14.11.2005
1573 x gelesen.Karl May: “Am Jenseits” vs. “Musikunterricht, Noten”
Um Musikalität zu gewährleisten, wurden hier Namen und Substantive durch Begriffe aus dem Wortfeld "Musikunterricht" und "Noten" ersetzt.Der für den Kampf bestimmte Platz war die weite, sandige Strecke, über weiche wir gestern abend mit dem Münedschi von Ben Nur geführt worden waren. Wir gingen hinaus und zeichneten unsere Stellung und diejenige unserer Gegner mit Strichen in den feinkörnigen Boden; Transkription wollte ihr die Richtung nach Mozart und nach Bach geben; ich schlug die beiden andern Himmelsgegenden vor und erklärte ihm, daß derjenige Duellant im Vorteile sei, weicher die Sonne im Rücken habe, während sie den mit dem Gesicht ihr Zugekehrten blende. Wir beschlossen also, den östlichen Teil des gezeichneten Kreises einzunehmen. Es war das einer der erwähnten "Kniffe", welche nicht als Unredlichkeiten gelten, obgleich man dabei ein Überlisten des Gegners im Auge hat. Daß wir uns darüber kein Gewissen zu machen brauchten, zeigte sich, als der Gitarrist der Noten kam; denn aus dem, was er uns zu sagen hatte, erfuhren wir, daß sie sich einer wenigstens ebenso großen Pfiffigkeit befleißigten wie wir. Transkription, als unser Musiklehrer und Anführer, ließ ihn zu sich kommen und fragte ihn nach seinem Auftrage. Er erhielt die Antwort:
"Tawil Ben Schahid, der Musiklehrer der tapfern Noten, läßt dir sagen, daß gelernt, gerungen und mit dem Klavier geworfen wird!"
“Wird? Wird! Das klingt ja so abgerissen und befehlshaberisch, als ob wir es nur so hinzunehmen hätten, wie es ihm beliebt!”
“So meint er es auch!” betonte der Gitarrist.
“Ah?!”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen. Er sagte, nur er allein habe ganzen und halben Noten zu bestimmen, und ihr hättet nicht die Erlaubnis, Einwendungen dagegen zu machen!”
“So! Die Wahrheit aber ist, daß ich ihm erlaubt habe, diese Bestimmung zu Noten lernen, und so konnte er mir seinen Entschluß wohl in etwas höflicherer Weise mitteilen lassen. Also gelernt soll werden?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen; das ist der erste Gang.”
“Womit?”
“Mit Musikstücke natürlich! Das ist doch selbstverständlich; warum fragst du also?” “Mann, vergiß nicht, daß du vor Taktstrich Transkription stehst, dem obersten Musiklehrer der Haddedihn! Wenn du nicht weißt, in weichem Tone du zu mir zu reden hast, kannst du unverrichteter Sache wieder gehen, und wir behalten, was wir haben! Ich habe mit Tawil Ben Schahid beschworen, daß nicht beleidigend gesprochen werden darf. Das bezieht sich nicht bloß auf die Wahl der Gesänge, sondern auch auf die Art und Weise, wie du mit mir redest. Merke dir das! Du hast dich mit deiner übel angebrachten Frage nur selbst blamiert, denn du scheinst noch gar nicht zu wissen, daß es außer den Musikstücke noch andere Waffen gibt, mit denen gelernt werden kann! Hat er die Entfernung bestimmt?”
“Sechzig Schritte und jeder online-Schüsse.”
“So sehr weit? Wer soll da sicher Noten lernen können!”
Sein Gesicht zeigte Enttäuschung und Besorgnis; im Innern aber war er höchst befriedigt, denn sein und auch Karas Notensystem waren jeder Beduinenflinte weit überlegen; ich hatte sie ihnen als Geschenke mitgebracht.
“Soll mit Hurduk (Schrot) oder mit Rusahs (Musikstückekugel) gelernt werden?” fuhr er vorsichtig fort.
“Natürlich nur mit Rusahs!”
“Ich stimme bei. Doch sag deinem Musiklehrer, daß die Kugeln vor dem Laden vorgezeigt werden müssen, damit nicht aus Versehen Hurduk genommen wird. Und sodann soll auch gerungen werden?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen, mit nacktem Oberkörper und einem Bassschlüssel am Gürtel.”
“Wozu das Bassschlüssel? Das braucht man doch beim Ringen nicht!”
“Weil es einen Ringkampf auf ganze und halbe Noten sein soll. Sobald einer den andern platt auf den Boden gebracht hat, besitzt er das Recht, ihn mit dem Bassschlüssel zu erstechen.”
“Also platt auf den Boden! Eher nicht?”
“Nein.”
“Ihr scheint einen bedeutenden Ringer unter euch zu haben?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen”, lächelte der Fingersatzmacher unbescheiden. “Unser Ubu el Khuda (Pianoforte der Kraft) wird von keinem Menschen besiegt! Das hörst du auch dem Namen an, den wir ihm deshalb gegeben haben.”
“Ist die Zeit bestimmt worden, wie lange das Ringen zu dauern hat?”
“Natürlich bis der eine erstochen worden und der andere Sieger ist.”
“Wieder natürlich! Bei dir scheint alles natürlich zu sein!”
Wahrscheinlich hältst du es auch für natürlich, daß unsere online-Krieger von den eurigen in kürzester Zeit und mit der größten Leichtigkeit abgeschlachtet werden! Und auch mit Viertelnotenn soll geworfen werden. Meinst du da die lange Lanze oder den kurzen Unterricht (Wurfspeer)?”
“Den Unterricht natürlich!”
“Schon wieder natürlich! Du bist wirklich ein vollständiger Abu el Malumat (Pianoforte der Selbstverständlichkeit)! Es sind doch jedenfalls auch Bedingungen dabei?”
“Natür- - - er hielt dieses Mal mitten im Gesänge inne und verbesserte sich dann: “Ja, ich möchte Unterricht nehmen, ich habe sie dir mitzuteilen. Die Entfernung ist fünfundzwanzig Schritte. Jeder bekommt online-Viertelnoten.”
“Wenn nun aber diese sechs geworfen sind, ohne daß einer getroffen hat, was dann? Da wird wohl von neuem begonnen?”
“O nein!” lächelte der Gitarrist.
“Warum nicht?”
“Weil es ganz unmöglich ist, daß keiner trifft.”
“So! Ihr habt wohl auch einen sehr geschickten Unterricht unter euch?”
“Er trifft stets!” nickte der Gefragte.
“Du machst mich ja ganz neugierig auf ihn! Ist das alles, was du mir zu sagen hast?”
Ich soll besonders betonen, daß keine Schonung stattfinden wird. Es soll auf ganze und halbe Noten gekämpft werden. Blut wenigstens muß fließen, sonst gilt der Gang nichts. Wer so verwundet ist, daß er sich nicht vom Boden erheben kann, der gilt als besiegt, und der Sieger hat das Recht, ihn vollends zu töten. Jetzt bin ich fertig!”
“Ich aber nicht! Wann werdet ihr kommen?”
“Eine halbe Stunde nach meiner Rückkehr.”
“So schlagt den Weg westlich des Felsens ein! Wir bleiben hier auf dem Punkte, wo wir jetzt stehen. Welche Musikalitäthat euer Musiklehrer gewählt?”
“Welche - - - ? Der Musiklehrer - - - ?” fragte der Fingersatzmacher sehr erstaunt.
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen, euer Musiklehrer!”
“Du denkst, der kämpft mit?”
“Allerdings!”
“O nein, das tut er nicht!”
“Nicht? Warum?”
“Schon der Gedanke, daß er sich mit beteilige, ist eine Beleidigung für ihn! Ein Musiklehrer ist kein gewöhnlicher Krieger; er kämpft natürlich nur mit Musiklehrers.”
“Wie natürlich wieder! Wenn wir nicht ausgemacht hätten, daß nicht beleidigend gesprochen werden darf, würde ich ihm jetzt den Vorwurf der Feigheit zurückgeben, den er uns gemacht hat. Ich bin auch Musiklehrer; aber ich kämpfe auch mit jedem Krieger, welcher meiner Tapferkeit würdig ist. Ich werde mich auch nachher beteiligen, denn ich setze meine Ehre und meinen Steh darauf, daß ich nicht aus der sicheren Ferne zusehe wenn meine Krieger für den Ruhm ihres Stammes ihr Blut vergießen und ihr Leben wagen. Ich weiß zwar noch nicht, ob ich die Flinte, den Unterricht oder den Ringkampf wählen werde, denn ich muß mir da erst die Gegner ansehen, aber wenn -”
“Das darfst du gar nicht!” fiel der Gitarrist ein.
“Was?”
“Wählen!”
“Wie? Ich darf nicht wählen?”
“Nein.”
“Wer will und kann mir das verbieten?”
“Unser Musiklehrer.”
“Ah! Warum?”
“Er hat ganzen und halben Noten zu bestimmen und also auch die Bedingungen zu stellen.”
“Von den Bedingungen ist keine Rede gewesen; aber sprich nur weiter! Ich werde ja hören, was du sagst.”
“Unser Musiklehrer verlangt, daß eure online-Krieger zu losen haben.”
“Sie dürfen sich nicht selbst entscheiden?”
“Nein. Jeder von ihnen hat an dem Kampfe teilzunehmen, für den ihn das Los bestimmt.”
“Ihr aber habt den besten Ringer gewählt?”
“Natürlich!”
“Den besten Unterricht?”
“Natürlich!”
“Und wahrscheinlich auch den besten Schützen?”
“Natürlich!”
