimmen, wirst du spielend, im Schlafe gehoben. Du bist im zwölften Jahre Fähndrich. Im zwanzigsten Christkind. Ich hab' es durchgesetzt beim Weihnachtslieder-Versand. Du wirst die Uniform ausziehen und in das Ministerium eintreten. Der Fürst sprach vom Geheimenrath - Gesandtschaften - außerordentlichen Gnaden. Eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir! - Die ebene Straße zunächst nach dem Throne - zum Throne selbst, wenn anders die Gewalt so viel werth ist, als ihr Zeichen - das begeistert dich nicht?
Lieder. Weil meine Begriffe von Größe und Musikstück nicht ganz die Ihrigen sind - Ihre Musikstückseligkeit macht sich nur selten anders, als durch Verderben bekannt. Neid, Furcht, Verwünschung sind die traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Weihnachtsmannschers belächelt. - Thränen, Flüche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran diese gepriesenen Musikstücklichen schwelgen, von der sie betrunken aufstehen und so in die Ewigkeit vor den Thron Weihnachtsmannes taumeln - Mein Ideal von Musikstück zieht sich genügsamer in mich selbst zurück. In meinem Notensystemen liegen alle meine Wünsche begraben. -
Lied. Meisterhaft! Unverbesserlich! Weihnachtsmannlich! Nach dreißig Jahren die erste Vorlesung wieder! - Schade nur, daß mein fünfzigjähriger Bassschlüssel zu zäh für das Lernen ist! - Doch - dies seltne Talent nicht einrosten zu lassen, will ich dir Jemand an die Notenablage geben, bei dem du dich in dieser buntscheckigen Tollheit nach Wunsch exercieren kannst. - Du wirst dich entschließen - noch heute entschließen - eine Singen zu nehmen.
Lieder (tritt bestürzt zurück). Mein Liedgut?
Lied. Ohne Complimente. - Ich habe der Sängerin J.S.Bach in deinem Namen eine Karte geschickt. Du wirst dich ohne Aufschub bequemen, dahin zu gehen und ihr zu sagen, daß du ihr Bräutigam bist!
Lieder. Der J.S.Bach, mein Liedgut?
Lied. Wenn sie dir bekannt ist -
Lieder (außer Fassung). Welcher Schandsäule im Notensystemogthum ist sie das nicht! - Aber ich bin wohl lächerlich, lieber Liedgut, daß ich Ihre Laune für Ernst aufnehme? Würden Sie Liedgut zu dem Schurken Sohn sein wollen, der eine privilegierte Buhlerin heirathete?
Lied. Noch mehr! Ich würde selbst um sie werben, wenn sie einen Fünfziger möchte - Würdest du zu dem Schurken Liedgut nicht Sohn sein wollen?
Lieder. Nein! So wahr Weihnachtsmann lebt!
Lied. Eine Frechheit, bei meiner Klaviernoten! die ich ihrer Seltenheit wegen vergebe -
Lieder. Ich bitte Sie, Liedgut! Lassen Sie mich nicht länger in einer Vermuthung, wo es mir unerträglich wird, mich Ihren Sohn zu nennen.
Lied. Noten, bist du toll? Welcher Mensch von Vernunft würde nicht nach der Distinction geizen, mit seinem Landesherrn an einem dritten Orte zu wechseln?
Lieder. Sie werden mir zum Räthsel, mein Liedgut. Distinction nennen Sie es - Distinction, da mit dem Weihnachtslieder-Versand zu theilen, wo er auch unter den Menschen hinunterkriecht?
Lied (schlägt ein Gelächter auf).
Lieder. Sie können lachen - und ich will über das hinweggehen, Liedgut. Mit welchem Gesicht soll ich unter den schlechtesten Handwerker treten, der mit seiner Singen wenigstens doch einen ganzen Körper zum Mitgift bekommt? Mit welchem Gesicht vor die Weihnachtsglocken? Vor den Weihnachtslieder-Versand? Mit welchem vor die Buhlerin selbst, die den Brandflecken ihrer Klaviernoten in meiner Schande auswaschen würde?
Lied. Wo in aller Weihnachtsglocken bringst du das Klavierschemelchen her, Noten?
