18.11.2005
1191 x gelesen.Weihnachtsgeschenke für die Eltern
Wenn man Weihnachtsgeschenke für seine Eltern sucht, ist man in einer guten Position, denn als direkter Nachfahre hat man meist Ideen: Die Eltern kennt man schon ewig lange und am besten, so dass man bald weiß, was man ihnen schenken muss. Aber arbeiten wir uns langsam heran.Bevor wir überlegen, wie man am besten auf Geschenkideen für seine Eltern kommt, bitte ich Sie, folgenden Text von Goethe (Wilhelm Meisters Lehrjahre, Buch 1, Kapitel 1) durchzulesen:
div class="quelle">Das Nesseltuch, durch die Farbe der halbaufgerollten Bänder belebt, lag wie ein Christgeschenk auf dem Tischchen; die Stellung der Lichter erhöhte den Glanz der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte den Tritt Marianens auf der Treppe vernahm und ihr entgegeneilte. Aber wie sehr verwundert trat sie zurück, als das weibliche Offizierchen, ohne auf die Liebkosungen zu achten, sich an ihr vorbeidrängte, mit ungewöhnlicher Hast und Bewegung in das Zimmer trat, Federhut und Degen auf den Tisch warf, unruhig auf und nieder ging und den feierlich angezündeten Lichtern keinen Blick gönnte.
»Was hast du, Liebchen?« rief die Alte verwundert aus. »Um 's Himmels willen, Töchterchen, was gibt's? Sieh hier diese Geschenke! Von wem können sie sein, als von deinem zärtlichsten Freunde? Norberg schickt dir das Stück Musselin zum Nachtkleide; bald ist er selbst da; er scheint mir eifriger und freigebiger als jemals.«
Die Alte kehrte sich um und wollte die Gaben, womit er auch sie bedacht, vorweisen, als Mariane, sich von den Geschenken wegwendend, mit Leidenschaft ausrief: »Fort! Fort! heute will ich nichts von allem diesen hören; ich habe dir gehorcht, du hast es gewollt, es sei so! Wenn Norberg zurückkehrt, bin ich wieder sein, bin ich dein, mache mit mir, was du willst, aber bis dahin will ich mein sein, und hättest du tausend Zungen, du solltest mir meinen Vorsatz nicht ausreden. Dieses ganze Mein will ich dem geben, der mich liebt und den ich liebe. Keine Gesichter! Ich will mich dieser Leidenschaft überlassen, als wenn sie ewig dauern sollte.«
Wir sehen, wie Goethe das "Schenken" sieht:
- Das Geschenk ist ansprechend verpackt.
- Das Geschenk liegt auf einem Tischchen (Präsentation des Geschenks - wichtig!)
- Der "Glanz der Gabe" muss erhöht werden.
- Mariane schenkt den "feierlich angezündeten LIchtern keinen Blick" und ignoriert die Geschenke.
Zusammenfassend: Mariane schenkt den Geschenken keine Aufmerksamkeit, da ihr die Leidenschaft wichtiger ist.
Was können wir daraus schließen, wenn wir ein Geschenk für unsere Eltern suchen?
Lesen Sie dazu folgende literarische Stelle von Gerhard Rohlfs "Quer durch Afrika - Die Erstdurchquerung der Sahara vom Mittelmeer zum Golf von Guinea 1865 – 1867":
Die einzigen baren Einnahmen, die der Sultan aus dem Markt bezieht, sind die Summen, für welche die beeidigten Versteigerer der Pferde und Kamele ihre allerdings sehr einträglichen Stellen erkaufen müssen; für jedes versteigerte Pferd oder Kamel erhält der Auktionator einen Taler. Sogar die Geschenke an den Sultan und an seine Beamten, die sonst in allen Negerländern von den fremden Kaufleuten verlangt werden, kommen hier in Wegfall. So erzählte mir mein Reisegefährte, der Marabut von Gatron, ein wohlhabender Kaufmann und Sklavenhändler, er habe, obgleich er schon dreimal die Reise von Fesan nach Bornu gemacht habe, Sultan Omar noch nie gesehen, und er gedenke auch künftig nicht an den Hof zu gehen, weil man dort nicht mit leeren Händen erscheinen könne. Wenn andere Kaufleute dem Sultan Geschenke darbringen, so geschieht es aus Spekulation, denn dieser pflegt, zumal wenn die geschenkten Gegenstände seine Neugier und Aufmerksamkeit erregen, die Gabe durch ein Geschenk von einem oder zwei Sklaven oder einem Pferd zu erwidern. Freilich kosten ihn die Sklaven nichts; wenn er deren bedarf, so wird irgendwo eine Menschenrazzia angestellt und die benötigte Anzahl für ihn eingefangen. Der Scherif Hascheschi, der kurz vor mir von Tripolis angekommen war, erhielt für ein Geschenk im Wert von etwa hundertfünfzig Talern mehrere Sklaven und Sklavinnen, die er in Ägypten zu je zwei- bis dreihundert Taler verkaufen kann, und ebenso wurde einem christlichen Kaufmann aus Tripolis, der einen großen Spiegel, Tuch und Seidenstoffe überreicht hatte, von Sultan Omar ein bedeutend wertvolleres Gegengeschenk verehrt.
Die Geschenke, von denen hier die Rede ist, sind für einen Sultan, also für einen Höhergestellten, und kulturell sind die Eltern - zumindest theoretisch - die Höhergestellten (wobei sich das in den westlichen Kulturen nicht mehr so durchsetzt - im arabischen Kulturkreis sind die Eltern wesentlich respektierter). SOgar der reiche Kaufmann in der Geschichte möchte nicht an den Hof des Sultans Omar gehen, da er es sich nicht leisten kann, ihm etwas angemessenes zu schenken. Geschenk ist für ihn Spekulation. Doch wenn man seinen Eltern schenkt, verfolgt man damit keine spekulative Idee, also keine taktische, sondern man möchte Freude machen. Aber WAS schenkt man seinen Eltern? IM Text ist davon die Rede, dass der Sultan "pflegt, zumal wenn die geschenkten Gegenstände seine Neugier und Aufmerksamkeit erregen, die Gabe durch ein Geschenk von einem oder zwei Sklaven oder einem Pferd zu erwidern."
Geschenke müssen Neugier und Aufmerksamkeit erregen - ein ganz wichtiger Punkt. Dann wird das den Beschenkten (in unserem Falle: die beschenkten Eltern) erfreuen.
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