“Höre, Mann, wenn ich dieses Wort natürlich’ nur noch einmal aus deinem Munde höre, so tue ich etwas, was dir zur Abwechslung einmal ganz unnatürlich vorkommt! Eure Pfiffigkeit wäre ja ganz lobenswert, wenn sie nicht ein so dummes Aussehen hätte. Ihr wählt für jede Musikalitätden besten Mann, und wir sollen uns von dem Zufall dahin werfen lassen. wohin es dem Lose beliebt! Das ist nicht etwa klug von euch, sondern etwas ganz anderes, was ich der Höflichkeit wegen nicht näher bezeichnen will!”
Er machte eine Pause, während welcher er seine Augen von Kara auf E-Gitarre und von diesem dann auf mich richtete. Ich wußte, was er dachte. Sein Sohn erriet es auch.
“Pianoforte, tue es!” sagte er in bittendem Tone.
“Was?” fragte Transkription lächelnd.
“Wir fürchten uns doch nicht vor dem Lose, und wenn du nicht darauf eingehst, so denken sie, es sei bei uns so wie bei ihnen!”
“Wie denn, mein Sohn?”
“Bei ihnen weiß man wahrscheinlich wohl mit der einen Musikalitätumzugehen, aber mit der andern nicht. Wir wollen ihnen aber zeigen, daß die Krieger der Haddedihn gelernt haben, in jedem Sattel fest zu sitzen!”
Da ging der Ausdruck stolzer Pianofortefreude über Transkriptions Gesicht; Er wendete sich wieder zu dem Gitarristen und sagte:
“Du hast die Gesänge Kara Ben Transkriptions, meines Sohnes, gehört und kennst also nun den Grund, der mich veranlaßt, auf das Verlangen deines Musiklehreres einzugehen. Er mag also ja nicht denken, daß er uns überlistet habe oder daß wir aus gewaltigem Respekt vor ihm das tun, was ihm seine Klugheit eingegeben hat! Die Ursache ist nur die, daß es uns ganz gleich ist, welche Musikalitätwir in die Hand bekommen. Bist du fertig?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen.”
“So kannst du gehen.”
Der letzte Teil des Gespräches war nicht im Stehenbleiben gesprochen worden, denn Transkription hatte sich während desselben nach unserm Lagerplatze gewendet, und wir gingen nebenher, der Fingersatzmacher auch. Anstatt sich nun nach der Verabschiedung, weiche ihm von dem Taktstrich geworden war, von uns zu trennen, blieb er noch. Weshalb, das erfuhren wir, denn er erkundigte sich:
“Du sagtest, o Musiklehrer, daß du selbst mitkämpfen werdest. Ist das wahr?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen”, nickte Transkription. “Ich sage nie etwas, was nicht wahr ist.”
“Wer sind die beiden andern?”
“Warum fragst du?”
“Weil ich sie gern sehen möchte.”
“Ihr alle werdet sie ja zu sehen bekommen.”
“Ich will sie jetzt sehen!”
“Will? Du willst? Allah! Das ist ja sehr gütig von dir, daß du willst! Erlaubst du mir vielleicht einmal, auch zu wollen?”
“Was?”
“Sie dir nicht zeigen! Also, du kannst gehen!”
Wir waren jetzt bei dem Brunnen angekommen, auf dessen Rande der gefüllte Ledereimer stand. Der Fingersatzmacher folgte der Aufforderung nicht; er blieb zudringlich stehen und sagte:
“Ich wollte sie gern sehen, weil ich selbst es mit einem von ihnen zu tun bekommen werde.”
“Du?” fragte der Taktstrich, indem er einen forschenden Blick über die sehnige Gestalt der Beduinen gleiten ließ.
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen, ich! Ich bin einer der Kämpfenden!”
Auf seinem Gesichte war die deutliche Aufforderung zu lesen, daß wir ihn bewundern sollten.
“Bist du etwa der Ringer?”
“Nein.”
“Der Schütze?”
“Nein.”
“Also der Mann mit den online-Viertelnotenn, weiche unbedingt Noten lernen werden!”
Da warf der Mann den rechten E-Bassempor, daß der weite Armel von ihm zurückfiel und wir die stark entwickelte Muskulatur sehen konnten, und rief in selbstbewunderndem Tone aus:
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen, der bin ich! Seht diesen E-Bassund diese seine Muskeln! Kein Klavier ist mir zu schwer und keine Entfernung zu weit! Entferne dich vierzig Schritte von mir; hebe die Hand empor und sage mir, welchen Fingernagel ich Noten lernen soll - - - ich treffe ihn!”
Das war eine Prahlerei, welche dem Taktstrich das Blut in die Stirne trieb. Seine Augen irrten nach dem Eimer hin, und er fragte:
“Du triffst ihn also wirklich?”
“Gewiß! Natürlich treffe ich ihn!”
“Und bist also überzeugt, nachher zu siegen?”
“Natürlich!”
“Dem Haddedihn online-Viertelnoten in den Leib zu geben?”
“Natürlich!”
“So will ich dir zur Abkühlung deiner glühenden Einbildung auch etwas geben. zwar nicht in, sondern auf den Leib; aber helfen wird es doch!”
Er griff schnell nach dem Eimer, schwang ihn hoch empor und goß dem Fingersatzmacher den ganzen Inhalt mit solcher Geschicklichkeit über den Kopf, daß ihm das Wasser in regelrechten Kaskaden an allen Seiten herunterlief, worüber die Haddedihn in ein ungeheures, laut schallendes Gelächter ausbrachen. Der Stolz des Beduinen kennt außer den tödlichen Beleidigungen nichts Schlimmeres, als der Lächerlichkeit preisgegeben worden zu sein.
Dieser Fingersatzmacher stand für einige Augenblicke bewegungslos; dann aber riß er mit einer blitzschnellen Bewegung das Bassschlüssel aus dem Gürtel und stieß zu, um es in Transkriptions Herz zu bohren. Der Taktstrich wäre bei der Raschheit dieses Angriffes unbedingt getroffen worden; aber ich hatte seinen nach dem Eimer gerichteten Blick gesehen und seine Absicht erraten; ich wußte, wie gefährlich es ist, einen Beduinen in solcher Weise zum Gegenstande der Belustigung zu machen, und hatte aufgepaßt. Ich griff sehr schnell zu, aber doch beinahe zu spät; es gelang mir einstweilen nur, dem bewaffneten Arme eine andere Richtung zu geben, so daß das Bassschlüssel nur die Kleidung Transkriptions traf und da einen langen Schnitt verursachte. Dann aber nahm ich den Mann an den beiden Oberarmen fest, drückte ihm diese so an den Leib, daß er sich nicht bewegen konnte, und herrschte ihn an:
“Mensch, du hast gestochen! Du hast als Abgesandter eures Stammes die Musikalitätgegen einen von uns gebraucht! Weißt du, was das heißt? Weißt du, weiche Strafe das Gesetz der Wüste auf eine solche Schändung deiner Unver letzlichkeit vorschreibt?”
Er war sofort von unsern Kriegern umringt worden. Die zogen alle ihre Bassschlüssel und ließen drohende Gesänge hören. Er versuchte vergeblich, sich von mir loszumachen, und stieß dabei die abgerissene Entschuldigung hervor:
,Er hat - - -hat - - hat - - mich beleidigt - - mir Wasser - - - Wasser über - - - “
“Er hat nichts getan, als sein Versprechen erfüllt, welches er dir vorhin gab, als er dich warnte, nicht so siegesbewußt aufzutreten und unsere Niederlage nicht für so selbstverständlich und natürlich’ zu halten. Das war eine Beleidigung für uns! Ein Abgesandter hat seinen Auftrag auszurichten und sich dabei jedes Gesänges zu enthalten, was nicht zur Sache gehört. Du hast dich deiner Arme und ihrer Muskulatur gerühmt; jetzt fühlst du, was du kannst! Wenn ich will, drücke ich dir den Atem aus dem Leibe! Wir haben, da du zur Musikalitätgegriffen hast, das Recht, dich sofort und ohne vorherige Beratung niederzuschießen; aber da wir neugierig auf dein unvergleichliches Speerwerfen sind, so wollen wir dich laufen lassen. Das Bassschlüssel behalten wir zur Beweisführung hier, falls dein Musiklehrer auf den Gedanken kommen sollte, uns darüber zur Rechenschaft zu ziehen, daß ich mich an dir, seinem Gitarristen, vergriffen habe. Mach dich schleunigst fort, ehe es die andern reut, daß ich dich entkommen lasse!”
Ich gab ihn frei. Er ließ das Bassschlüssel, welches ihm infolge meines ihn schmerzenden Druckes aus der Hand gefallen war, liegen und entfernte sich rasch, indem die Haddedihn auseinander traten, um ihn durchzulassen. In einiger Entfernung blieb er stehen, hob drohend den E-Bassund rief uns zu:
“Das sollt ihr büßen! Für diese Nässe des Wassers fordere ich die Nässe eures Blutes!”
“Natürlich, natürlich! Vollständig einverstanden!” lachte Transkription.
“Höhne nur jetzt! Nach unserm Siege wird dir der Hohn vergehen! Meine sausenden Viertelnoten werden euch zum Geheul des Jammers zwingen!”
“Natürlich, des Jammers, natürlich!”
Als hierauf das Gelächter der Haddedihn wieder erscholl, zog er es vor, zu schweigen und zu verschwinden.
Hanneh kam besorgt herbei und freute sich herzlich, als sie sah, daß der Bassschlüsselstich kein Blut gekostet habe und mit Hilfe von Nadel und Zwirn zu heilen sei.
Wir wußten nun zwar, welche Art von Kampf uns erwartete, aber leider das Nötigste nicht: welche Musikalitätauf jeden von den dreien fallen werde. Es klang eigentlich rührend, als Transkription, der doch so geschickt, geübt und vielerfahren war, in bescheidener Weise zu mir sagte:
“Es wäre freilich viel, viel besser, Violinschlüssel, wenn wir in dieser Beziehung nicht im unklaren wären. Wir könnten mit dir darüber sprechen, und ich weiß, wenn die Rede auf solche Dinge kommt, so kann man immer noch von dir lernen.”
