11.11.2005
EU-Chemierichtlinie “REACH” am Kippen - Mitschuldige: Angela Merkel
Der dramatische Anstieg von Krebserkrankungen und Allergien ist Krebs- und Kinderärzten zufolge auf Umweltgifte zurückzuführen: In vielen Dingen, die wir essen, anziehen, anfassen oder einatmen, sind fiese Chemikalien drin. Im Blut eines Europäers werden bis zu 300 giftige Chemikalien gefunden.
Bei Kindern steigt die Krebsrate jährlich um ein Prozent und ist zur zweithäufigsten Todesursache geworden. Die Brustkrebsrate hat sich in 20 Jahren verdoppelt. Prostatakrebs bei Männern hat sich seither verdreifacht. Eine Studie aus Wales und England zeigt, dass dort die Rate sämtlicher Krebserkrankungen explodierte: Zwischen 1970 und 1999 stieg sie um 60 Prozent.
Auch andere Umwelterkrankungen haben enorm zugenommen. 15 Prozent aller Paare sind ungewollt kinderlos. Der österreichische Kinderarzt Andreas Lischka ist überzeugt, dass die Symptome oft fälschlich als psychosomatisch eingestuft werden, obwohl in Wahrheit das Zentralnervensystem auf Umweltgifte reagiert. Auf vier bis neun Prozent wird der Anteil der Bevölkerung geschätzt, der unter schwersten Umwelterkrankungen wie chronischer Ermüdung oder schwerem Asthma leidet.
taz, 09.11.2005: “Die Chemie ist schuld am Krebs”
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Die neue EU-weite Chemierichtlinie “REACH” sollte eigentlich die Verbraucher schützen: Chemikalien sollen (R)egistriert, (E)valuiert und (A)utorisiert werden - teilweise auch Stoffe aus den 50ern, die noch heute verkauft werden. Das Europäische Parlament hat sich jedoch auf einen wirtschaftsfreundlichen Kompromiss geeinigt:
Doch von den ursprünglichen Plänen bleibt nach der neuen Einigung wenig: Hersteller müssen für Chemikalien, von denen sie im Jahr bis zu zehn Tonnen verkaufen, keine Daten zur Giftigkeit mehr abliefern. Dazu gehören zum Beispiel Farbpigmente für Eyeliner. Sie werden häufig nur in kleinen Mengen geliefert. Und wer von einer Substanz zwischen zehn und hundert Tonnen im Jahr herstellt, muss keine Langzeituntersuchungen mehr vorweisen. Der 28-Tage-Test an Ratten oder Mäusen ist gestrichen. So fallen Aussagen weg, ob eine Chemikalie Organe schädigt.
Was Bestand hat: Strikte Vorschriften für alle Chemikalien, von denen eine Firma mehr als 1.000 Tonnen produziert. Solche Mengen sind jedoch gerade einmal bei 5.000 Chemikalien üblich.
taz. 11.11.2005: “Chemiegifte bleiben unkontrolliert”
Die designierte Bundeskanzlerin
Angela Merkel steht dabei eindeutig auf der Seite der Wirtschaft (sie hat ja auch keine Prostata):
Aus Regierungskreisen hieß es gestern, dass sie den EU-Ratsvorsitzenden Tony Blair für eine Verwässerung gewinnen will. Sie bietet dem Briten eine neue Freundschaft an. Statt der Achse Berlin-Paris, die SPD-Kanzler Gerhard Schröder pflegte, soll es nun die die Achse Berlin-London geben.
Merkel wirkt darauf hin, die Chemie-Abstimmung zu verschieben. Ihr Kalkül: Im nächsten Halbjahr hat Österreich die Ratspräsidentschaft inne. Für Chemikalien ist dort der Wirtschaftsminister Martin Bartenstein zuständig. Und seine Familie hat ein Chemie- und Pharmaunternehmen. Reach könnte auch noch ganz kippen.
taz. 11.11.2005: “Chemiegifte bleiben unkontrolliert”
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