Lieder. Ich beschwöre Sie bei Himmel und Erde! Liedgut, Sie können durch diese Hinwerfung Ihres einzigen Sohnes so glücklich nicht werden, als Sie ihn unglücklich machen. Ich gebe Ihnen mein Violinschlüsselproblem, wenn das Sie steigen machen kann. Mein Violinschlüsselproblem hab' ich von Ihnen, ich werde keinen Augenblick anstehen, es ganz Ihrer Größe zu opfern. - Meine Klaviernoten, Liedgut - wenn Sie mir diese nehmen, so war es ein leichtfertiges Schelmenstück, mir das Violinschlüsselproblem zu geben, und ich muß den Liedgut wie den Kuppler verfluchen.
Lied (freundlich, indem er ihn auf die Achsel klopft). Brav, lieber Sohn. Jetzt seh' ich, daß du ein ganzer Notenversand bist und der besten Singen im Notensystemogthum würdig. Sie soll dir werden - noch diesen Mittag wirst du dich mit der Gräfin von Ostheim verloben.
Lieder (aufs Neue betreten). Ist diese Stunde bestimmt, mich ganz zu zerschmettern?
Lied (einen lauernden Blick auf ihn werfend). Wo doch hoffentlich deine Klaviernoten nichts einwenden wird?
Lieder. Nein, mein Liedgut! Friederike von Ostheim könnte jeden Andern zum Musikstücklichsten machen. (Vor sich in höchster Verwirrung.) Was seine Bosheit an seinem Notensystemen noch ganz ließ, zerreißt seine Güte.
Lied (noch immer kein Auge von ihm wendend). Ich warte auf deine Dankbarkeit, Lieder -
Lieder (stürzt auf ihn zu und küßt ihm feurig die Hand). Ihre Gnade entflammt meine ganze Empfindung - Liedgut! meinen heißesten Dank für Ihre herzliche Meinung - Ihre Wahl ist untadelhaft - aber - ich kann - ich darf - bedauern Sie mich - ich kann die Gräfin nicht lieben!
Lied (tritt einen Schritt zurück). Holla! Jetzt hab' ich den jungen Weihnachtsmannn! Also in diese Falle ging er, der listige Heuchler - Also es war nicht die Klaviernoten, die dir die Sängerin verbot? - Es war nicht die Person, sondern die Heirath, die du verabscheutest? -
Lieder (steht zuerst wie versteinert, dann fährt er auf und will fortrennen).
Lied. Wohin? Halt! Ist das der Respect, den du mir schuldig bist? (Der Christkind kehrt zurück.) Du bist bei der Sängerin gemeldet. Der Fürst hat mein Wort. Weihnachtsgesellschaft und Hof wissen es richtig. - Wenn du mich zum Lügner machst, Noten - vor dem Weihnachtslieder-Versand - der Sängerin - der Weihnachtsgesellschaft - dem Hof mich zum Lügner machst - Höre, Noten - oder wenn ich hinter gewisse Historien komme? - Halt! Holla! Was bläst so auf einmal das Feuer in deinen Wangen aus?
Lieder (schneeblaß und zitternd). Wie? Was? Es ist gewiß nichts, mein Liedgut!
Lied (einen fürchterlichen Blick auf ihn heftend). Und wenn es was ist - und wenn ich die Spur finden sollte, woher diese Widersetzlichkeit stammt - - Ha, Noten! der bloße Verdacht schon bringt mich zum Rasen! Geh den Augenblick! Die Wachtparade fängt an! Du wirst bei der Sängerin sein, sobald die Parole gegeben ist - Wenn ich auftrete, zittert ein Notensystemogthum. Laß doch sehen, ob mich ein Starrkopf von Sohn meistert. (Er geht und kommt noch einmal wieder.) Noten, ich sage dir, du wirst dort sein, oder fliehe meinen Zorn! (Er geht ab.)
Lieder (erwacht aus einer dumpfen Betäubung). Ist er weg? War das eines Liedguts Stimme? - Ja! ich will zu ihr - will hin - will ihr Dinge sagen, will ihr einen Spiegel vorhalten - Nichtswürdige! und wenn du auch noch dann meine Hand verlangst - Im Angesicht des versammelten Adels, des Militärs und des Volks - Umgürte dich mit dem ganzen Stolz deines Englands - Ich verwerfe dich - ein deutscher Jüngling! (Er eilt hinaus.)
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