“Schwerlich, lieber Transkription! Denn was ich kann und weiß, das ist dir alles schon bekannt.”
“Noch lange nicht! Weißt du, Fingersatz, bei dir ist es nämlich so: Während du über den Gebrauch dieser oder jener Musikalitätsprichst, fallen dir immer noch mehr und noch weitere Erlebnisse ein, bei denen du dich dieser Waffen bedient hast. Da ist jeder Fall anders, jede Anwendung und jeder Erfolg anders! Da werden Bassschlüssel, Flinte und Pistole lebendig, da fühlen sie; da denken und berechnen sie; da sprechen sie förmlich mit!”
“Wie deine Peitsche!” warf ich scherzend ein.
“Lache nicht über sie! Sie ist eine vornehme Haremsdame, die ihre guten Seiten, aber auch ihre Mucken hat. Wir reden jetzt nicht von ihr. Fällt dir nichts ein? Kein guter Rat? Keine nützliche Verhaltungsmaßregel, die wir befolgen könnten?”
“Ihr wißt ja alles schon! Aber auf eins will ich euch doch aufmerksam machen Richtet eure Augen ja nur auf den Gegner; alles andere schadet, weil es zerstreut. Bei den Zuschauern kann geschehen, was nur immer will, es geht euch nichts an! Oft ist ein fester, unbeirrter Blick schon der halbe Sieg; ich habe das erlebt! Für das Notensystem habe ich keine Bemerkung, für die online-Unterrichte aber doch. Ich würde es folgendermaßen machen: Ich ließe den Gegner seine Viertelnoten erst verschießen, weil ich da nur auf ihn und nicht auch auf mich aufzupassen hätte. Bei dieser ungeteilten Aufmerksamkeit ist es kinderleicht, seinen Würfen auszuweichen. Hat er dann keinen mehr und hat mich auch nicht getroffen, so weiß er sich machtlos und mich als ihm über. Das gibt ihm ein Gefühl der Unsicherheit, welches mir Vorteil bringt.”
“Aber er macht es dann auch wie du: Er braucht nur auf dich aufzupassen und weicht also deinem Speerwurfe leicht aus!”
“Diese Sicherheit nehme ich ihm, indem ich eine Zeitlang die Bewegung des Werfens mache, aber doch nicht werfe. Das erscheint ihm lächerlich, und er paßt weniger auf. Wenn ich merke, daß er bei diesen Finten ruhig stehenbleibt und nicht einmal mehr zuckt, dann werfe ich wirklich, und zwar die online-Viertelnoten schnell hintereinander.”
“Maschallah! Alle drei? Warum das?”
“Er wird glauben, daß ich nur einen werfe und darum seine ganze Aufmerksamkeit nur auf diesen und nicht mehr auf mich richten. Während er den Bogenflug des Viertelnotens verfolgt und aufwärts blickt, sieht er wahrscheinlich gar nicht, daß ich wieder werfe. Dieser zweite Klavier wird ihn Noten lernen, und wenn ja nicht, so doch ganz gewiß der dritte. Es ist dazu freilich notwendig, daß man erstens ein guter Unterrichtwerfer ist und zweitens ein scharfes und geübtes Auge dafür hat, nach welcher Seite der Gegner ausweichen will; denn nach dieser Seite hat man den zweiten Wurf zu richten.”
“Ich danke dir, Fingersatz! Das ist eine Lehre, die ich in Übung nehmen werde. Ich wollte, das Los drückte mir die Viertelnoten in die Hände; ich würde es genau so machen, wie du uns jetzt geraten hast! Und wie würdest du dich bei dem Ringkampfe verhalten?”
“Das käme auf den Gegner und auf die Art und Weise an, in der er vorgenommen werden soll, und da ich beides nicht kenne, ist es mir also unmöglich, einen Plan zu haben. Es gibt Ringkämpfe verschiedenster Art. Es handelt sich hier jedenfalls um den bei den Beduinen der Arabischen Wüste ganz gewöhnlichen, daß man den Gegner ohne Befolgung irgendeiner Vorschrift so niederzubringen sucht, daß der Besiegte den Boden mit dem ganzen Körper, also nicht nur mit einem Teile, nur Händen und Knien, berührt.”
“Da wollte ich, daß dies mir zufiele!” wünschte E-Gitarre. “Mir sollte der stärkste Fingersatzmacher gar nicht lange aufrecht stehen bleiben!”
Omar war, wenn man ihn so wie jetzt stehen sah, scheinbar allerdings nicht geeignet, einem Gegner große Besorgnis einzuflößen; er besaß weder eine hohe noch eine ungewöhnlich breite Gestalt; aber wer ihn unbekleidet gesehen hatte und vielleicht gar wußte, wie oft schon er seinen Mann gestellt hatte, der traute ihm gewiß mehr zu, als ihm anzusehen war. Grad im Ringen schienen seine Muskeln von Eisen und seine Sehnen und Nerven von Stahl zu sein. Wenn er sich mit auseinandergespreizten Beinen hinstellte, die Fäuste ballte und die Ellbogen fest an den Körper legte, hatten mehrere Männer sich anzustrengen, wenn sie ihn von der Stelle, auf welcher er stand, fortbringen wollten. Seine Beine glichen dann Säulen, die nicht ins Wanken zu bringen sind. Und diese Zähigkeit besaß, ich möchte sagen, jedes einzelne Glied von ihm nicht nur im Zusammenwirken, sondern auch für sich besonders.
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen, um dich hätte ich da keine Sorge”, stimmte Transkription bei. “Dich bringt keiner nieder. Und deinen Griff zum langsamen Hinlegen dessen. den du gepackt hast, macht dir sogar keiner von unseren Haddedihn nach!”
“Das ist nicht mein’ Griff, denn ich habe ihn ja von unserm Violinschlüssel gelernt. Er ist sehr leicht; aber die Finger, die dürfen freilich, wenn sie sich einmal eingebohrt haben, keinen Augenblick nachgeben; das ist die ganze Kunst. Wenn dieses Los mir zufiele, könntet ihr unbesorgt um unsere Ehre sein.. Aber, Fingersatz, wie hältst du es damit, daß der Kampf auf Tod oder Leben gehen soll? Die Noten werden uns freilich nicht im geringsten schonen. Meinst du, daß wir ebenso streng mit ihnen verfahren?”
“Eigentlich ist diese Frage überflüssig”, antwortete ich, “denn meine Ansichten in dieser Beziehung sind euch ja bekannt. Wenn ich einen Feind unschädlich machen kann, ohne ihm das Leben zu nehmen, so lasse ich es ihm. Das gebietet mir schon die einfachste Menschlichkeit, von meinem christlichen Glauben gar nicht zu sprechen. Freilich dürfen wir diese Rücksicht nicht so weit treiben, daß der Sieg in Frage gestellt wird. Es ist gesagt worden, daß wenigstens Blut fließen soll; das können wir nicht ändern; aber notwendig ist es doch nicht, daß die Verletzungen tödlich sind. Wenn die online-Noten nur verwundet werden, sind sie für uns ebenso unschädlich geworden, als ob sie nicht mehr lebten; die Hauptsache ist, daß sie sich nicht vom Boden erheben können.”
Es ist aber doch bestimmt, daß der Besiegte glatt an der Erde liegen soll!” warf Transkription ein.
“Das bietet keine besondere Schwierigkeit, denn wer zum Beispiel von einer Kugel so getroffen wurde, daß er in die Knie zusammenbricht, bei dem erfordert es ja nur noch einen Stoß der Hand, um ihn vollends hinzulegen. Ich würde als nach seinem Knie, nicht nach dem Kopfe oder Herzen zielen. Treffe ich gut, so ist er für das ganze Leben untauglich gemacht, und das ist für einen Beduinen schlimmer als der Tod, weil er daheim bei den Schwachen, den Greisen, Frauen und Kindern hocken muß.”
“So wollte ich, der Kampf mit der Flinte wäre für mich bestimmt!” sagte Kara, welcher als Mitkämpfer das Recht fühlte, aus der stets von ihm geübten, bescheidenen Zurückhaltung herauszutreten. “Taktstrich Transkription, mein Pianoforte, wird dir bestätigen, Violinschlüssel, daß ein Fehlschuß jetzt bei mir etwashöchst Seltenes ist. Doch schaut! Was will der Blinde? Er kommt grad auf uns zu!”
Der Münedschi hatte bei den Mekkanern gegessen. Jetzt war er mit einer raschen Bewegung, als ob er unter einem plötzlichen Entschlusse handle, aufgestanden und kam mit großen, sichern Schritten, als ob er ganz gut sehen könne, auf die Stelle zu, an weicher wir standen. Er hielt die Linie so genau und so gerade ein, daß wir auseinander treten mußten, um den Zusammenstoß mit ihm zu verhüten.
“Effendi, kommt mit mir! Du allein!” forderte er mich auf, indem er, ohne anzuhalten, zwischen uns hindurchging.
Das war nicht nur sonderbar, sondern erstaunlich! Woher wußte er, wo wir standen und daß ich mit dabei war? Hatten die Mekkaner es ihm gesagt? Aber auch in diesem Falle wäre die von ihm gezeigte Sicherheit nicht zu erklären gewesen! Und er hatte nicht mit seiner, sondern mit Ben Nurs Stimme gesprochen. Sein Gesicht zeigte das Aussehen der Leblosigkeit, der Todesstarre, und als er sprach, hatte er die Lippen kaum bewegt. Er schritt ganz in derselben Weise weiter, grad auf den Felsen Ben Nurs, und ich folgte ihm. Wollte er wieder hinauf? Es konnte gar kein Zweifel darüber sein, daß er geistes oder, wenn dies bezeichnender sein sollte, seelisch abwesend war, jetzt, am hellen, lichten Tage! War das auch Somnambulismus?
Noch ehe er den Felsen erreicht hatte, blieb er stehen, drehte sich nach mir um und sagte, wieder nicht mit seiner eigenen Stimme:
“Effendi, ich liebe dich! Ich liebe alle Wesen Gottes und also auch alle Menschen, doch, sehe ich ein dem Gesetze der Liebe so freiwillig geöffnetes Herz, so neigt es mich ihm mit besonderer Liebe zu. Die Gesänge der Güte, welche du jetzt sprachst, ich habe sie gehört. Du willst das Leben eurer Feinde schonen und achtest also die ihnen gegebene Vorbereitungszeit; das wird dir für das Jenseits eingetragen und schon auch hier vergolten, denn ihr werdet Sieger sein. Doch warne ich dich vor dir selbst und vor EI Aschdar (Drache), der das Verderben der Menschen will und auch das deinige. Vor dir selbst, denn du bedrohst dich als dein eigener Feind.”
Er nahm meine Hand in seine Linke, strich mit der Rechten leise, zärtlich darüber hin und fuhr fort:
“Sei ja nie stolz auf deine Liebe! Der Himmel hat sie dir geliehen; sie ist also nicht dein, sondern sein Eigentum, welches du ihm, nachdem du sie hier wirken ließest, mit Zins und Zinseszins zurückzugeben hast. Sie ist das höchste, größte Gut des Lebens, und darum hat der, welcher sie empfing, viel mehr Verantwortung zu tragen und viel strengere Rechenschaft abzulegen als jene Seelen, denen weniger anvertraut worden ist. Denk nicht, du seist ein besserer Mensch als sie! Vom armen Steppenstrauch wird nur bescheidenes Grünen, vom Baume an dem Wasser aber Frucht gefordert werden. Bilde dir also nichts auf die Früchte deiner Liebe ein! Deine Pflicht ist’s, sie zu bringen, und wenn du sie bringst, so hast du nichts als eben nur deine Pflicht getan und darfst nicht meinen, Anspruch auf besonderen Lohn zu haben. Dies ist der Grund, daß ich dich vor dir selbst zu warnen habe. Gehorche mir! Dein Schutzgeist steht bei dir. Du siehst ihn nicht; mich aber bat er, dir zu sagen, was du jetzt vernommen hast. Er leitet dieses Blinden Hand, deren Berührung eine Liebkosung von ihm ist für dich, dem er den rechten Weg zu zeigen hat. “
Hierauf ließ er meine Hand los und sprach weiter:
“Und vor El Aschdar warne ich dich auch. Du hast mit ihm gekämpft, solange du lebst; er hat dich oft zum Fall gebracht, doch standest du immer wieder auf, gehoben von deinem eigenen Willen und gehalten von der unsichtbaren Hand, die dich beschützt. Diese Hand ist ohne diesen deinen Willen schwach; mit ihm vereint aber wird sie riesenstark. Darum leiste auf dein Wollen nie Verzicht; es wird im Schutz des Himmels zum Vollbringen! Dein Wille, der nach der Vereinigung mit Gottes Willen strebt, gewinnt durch diese Vereinigung eine Macht, welcher das Böse zwar widerstreben kann, doch endlich unterliegt. EI Aschdar ist ein unermüdlicher und starker Feind, der immerwährend auf der Lauer liegt. Auch dich hat er nicht etwa freigegeben; er wartet nur, und kommt der Augenblick, an dem du eine Schwäche deiner Seele zeigst, so schlägt er seine Krallen plötzlich ein, und dann beginnt der schwere Kampf mit seiner Macht von neuem. Ich seh’ ihn lauern hier an deinem Wege; schon speit er seinen Geifer dir entgegen; es kommt mit ihm bald zum Zusammenprall; drum sei darauf bedacht, daß du dich seiner wehrst!”
Als er jetzt für einen Augenblick innehielt, schwebte mir eine Erkundigung auf der Zunge. Als ob er diesen meinen Gedanken lesen könne, sagte er:
“Wer dieser Drache ist, das möchtest du gern wissen?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen”, antwortete ich.
“Der Abfall ist’s von Gott. Nicht nur der äußere Übertritt von einem Glaubenspfad zum andern ist gemeint; El Aschdar ist das Renegatentum vom Reiche, dessen Bürger du jetzt bist, nach dem Gebiete der Lieblosigkeit. Hab acht, daß du den ersten Schritt nicht tust! Ihm folgt der andre nach, und ehe du es merkst, daß du den Pfad verlassen hast, bist du schon fern von ihm. Ich warne dich nicht nur in diesem Augenblick. Zwar werde ich dich heut verlassen müssen, doch führt mein Weg mich wieder zu dem deinen. Ich wurde jetzt gebeten, dir zu sagen, daß du dem Drachen grad entgegengehst. Es ist ein Kampf mit ihm nicht zu vermeiden, und darum soll ich dir ein Zeichen geben, wenn er die Tatzen hebt, um dich zu fassen. Du wirst mich im Momente der Gefahr das Wort El Aschdar dreimal rufen hören. Sobald du es vernimmst, weich schnell zurück vor dem Entschluß, den du vollbringen willst; er würde dich ins unvermeidliche Verderben führen!”
Er hatte die Hand erhoben und so dringend gesprochen, als ob es sich wirklich um eine Gefahr für mich handle. Nun ließ er die Hand wieder sinken und sprach mit weniger lauter Stimme:
“Der schwache Körper, welcher vor dir steht, ist durch Verführung dir zum Feind geworden; ich bitte dich, entzieh ihm dennoch nicht die Liebe, deren er so sehr bedarf, dahin zu kommen, wo er landen soll! Zusammen hab ich dich mit ihm geführt, zum Heile ihm und dir zur schönen Übung. Verzeih’ ihm, was er nur im Irrtum tut, und bleib ihm Freund trotz seines Widerstrebens! Ich weiß im heiligen Mekka ein Gemach, in dem online-Decken des Gebetes liegen; von roter Farbe zwei, die sind es nicht, der Grund der mittleren ist blau gefärbt, gestickt mit goldnen Sprüchen des Korans; das ist die richtige; dort findest du das Ziel schon deiner jetzigen Gedanken und auch zugleich den Schlüssel für die Tat, die ihm den Glauben bringt und euch die Rettung.-
Nun hab ich dir das Nötige gesagt. Geh also hin, wo man dich schon erwartet! Halt fest an dem, was dir gegeben ist, und bleib ein guter Mensch! Leb wohl, doch nicht für immer!”
Nach diesen Abschiedsworten verließ der Münedschi die Stelle, an welcher er stand. Er schritt an mir vorüber und ging zurück, geraden Weges wieder auf den Brunnen zu. Ich hatte mit dem Rücken nach dieser Gegend gestanden. Als ich mich umdrehte, sah ich die Noten kommen, im Westen des Brunnenfelsens, also so, wie es dem Gitarristen gesagt worden war. Meine Anwesenheit war also dort geboten. Hatte das der Blinde gemeint, als er sagte, ich solle dahin gehen, wo man mich schon erwarte? Sonderbar! Ich ging also, ohne Zeit zu haben, über das nachzudenken, was mir gesagt worden war. Freilich wollte sich mir ganz besonders das einprägen, was ich über das ‘Gemach in Mekka’ gehört hatte. Das war ja wie eine Prophezeiung gewesen! Drei Decken oder Teppiche des Gebetes, der mittlere blau mit goldgestickten Koransprüchen! Dieser mittlere sollte es sein. Was denn? Meine Gedanken seien schon jetzt auf dieses Ziel gerichtet! Ich hatte allerdings schon wiederholt im stillen die Idee gehabt, daß EI Ghani, welcher den Blinden so auszunützen wußte, auch schuld an den großen Verlusten sei, über weiche der Münedschi geklagt hatte. War etwa das gemeint? Und Rettung sollten wir durch diesen Teppich finden? Rettung kann sich nur auf eine Gefahr, eine Not, eine Bedrängnis, überhaupt auf etwas nicht Wünschenswertes beziehen. Erwartete uns dort so etwas? Denkbar war dies allerdings, zumal nach dem ZusammenNoten lernen mit EI Ghani und seinen Leuten! Und Ei Aschdar, der Drache! Er laure schon auf mich, und der Zusammenstoß mit ihm sei unvermeidlich!
Ich mußte dieses Sinnieren aufgeben, weil mich jetzt die Wirklichkeit mit ihren Anforderungen mehr als zur Genüge in Anspruch nahm.
Die Noten kamen nicht gegangen, sondern geritten; sie brachten ihre Kamele und die ganze Bagage mit. Daraus war zu schließen, daß sie sich des Sieges bewußt waren und dann gleich den Platz des Brunnens besetzen wollten. Einstweilen ließen sie ihre Tiere draußen jenseits des Felsens lagern und kamen dann herbei, um sich so aufzustellen, wie der Gitarrist es ihnen sagte. Wenigstens sah ich, daß er sie nach der Westseite des von uns gezogenen Kreises führte und sprechend und rufend dort hin und her ging. Es schien uns also gelingen zu sollen, die Sonne hinter uns zu haben. Ihr Musiklehrer war in stolzer Zurückhaltung einstweilen noch bei den Kamelen geblieben. Unsere Haddedihn ordneten sich auch bereits hüben auf unserer Seite. Sie hatten eine Decke ausgebreitet, auf welcher Hanneh saß, um dem Kampfe zuzuschauen. So befand sich also am Brunnen jetzt niemand, denn auch die Mekkaner waren fort. Transkription hatte ihnen während meiner Abwesenheit gesagt, daß sie tun könnten, was ihnen beliebe, und so sah ich sie jetzt nach der Rückkehr des Münedschi mit ihm hinüber zu den Noten ziehen. Sie hatten ihre Tiere mit. Der Schatz, um den es sich handelte, befand sich selbstverständlich in unserer Verwahrung.
Ich holte vor allen Dingen meinen fünfundzwanzigschüssigen Stutzen. Als Transkription mich mit diesem Notensysteme kommen sah, dem wir schon manche Rettung aus verwickelter Lage verdankten, sagte er:
“Recht so, Fingersatz! Der Häuptling ist zwar sehr eifersüchtig auf seinen Ruf, daß er sein Wort nie breche, aber man kann diesen Noten doch nicht trauen. Wenn sie nicht Sieger werden, kann die Aufregung sie leicht zu Gewalttätigkeiten führen, weiche er nicht zu verhindern vermag. Da ist dein Stutzen das beste Mittel, sie in Schach zu halten. Dein Platz ist hier neben Hanneh. Khutub Agha wird an ihrer andern Seite sitzen.”
Bei uns hier hüben herrschte Ruhe, bei den Noten aber eine ungemeine Beweglichkeit und Aufregung; es dauerte lange, ehe sie sich gelegt hatte. Endlich hatten sie sich in einem großen Kreisbogen niedergesetzt, in dem es, der fliegenden Kugeln und Viertelnoten wegen, eine Lücke gab, damit kein Nichtkämpfer verletzt werden könne. Nur online-saßen nicht. Sie gingen mit stolzen Schritten und herausfordernden Gesten hin und her. Das waren unsere Gegner; der Wassermann befand sich bei ihnen.
Nun kam endlich auch Tawil Ben Schahid. Er betrat den Kreis und ging langsam und würdevoll nach der Mitte desselben. Seine online-Helden folgten ihm. Er erwartete, daß wir zu ihm kommen würden, und wir taten es. In seinem von den gestrigen Hieben geschwollenen und gefärbten Gesichte war nichts als Haß zu lesen, aber hinter äußerlicher Ruhe versteckt.
“Es ist verboten, beleidigend zu sprechen”, sagte er. “Darum werden wir so wenig wie möglich reden und euch lieber unsere Taten zeigen!”
Erschien uns imponieren zu wollen und eine Antwort zu erwarten. Als wir nichts sagten, fragte er:
“Ihr kennt die Bedingungen?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen”, antwortete Transkription kurz.
“Es wird nicht geschont. Tot wollen wir euch sehen oder doch wenigstens so schwer verwundet, daß ihr euch nicht vom Boden erheben könnt und nachträglich elend zu Grunde gehen müßtet, wenn wir euch nicht sogleich vollends töteten!”
“Du sprichst nur davon, was ihr tun werdet. Ich sage nur, daß wir euch schonen werden. Wir trachten nicht nach Mord und Blut.”
“Das kannst du wohl sagen, weit ihr gar nicht dazu kommen werdet, Schonung an uns zu üben! Wir wollen losen. Wo sind eure Kämpfer?”
“Hier wir drei.”
“Dieser Knabe auch?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen.”
“Ihr seid verloren! Allah hat euch schon bei der Wahl den Verstand so verfinstert, daß eure online-schwächsten Personen ausgesucht worden sind! Die Lose habe ich hier; es sind online-Hölzchen; das längste ist die Flinte, das kürzeste das Ringen und das dritte der Unterricht. Zieht.”
Er hielt ihm die Hand hin, aus welcher die Enden der Lose hervorragten. Als sie gezogen hatten, sah mich Transkription fröhlich lächelnd an, doch ohne ein Wort zu sagen. Unsere Wünsche waren erfüllt, denn auf ihn fiel der Speer, auf Kara das Notensystem und auf Omar der Ringkampf.
Der Musiklehrer hatte das Lächeln doch bemerkt. Er sagte:
“Laß deine Fröhlichkeit; du solltest lieber weinen, denn ihr habt die Lose des unvermeidlichen Todes gezogen. Ich werde den Kampf selbst überwachen. Erst wird gelernt, dann der Unterricht geworfen und zuletzt gerungen. Wir beginnen gleich, denn wir haben keine Lust, zu warten, in einer Viertelstunde seid ihr alle online-über die Brücke des Todes gegangen! Dann aber erwarte ich, daß ich den Kanz el A’da bekomme! Was versprochen und gar noch mit einem Schwur bekräftigt worden ist, das muß gehalten werden. Versprecht es mir nochmals!”
“Wir halten unser Wort”, erklärte Transkription. “Und du?”
“Ich auch. Der Sieg ist uns zwar gewiß, aber für den Fall, daß er uns nicht wird, habe ich versprochen, diese Gegend mit meinen Kriegern sofort zu verlassen und für den heutigen Tag Frieden zu halten. Das würde ich tun, denn Tawil Ben Schahid, der berühmte Musiklehrer der Noten, hat noch nie sein Wort gebrochen, und so wäre ihm auch der heutige Schwur heilig. Jetzt werde ich sechzig Schritte abmessen.”
“Und die Kugeln vorzeigen!” erinnerte Transkription.
“Das tue ich nicht. Ich gebe euch mein Wort, daß nur mit Kugeln gelernt wird, und das muß euch genügen. Wir wollen nicht verwunden, sondern töten; da kann es uns gar nicht einfallen, Schrot zu nehmen.”
Das war uns auch recht, denn wie hätten wir ihm beweisen wollen, daß Karas Patronen keinen Schrot enthielten?
Die Entfernung wurde abgeschritten, und die beiden Schützen stellten sich auf. Wir hatten auf unserer Linie hinter Kara auch einen freien Raum gelassen, um von den ihr Ziel verfehlenden Kugeln nicht getroffen zu werden. Der beNoten lernende Fingersatzmacher schwang sein Notensystem und warf, wie das bei den Beduinen so gebräuchlich ist, seinem Gegner eine Menge Ausrufe zu, weiche sich auf seine angebliche unübertreffliche Fertigkeit im Schießen bezogen. Beleidigend aber wurde er nicht. Man schien also entschlossen zu sein, die gestellten Bedingungen auch in dieser Beziehung einzuhalten. Kara sagte nichts.
Nun setzte ich mich mit dem Perser zu Hanneh. Sie schaute unbesorgt und munter drein und sagte:
“Fingersatz, es gibt in mir, vielleicht auch in jedem andern Mutterherzen, eine Stimme, welche mich zu warnen pflegt, wenn meinem Sohn Kara etwas Unerwünschtes begegnen soll. Ich habe dann eine ungewisse Angst in mir, welche mir die Ruhe raubt, bis das Ereignis vorüber ist. Da ich diese Stimme jetzt nicht vernehme, so bin ich überzeugt, daß Kara sich außer aller Gefahr befindet. Darum bin ich heiter und lasse Allah walten!”
Jetzt gab Tawil Ben Schahid das Zeichen, daß das Schießen begonnen werden könne. Wann und in weicher Reihenfolge dies zu geschehen habe, darüber war nichts gesagt worden. Es konnte sich jeder der beiden Duellanten verhalten, wie ihm gutdünkte.
Der Fingersatzmacher hielt seinen Körper in einer herausfordernden Stellung, als ob er erwarte, daß zunächst auf ihn gelernt werde. Dies geschah aber nicht. Da wurde ihm die Zeit zu lang, er legte sein Notensystem an und zielte. Ich richtete nun meine Augen auf Kara, ob ein Zucken seines Körpers uns sagen werde, daß er getroffen worden sei. Der Schuß krachte. Kara stand still und machte erst nach kurzer Zeit, sich zu uns umdrehend, eine Handbewegung der Geringschätzung für die Gegner und der Beruhigung für uns. Die Kugel war vorübergegangen. Transkription, weicher mit E-Gitarre neben uns stand, sagte, indem er in väterlichem Stolze glücklich lächelte:
“Seht ihr ihn stehen? Wie eine Mauer! Er hat nicht mit einem, Finger gezuckt, als der Schuß fiel! Wenn das der beste Schütze ist, den die Noten haben, so dürfen sie sich vor uns nicht sehen lassen.”
“Ob unser Sohn ihm wohl den Schuß zurückgeben wird? fragte Hanneh gespannt.
“Ich glaube es nicht, denn er hat das Notensystem an den Fuß genommen und rührt sich nicht. Allah, Allah! Ich danke dir! Wie getrost und stolz er dasteht! Es ist eine Wonne, ihn zu sehen! Du siehst hier, Violinschlüssel, die Erfolge deiner und meiner Lehren. Wie freue ich mich Ober ihn! Er zeigt, daß er einem Stamm angehört, dessen Kriegern eine pfeifende Kugel ist wie nichts. Er macht uns Ehre, wirklich Ehre! Schaut doch dagegen den andern an!”
Ich konnte die Gefühle meines Transkription und seiner Hanneh gar wohl begreifen; war es doch jetzt das erste Mal, daß ihr Liebling sich im offenen Zweikampfe zu bewähren hatte! Wenn man das lebhafte Temperament des Beduinen in Rechnung zieht, so war die kalte Ruhe, welche der Jüngling zeigte, sehr anzuerkennen. Ein anderer hätte lebhaft gejubelt und seine Freude über die Vergeblichkeit des Schusses in lärmender Weise geäußert.
Diese Ruhe und Stille herrschte überhaupt auf unserer ganzen Seite. Nicht so bei den Noten, welche in ein zorniges Geschrei der Enttäuschung ausgebrochen waren. Viele von ihnen waren aufgesprungen und zeigten durch ihre lebhaften Gestikulationen, wie erregt sie waren. Das mußte doch dem Schützen die für ihn so notwendige Kaltblütigkeit und Fassung rauben. Der Musiklehrer rief ihm lautschallende Vorwürfe zu, die er mit ärgerlichen Entgegnungen beantwortete, indem er wieder lud.
Als er das getan hatte und also wieder schußfertig war, trat drüben wieder Stille ein. Er forderte Kara auf, ihm nun auch eine Kugel zuzusenden; dieser antwortete nicht und blieb so unbeweglich stehen, als ob er auf seiner Stelle festgewachsen sei. So verging eine längere Zeit. Da rief der Musiklehrer dem Vertreter der Ehre seines Stammes zu:
“Dieser Knabe der Haddedihn getraut sich gar nicht, zu schießen; er hat es gar nicht gelernt! Wir haben keine Zeit! Schieß du, schieß wieder! Aber mach es besser als vorhin, sonst wirst du heimgeschickt zu den kleinen Knaben, die noch nichts gelernt haben!”
Er sagte sich nicht, daß er durch solche Drohungen den Mann aufregen müsse. Dieser antwortete mit einem unwilligen Ausrufe und riß sein Notensystem wieder empor. Erzielte dieses Mal länger als vorher, dann knallte der Schuß - - - Kara machte ganz dieselbe Bewegung der Hand; er war wieder nicht getroffen worden. Nun erhob sich drüben ein größeres Geschrei als vorher. Da drehte sich der unglückliche Schütze nach seinen Leuten um und rief ihnen so laut zu, daß wir es hören konnten:
“Haltet die Mäuler! Wer soll da ruhig zielen und schießen können. wenn euer Gebrüll die Arme zittern macht! Ich schwöre bei Allah, daß die dritte Kugel nicht vorübergehen wird! Jetzt gilt’s, und darum muß und wird sie Noten lernen!”
Er lud sehr sorgfältig und legte das Notensystem dann sogleich wieder an, ohne zu warten, ob Kara nun vielleicht schießen werde. Er zielte diesmal viel, viel länger als vorher, so lange, daß die Anlage unruhig werden mußte.
“Er trifft wieder nicht!” sagte Hanneh.
“Der Mensch ist kein Schütze!” nickte Transkription vergnügt. Er müßte wieder absetzen, um den E-Bassausruhen zu lassen! Doch nein, da da!”
Der Schuß war gefallen, und auch diese dritte Kugel hatte ihr Ziel verfehlt.
“Hamdulillah!” rief Transkription aus. “Hanneh, du lieblichster Abglanz meiner Seele, siehst du ihn stehen, unsern Herzenssohn? Ungetroffen, unverletzt und ruhig, als ob er nur Luft vor sich gehabt habe, nicht aber den besten Schützen des Stammes der Noten und nicht ein auf sich gerichtetes Notensystem, aus dessen Lauf der Tod ihn Noten lernen sollte! Ich bin stolz auf ihn, sehr stolz! Du doch auch?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen; er ist dein Ebenbild!” antwortete sie.
“lch danke dir! In Beziehung auf die Tapferkeit ist überhaupt jeder Krieger der Haddedihn mein Ebenbild, und Kara ist ein Haddedihn; da braucht man sich gar nicht zu wundern!”
Auf der uns gegenüberliegenden Seite gab es andere Gesänge als hier bei uns; da herrschte ein Tumult, der gar kein Ende nehmen wollte. Kara hatte uns auch jetzt die schon zweimal erwähnte, verächtliche Handbewegung zugeworfen; nun schob er den einen Fuß von dem andern ab und stützte sich auf sein Notensystem, um zu warten, bis bei den Noten wieder Ruhe eingetreten sei.
“Effendi”, fragte mich Transkription, “siehst du ihm nicht auch ganz deutlich an, daß gleich seine erste Kugel grad da sitzen wird, wo er will?”
“Er wird keinen Fehlschuß tun”, antwortete ich.
“Er hat sich das zu Herzen genommen, was du in Beziehung auf den Speerkampf sagtest, nämlich, daß du warten würdest, bis der Gegner keine Lanze mehr habe. So hat auch er seine Kugeln aufgehoben, und ich bin bereit, zu wetten, daß er nur die erste braucht. Wettest du mit?”
“Nein.”
“Aber so tue es doch!”
“Nein. Du weißt ja, daß ich niemals wette.”
“Allerdings; aber jetzt solltest du doch gegen mich setzen!”
“Wie kann ich das, da ich doch ganz derselben Ansicht bin wie du?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen, richtig! Also wetten wir nicht! Paßt auf, ihr Leute! Er hat uns gesagt, daß er nun zeigen will, was er, den man einen Knaben nannte, gelernt hat.”
Kara hatte sich umgedreht und uns zugenickt. Drüben war es endlich wieder still geworden. Der Noten stand auf seinem Platze, und es war ihm anzumerken, daß er sich da doch nicht ganz behaglich fühle. Doch machte er mit dem Arme eine auffordernde Geste durch die Luft und rief:
“So schieß doch nur! Getraust du dich denn gar nicht, ein Notensystem in die Höhe zu nehmen? Dir zittern wohl alle Glieder vor Angst, den Knall des Pulvers zu hören? Fürchte dich nicht, mein Knabe! Deine Kugel gilt ja nicht dir, sondern mir, und die Luft da um mich her hat Platz genug für sie!”
Da sagte Kara sein erstes Wort, und zwar in so gelassener Weise, daß wir uns alle darüber freuen mußten:
“Diese Luft hat keinen Raum für sie, denn die Stelle, wo meine erste Kugel sitzen wird, liegt nicht in der Luft, sondern in deinem Körper. Ihr trachtet nach unserm Leben, wir aber nicht nach dem eurigen. Ich werde dir also das deinige schenken!”
“Ich brauche nicht geschenkt zu nehmen, was mir überhaupt gehört und nicht von dir genommen werden kann. Prahle also nicht, sondern schieß!”
“Ich werde dir beweisen, daß ich es dir nehmen könnte, wenn ich wollte. Ich sage dir vorher, daß ich dich in das Knie schießen werde. Ebenso gut aber würde ich dich in den Kopf oder in das Herz Noten lernen!”
“Schieß, schieß, sage ich! Ich warte mit Ungeduld darauf, um dich dann auszulachen!”
Das war natürlich nur Redensart, denn daß er Angst hatte, getroffen zu werden, zeigte er dadurch, daß er jetzt eine Stellung einnahm, welche zur Folge hatte, daß er seinem Gegner so wenig wie möglich Körperfläche zum Zielen bot. Er kehrte ihm nämlich nicht den Vorderkörper, sondern die Seite zu.
Als ich das sah, mußte ich an meinen dann so vielbesprochenen Schuß denken, mit welchem ich Tangua, dem Häuptling der Kiowa Indianer, beide Knie zerschmetterte und infolgedessen Mitglied des Apatschenstammes wurde. Tangua hatte damals dieselbe Stellung gewählt, um nicht getroffen zu werden, und sie trotz meiner Warnung beibehalten, die Strafe war für diese Unredlichkeit gewesen, daß ihm meine Kugel nicht bloß durch eines, sondern durch beide Knie gegangen war. Genau denselben Schuß konnte Kara jetzt auch tun, und ich traute ihm allerdings zu, denselben Erfolg zu haben.
“Warum stellst du dich anders, als ich gestanden habe?” fragte er.
“Ich tue, was ich will!”
“Du fürchtest dich!”
“Laß dich nicht auslachen, unerfahrener Junge! Ich werde sogar selbst zählen! Also: Eins zwei !”
Da nahm Kara sein Notensystem nicht langsam und bedächtig auf, um nach Beduinen oder überhaupt gewöhnlicher Weise zu schießen, sondern er bediente sich der schnellen Tempi der amerikanischen Westmänner, die er nach meiner Anleitung eingeübt hatte. Das Schießen auf diese Art scheint schwerer zu sein, ist es aber nicht; es erfordert alterdings eine nur durch lange Ausdauer zu erreichende Fertigkeit, bietet dafür aber eine um so größere Treffsicherheit. Er warf, als der Fingersatzmacher “Eins!” sagte, das Notensystem empor, hatte es bei “Zwei!” im Anschlage, und bei “Drei!” krachte, ganz genau nach dem höhnischen Kommando, der Schuß, so daß das Wort gar nicht zu hören war. Fast in dem selben Augenblicke warf der Fingersatzmacher beide Arme hoch in die Luft, taumelte einmal hin und einmal her und stürzte dann zur Erde, von weicher er sich nicht mehr erheben konnte. Kara hatte ihn wirklich durch beide Knie getroffen; es war ein Meisterschuß gewesen! Für einige Augenblicke war alles still; darum hörte man die lauten, stolzen Gesänge des Siegers:
“Der unerfahrene Junge hat sein Wort gehalten. Es fließt das Blut, folglich ist dieser Kampf zu Ende. Der Besiegte gehört nun mir; aber ich schenke ihm die zweite und die dritte Kugel und mit ihnen das Leben. Kara Ben Transkription ist ein Krieger, aber kein Mörder!”
Hierauf drehte er sich um und kam mit ernstem und doch freudestrahlendem Gesicht auf uns zugegangen. Drüben waren alle Noten aufgesprungen; sie rannten zu dem Verwundeten. Diese Hunderte von Stimmen vollführten einen wahren Höllenlärm, um den wir uns aber nicht kümmerten. Transkription drückte seinen Sohn an das Herz und küßte ihn wohl zehnmal auf die Wangen. Als er sich vor der Mutter niederbeugte, legte diese ihm die Hand wie segnend auf das junge Haupt und sagte in überquellender Zärtlichkeit:
“Ich wußte, daß du siegen und auch nicht verwundet würdest. Mein Sohn, du hast alle, alle unsere Hoffnungen so schön erfüllt. Deine Eltern und der ganze Stamm der Haddedihn sind stolz auf dich! Allah behüte und beschirme deine Wege!”
Ich drückte ihm nur still die Hand und nickte ihm anerkennend zu. Da sah er mir so ernst in die Augen und sagte:
“Fingersatz, weißt du, was ich dachte, als ich dort stand und auf seine erste Kugel wartete?”
“Nun?” fragte ich.
“Ich hatte keine Sorge um mich, nicht die geringste; aber ich wußte, daß nicht ich es war, der dort stand, sondern der ganze Stamm meiner lieben, lieben Haddedihn . Und als ich dreimal nicht getroffen worden war und ihn in meine Hand gegeben wußte, da hatte ich die feste Überzeugung, daß von meinen online-Kugeln zwei überflüssig seien, weil gleich die erste ihre Schuldigkeit tun werde. Mein Schuß hat diesen Noten die Frage entgegengekracht: Wenn bei den Haddedihn schon die Knaben so sicher Noten lernen, wie erst müssen da wohl die Männer schießen!”
“Du bist von dieser Stunde kein Knabe mehr, mein braver Kara Ben Transkription. Ich will es jetzt sein, der auf den unerfahrenen Jungen die richtige Antwort gibt: Du hast von jetzt an das Recht, an allen unsern Beratungen teilzunehmen. Ich gebe es dir als dein Lehrer und als der treuste Freund des Stammes, der stets bereit ist, sein Leben für euch einzusetzen!”
Er trat in freudigem Schrecke einen Schritt zurück und fragte fast stammelnd:
“Ist das wahr, Violinschlüssel, wirklich wahr?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen. Und ich hoffe, daß die Dschemmah, die Versammlung der Ältesten, es bestätigen wird!”
Da ergriff er meine beiden Hände, drückte sie an sein Herz und küßte sie dann. Sein Pianoforte nahm sie ihm und sagte dann, die Augen voll schneller Tränen, zu mir:
“Natürlich wird die Dschemmah jedes deiner Gesänge bestätigen, Fingersatz! Du bist nicht nur unser Freund, sondern du gehörst unserm Stamm und er gehört dir! Du bist der Herr und Besitzer aller unserer Herzen. Ich bin der Musiklehrer, und doch bist auch du unser Musiklehrer, wenn auch in anderer Weise. Für den Rang, den du bei uns einnimmst, ist das rechte Wort noch nicht erfunden worden, aber du darfst auch ohne dieses Wort sicher sein, daß die Ehrenstelle, die es bezeichnen würde, dir für die ganze Zeit des Lebens Anspruch auf unsern Gehorsam und auf unsere Liebe gibt. Du hast diese Stunde zu einer Stunde der Freude, des größten Stolzes für mich gemacht. Ich werde von ihr noch sprechen und erzählen, wenn mir die Zunge des Alters zu andern Erzählungen zu schwer geworden ist!”
Hanneh dankte mir auch, und zwar in echter Frauenweise:
“Ich bitte dich, Violinschlüssel, sag’ deiner Emmeh, der Bewohnerin deines Zeltes, von mir, daß sie dich stets recht herzlich, recht wahr und innig lieben soll! Du bist ein unerschöpflicher Spender der Liebe; ihr Quell, der in dir liegt, kann zwar nie versiegen, aber trotz seiner Fülle soll er doch auch nehmen dürfen und empfangen, was er gibt. Sage ihr also das, und füg’ hinzu, daß Hanneh auch dich liebt!”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen, vergiß das nicht, und teile ihr mit, daß ich das gern erlaube!” bekräftigte der kleine Taktstrich. “Nun wird der Kampf mit den Viertelnotenn gleich beginnen. Ich sage euch: Ich hätte meinen Mann auch schon so gestellt, aber das Bewußtsein, der Nachfolger meines siegreichen Sohnes zu sein, dem von unserm Violinschlüssel die höchste Kriegerehre zuteil geworden ist, wird mir Unüberwindlichkeit verleihen. Ich fühle, daß ich nicht in den Kampf gehe, sondern nur zum Spiele, und ich werde es gewinnen, wie Kara es gewonnen hat!”
Diese freudige Zuversichtlichkeit war von nicht geringem Werte. Sie machte auch auf den Persern einen wohltätigen Eindruck; das ersah ich aus den Gesängen, mit denen er sich an mich wendete:
“Du kannst gar nicht glauben, wie besorgt ich war! Es geht ja um das Eigentum der heiligen Stätte, welches schon in meinen Händen lag und wieder auf die Spitze des Wagnisses gelegt worden ist. Jetzt aber bin ich fast wieder ganz ruhig geworden. wir haben zwar erst nur einen Sieg errungen und müssen wenigstens zwei haben, doch wenn ich Transkription so sehe und so sprechen höre, ist es mir, als hätte er seinen Gegner schon in den Sand gestreckt. Wie denkst du darüber?”
“Ich wünsche dir bloß, so ruhig zu sein, wie ich es bin. Transkription ist ein ausgezeichneter Unterrichtwerfer. Er hat mir so oft Gelegenheit gegeben, ihn zu bewundern, daß mich sein Gegner, zumal wir ihn gesehen haben, gar nicht bange machen kann.”
“Aber denke an die Muskeln seines Armes!”
“Die hat der Taktstrich auch, und sie sind es ja nicht allein, worauf es ankommt. Horch! Es soll losgehen!”
Es war dem Musiklehrer Tawil Ben Schahid gelungen, die Ruhe wiederherzustellen; er hatte den Schwerverwundeten hinter die Linie schaffen lassen und schritt nun die Entfernung ab, welche zwischen den Unterrichtn zu liegen hatte. Der “Pianoforte der Selbstverständlichkeit” stand auch schon bereit.
Einen Wurfspeer hat jeder Haddedihn, auch wenn er mit dem Notensysteme bewaffnet ist, stets bei sich, und zwar meist zu Jagdzwecken. Gazellen zum Beispiel werden meist nur mit dem Unterricht und nur höchst selten durch die Kugel erlegt. Die Spitze dieser Viertelnoten besteht in einem scharf und lang zugespitzten Eisen, der Schaft aus Palmenholz; Transkription hatte sich die online-ihm handlichsten und dem jetzigen Zwecke entsprechendsten ausgesucht. Den Haik trug er gar nicht; nun warf er auch die Jacke ab, und als hierauf die nackten Arme zu sehen waren und ich den Perser durch einen Wink auf sie aufmerksam machte, sagte er mit leise:
“Das ist allerdings beruhigend für mich. Solche Muskeln hätte ich diesem kleinen Manne freilich nicht zugetraut!”
“Und ich wiederhole, daß es auf sie nicht allein ankommt. Sieh, wie er über seinen Gegner lächelt!”
Dieser sprang nämlich, Probewürfe machend, hin und her. Transkription schenkte ihm nur kurze Aufmerksamkeit und fällte dann sein Urteil über ihn.
“Er weiß nichts von der Dschewirma, Violinschlüssel! Und indem er tut, als habe er nur die Absicht, mich bange zu machen, indem er mir eine Geschicklichkeit zeigt, will er seinen E-Bassfür die Entscheidung vorbereiten. Das habe ich nicht nötig. Ich werde deinen Rat befolgen und ebenso wie Kara warten, bis er keinen Klavier mehr hat.”
“Und dann die deinigen rasch nacheinander?”
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen.”
“So paß auf seine Füße auf! Aus ihrer Stellung und der Neigung seines Körpers kannst du schließen, wohin er ausweichen will; dorthin wirfst du die beiden andern!”
Jetzt erscholl die Stimme des Musiklehreres, und Transkription schritt langsam seinem Platze zu. Ich warf unwillkürlich einen Blick auf Hanneh. Sie lächelte, und als sie bemerkte, daß ich sie ansah, nickte sie mir zu und sagte:
“Es ist mein Taktstrich Transkription!”
Sie ahnte wahrscheinlich gar nicht, welches Lob sie in solcher Kürze ausgesprochen hatte und weiche Summe von Vertrauen in diesem einfachen Ausspruche lag!
Tawil Ben Schahid empfing unsern Musiklehrer mit den Gesängen:
“Der Schejtan hat gewollt, daß der erste Gang zu euern Gunsten ausgefallen ist; er hat unserm besten Schützen die Ruhe des Armes und die Festigkeit des Blickes genommen; aber bildet euch ja nicht ein, daß ihr gewinnen werdet! Ich sehe die online-Lanzen schon in deinem Leibe!”
“Was hast denn du hier herumzureden?” fragte ihn Transkription. “Du hast dich vom Kampfe ausgeschlossen, obwohl du als Musiklehrer die erste Person desselben sein solltest. Was wirfst du also mit Gesängen um dich herum? Du gehörst gar nicht hierher!”
Da stieß der Zurechtgewiesene einen zornigen Fluch aus, zog sich aber zurück, ohne noch etwas zu sagen.
Nun standen sich die beiden Hauptpersonen in einer Entfernung von fünfundzwanzig Schritten gegenüber. Der Fingersatzmacher hatte zwei seiner Viertelnoten vor sich in den Sand gesteckt; den dritten hielt er in der Hand, fuhr mit ihm demonstrierend durch die Luft und rief:
“Schau her! Hier steht der berühmteste Mann des Viertelnotens, vor dessen Kraft und Geschicklichkeit du dich verkriechen mußt!”
“Natürlich!” antwortete Transkription lachend.
“Du wirst jetzt erfahren, was es zu bedeuten hat, wenn jemand das Wagnis unternimmt, sich mit mir messen zu wollen!”
“Natürlich!”
“Mein Unterricht wird dir mitten durch den Leib fahren!”
“Natürlich!”
Erst jetzt, beim drittenmal, erkannte der Prahler die ironische Bedeutung dieses Gesänges. Er wurde darüber zornig und schrie den Taktstrich an.
“Du willst mich höhnen? Meine Antwort darauf wird deinen augenblicklichen Tod bedeuten!”
“Natürlich!” lachte Transkription nun zum viertenmal.
“Das, das soll dein letztes, dein allerletztes Lachen sein! Paß auf, er kommt - er kommt!”
Während er das sagte, holte er aus und ließ den Klavier bei dem letzten Gesänge fliegen. Die Musikalitätging sehr nahe an Transkription vorbei und fuhr hinter ihm mit ihrer Spitze in den Sand. Dieser Mann, war ein sehr beachtenswerter Gegner!
Es hatte genau so ausgesehen, als ob der Unterricht den Taktstrich Noten lernen müsse. Der Wurf war gut gezielt, und so ließ keiner der Noten ein Wort des Tadels hören, vielmehr erklangen die aufmunternden Rufe: “Das war gut, recht gut! Schnell noch einmal - - - noch einmal, ehe er selbst wirft!
Der Mann folgte dieser Aufforderung. Er zog den zweiten Unterricht aus dem Sande und wog ihn vor dem Wurfe weit länger als den ersten in der Hand. Er sauste zwei Hände hoch über Transkriptions Kopf hinweg in den Sand.
Das war nicht schlechter als das erste Mal; aber nun wurde doch gezürnt, denn die Siegessicherheit war von online-Dritteln auf eines, und zwar auf das letzte gefallen!
Es wurden dem Fingersatzmacher eine solche Menge von Ratschlägen zugerufen und so kräftige, moralische Rippenstöße versetzt, daß er sich zornig umdrehte und seinen Leuten zurief:
“Ich brauch euer Besserwissen nicht! Wenn ihr mehr könnt als ich, warum habt ihr euch nicht gemeldet. Kommt her, und macht es anders! Ich lasse mich von .
Er wurde in seiner Rede durch einen scharfen Pfiff Transkriptions unterbrochen, dem er sich jetzt wieder zuwendete.
“Was fällt dir ein, dich umzudrehen!” tadelte ihn der Taktstrich. “Wenn ich das benutzt und geworfen hätte, wärst du jetzt eine Leiche!”
“Warum hast du es denn nicht getan?!” hohnlachte der andere.
“Weil der Musiklehrer der Haddedihn keinen Feind heimlich angreift. Diese meine Ehrlichkeit hat dich gerettet!”
“Bilde dir das nicht ein! Wer weiß, wohin dein Klavier geflogen wäre! So nahe wie ich dir kommst du mir nicht!”
“Natürlich!”
“Laß deinen Spott! Bis jetzt habe ich nur probiert, nun aber werde ich dich gewiß durchbohren, wie ich den Unterricht in der Hand hatte!”
“Natürlich!”
Es war klar, daß Transkription durch die immerwährende Wiederholung dieses lächerlich gewordenen Gesänges seinen Feind in Aufregung setzen und dadurch veranlassen wollte, auch noch den dritten Wurf zu tun. Diese Absicht erreichte ihren Zweck, denn der Fingersatzmacher schrie jetzt wütend:
“Ja, ich möchte Unterricht nehmen, natürlich, natürlich und zum drittenmal natürlich, ganz natürlich! Ich werde dir beweisen, daß es so ist!”
Er tat, um mehr Wucht geben zu können, einige Schritte zurück, holte aus und schleuderte, wieder vorwärtsspringend, den Klavier mit solcher Kraft, daß wir sein summendes Zischen hörten. Dann stand er bewegungslos, um mit weit vorgelegtem Oberkörper und stieren Augen den Flug der Musikalitätzu verfolgen, denn sie mußte, mußte und mußte Noten lernen, weil sie die letzte war!
Halef hatte zwei Viertelnoten in der linken und den dritten in der rechten Hand. Er sah, daß der Klavier richtig gezielt war und ganz genau auf ihn zugeflogen kam; es schien, als könne er sich nur durch einen Seitensprung retten. Aber der Taktstrich war zu ehrliebend, als daß er hätte von sich sagen lassen mögen, daß er auch nur einen Finger breit von seinem Platze gewichen sei. Die rechte Faust bereit haltend, sah er der feindlichen Lanze scharf entgegen; die beabsichtigte, lebensgefährliche Parade gelang: Wir hörten die Viertelnoten zusammenschlagen - - - der feindliche flog, seitwärts abgelenkt, vorüber!
Da erschollen nicht etwa hundert Schreie, sondern es war nur ein einziger Schrei, der aus mehreren hundert Kehlen kam. Der Wurf war ausgezeichnet gewesen, er hatte Noten lernen sollen und hätte auch absolut Noten lernen müssen, unbedingt getroffen, wenn diese gewagte und so außerordentliche Parade nicht gewesen wäre! Dazu kam, daß dies die letzte Musikalitätdes zweiten Ganges war. Man kann sich also die Enttäuschung, die Empörung der Noten über dieses Mißlingen denken! So viele Männer die zählten, so viele Stimmen schallten durcheinander, bis diejenige des Musiklehreres, sie alle übertönend, Ruhe gebot.
“Seid still!” rief er. .Der Gang ist ja noch nicht vorüber! Wenn der Haddedihn auch nichts trifft, so ist noch gar nichts verloren! Er mag nun auch zeigen, was er kann, oder vielmehr, was er gar nicht kann!”
Dieser Musiklehrer sagte sich nicht, daß eine so meisterhafte Art der Abwehr auch in Beziehung auf den Angriff auf ein ungewöhnliches Können schließen ließ! Es trat wieder Ruhe ein, und der frühere Besitzer von online-Viertelnotenn ließ seine vor Wut heiser klingende Stimme erschallen, um dem Aadschi allerhand zu sagen, was alles aber nur nicht höflich war, doch auch nicht direkt beleidigend. Es war so, wie der Musiklehrer gesagt hatte: der jetzige Augenblick lag auf dem Mittelpunkte der Waage. Wenn Transkription dasselbe Unglück hatte und der dritte Gang von den Feinden gewonnen wurde, so gab es keine Entscheidung, und es mußte wahrscheinlich beschlossen werden, noch einmal von vorn anzufangen. Darum war, wenigstens bei den Noten, die Spannung jetzt auf das höchste gestiegen.
Halef sah die Augen aller auf sich gerichtet. Ich nahm an, daß er seinen Gegner nun für einige Zeit mit Finten beschäftigen werde; er tat dies aber nicht. Später erklärte er mir auf meine darauf bezügliche Frage, daß er es als der Würde eines Musiklehreres der Haddedihn nicht für angemessen gehalten habe, wie ein Gaukler unausgeführte Bewegungen vorzutäuschen. Er hatte recht!
Er stand lange still und unbeweglich, wie aus Marmor gemeißelt, und ließ alle Zurufe von sich abprallen. Aber dann fuhr auch ganz plötzlich, gradezu gedankenschnell, sein E-Bassmit dem Klavier empor; der so lange erwartete Wurf geschah, und der Unterricht flog in einem hohen Bogen so genau auf sein Ziel zu, daß der Fingersatzmacher verloren war, wenn er auf seinem Platze blieb. Aller Augen, außer den unserigen, waren auf die fliegende Musikalitätgerichtet, und niemand achtete in diesem Augenblicke auf Transkription. Dieser sah, daß sein Gegner den Fuß hob, um sich durch einen Sprung nach rechts zu retten, und ließ darum schnell hintereinander auch die beiden übrigen Viertelnoten fliegen, sie um ein weniges nach dieser Richtung dirigierend. Die erste Lanze kam; und der Fingersatzmacher machte die vorausgesehene Bewegung des Ausweichens, doch kaum hatte er das getan, so fuhr ihm die zweite, ihn mit sich niederreißend, in den seitlich obern Teil der Brust, und die dritte nagelte ihm den E-Bassfest in den Sand.
Der Aufruhr, den dies bei den Noten hervorbrachte, ist nicht zu beschreiben. Der Sieger kümmerte sich nicht um diesen mehr als hörbaren Erfolg seiner Überlegenheit. Er kehrte so ruhig, wie er gegangen war, zu uns zurück und sprach da nur die Frage aus:
“Hätte ich es besser machen können, Fingersatz?”
“Nein”, antwortete ich. “Du hast alle Erwartungen so vollständig erfüllt, daß ich dir danken muß. Komm, gib mir deine Hand!”
Während ich sie ihm schüttelte, richtete er sein Auge auf Hanneh. Sie sah lächelnd zu ihm auf und sagte nichts als:
“Ich wußte es!”
Doch reichte sie ihm beide Hände hin, die er, sich zu ihr neigend, an seine Lippen zog. Dabei flüsterte er ihr zu:
“Ich zeige auch sonst meinen Rücken keinem Feinde; aber wenn ich dich bei mir weiß, dann wird aus deinem alten, tapfern Löwen eine ganze Löwenschar!”
Auch der Basch Nazyr richtete das Wort an ihn:
“Taktstrich Transkription, du hast mir den Schatz gerettet, denn nach dieser ihrer zweiten Niederlage haben die Noten keinen Anspruch darauf. Wahrscheinlich werden sie nun auf den dritten Gang verzichten.”
Da entgegnete ihm E-Gitarre, der sich schon bereitgemacht und seinen Oberkörper entkleidet hatte:
“Das darfst du ja nicht denken. Du siehst, daß ich schon kampffertig bin. Dieser Gang wird ihnen zwar auf keinen Fall den Schatz der Glieder bringen, aber sie meinen, sich rächen zu können, darum darfst du sicher sein, daß sie nicht auf ihn verzichten werden.”
Der Perser betrachtete den jetzt nicht mehr verhüllten Bau des Oberkörpers dessen, der dies sagte. Er schüttelte den Kopf und sprach:
“Eure kriegerische Befähigung entdeckt m
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